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Ohne Zucker ein armer Schlucker

24.05.2004
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Kräuterapotheke

Ohne Zucker ein armer Schlucker

von Ulrike Abel-Wanek, Bad Windsheim

Lange bevor es die pharmazeutische Industrie gab, kurierte man Krankheiten ausschließlich mit Heilpflanzen und anderen Naturstoffen. Die Tradition natürlicher Arzneimittelzubereitungen steht im Mittelpunkt der „Kräuter-Apotheke“ im Fränkischen Freilandmuseum Bad Windsheim. Die Ausstellung zeigt die oft mühsame Arbeitswelt früherer Apotheker und weiht ein in alte Rezepturen.

Schimpansen nutzen Pflanzen gegen Würmer, Eber fressen Trüffel für die Potenz und Elefanten berauschen sich an vergorenen Früchten. Wie die Tiere, so lernte auch der Mensch früh, die Natur für sich zu nutzen.

Aus der „Tria regna“ Pflanze, Tier, Mineral fanden hauptsächlich die „Vegetabilia“ Verwendung in der Heilkunde, erklärte der Präsident der Bundesapothekerkammer, Johannes M. Metzger, in seinem Festvortrag „Arzneimittel aus der Natur“ zur Museumseröffnung am 24. April 2004.

Bereits der Homo erectus, aufrechter Vorfahre des modernen Menschen, versuchte Beschwerden und Blessuren mit Hilfe von Pflanzenteilen zu heilen. In der Antike waren schon mehrere hundert Heilpflanzen bekannt. Zu denen, die von Dioskurides und Galen im 1. und 2. Jahrhundert beschrieben wurden, kamen später durch die arabische Heilkunde zahlreiche Arten hinzu. Mit dem orientalischen Kräuter- und Gewürzhandel fanden außerdem Sirup, Honig und der damals kostbare Zucker den Weg nach Mitteleuropa, dienten dem Apotheker zum Versüßen manch bitterer Medizin und zur Herstellung von Hustensäften und ersten Kräuterbonbons. Zucker war ein besonderer Luxusartikel, der selbst als Heilmittel galt, das Spektrum seiner Anwendung schien unerschöpflich. „Es wird sogar berichtet, dass Münchner Apotheker im 15. Jahrhundert einen Teil ihrer Steuerschuld in Form von Zuckerwerk an die Stadtkammer abzuführen hatten“, heißt es auf einer Museums-Schautafel über die Entwicklung der Apotheke und des Apothekerberufs. Dieser ist untrennbar mit der Kräuterheilkunde verbunden, und so ist der Gang durch die Geschichte der „Materia medica“ auch ein Gang durch die Apothekengeschichte.

Den Rahmen der Ausstellung bildet eine historischen Apotheke aus der Zeit um 1900: die repräsentative Offizin, Materialkammer und Laboratorium zur Arzneimittelherstellung bis hin zu dem traditionell im Dachgeschoss untergebrachten Kräuterboden, der zum Sortieren, Trocknen und Aufbewahren der Heilpflanzen diente. Ein kleiner Festsaal kann für Vorträge, Kammerkonzerte, vor allem aber für museumspädagogische Aktionen genutzt werden. Unter fachkundiger Anleitung werden dann Kräuter geschnitten und Pillen, Pulver und Pasten selbst hergestellt.

Das Haus, das die Kräuter-Apotheke beherbergt ist das älteste des Fränkischen Freilandmuseums und liegt inmitten eines historischen Bauensembles um den Alten Bauhof am Holzmarkt. Es wurde 1358 errichtet und Mitte des 18. Jahrhunderts grundlegend umgebaut. Die Verbindung von Mittelalter und Barock macht den besonderen Charme des Hauses aus.

Die Vorarbeiten für das Museumsprojekt reichen ins Jahre 1999 zurück. Initiator und Sponsor war Dr. Felix Soldan, der 1290 fränkische Apotheken anschrieb und nach museumstauglichen Einrichtungs- und Gebrauchsgegenständen aus Offizinen oder Laboratorien fragte. Die Resonanz war überwältigend. Gemeinsam mit den Dauerleihgaben der Hauptsponsoren, der Firmen Martin Bauer aus Vestenbergsgreuth und Dr. C. Soldan aus Nürnberg, kam ein wahrer Schatz zutage, und wurde dem Freilandmuseum zur Verfügung gestellt: Mobiliar, Waagen, Mörser, Tubenfüllmaschinen, Zäpfchen- und Tablettenpresse, Signiergeräte, Kräutermischtrommeln, ein Giftschrank und Drogenlehrkasten sowie ein Destillierapparat. Wer wissen möchte, wie ein Kräuterbonbon vorindustriell gemacht wurde, kann das in einer im Laboratorium eingerichteten „Zuckerkocherei“ erleben. Soldan lüftete zur Museumseinweihung auch das Geheimnis der berühmten Fahne seiner Hustenbonbons. Sie sollten nicht nur die Beschwerden der von Staublunge geplagten Bergarbeiter lindern. Mit Hilfe der Fahne bekamen die Grubenleute ihre Kräuterbonbons auch ohne Hilfe der meistens sehr schmutzigen Finger aus dem Papier.

 

Fränkisches Freilandmuseum
Eisweiherweg 1
91438 Bad Windsheim

Telefon (0 98 41) 66 8 00

Öffnungszeiten:
Dienstag bis Sonntag 9 bis 18 Uhr,
7. Juni bis 6. September:
täglich 9 bis 18 Uhr

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