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Licht- und Schattenspiele

19.05.2003
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Ingelheimer Tage

Licht- und Schattenspiele

von Ulrike Abel-Wanek, Ingelheim

Die Ingelheimer Tage betreten neues Terrain. Zum ersten Mal in ihrer 45-jährigen Geschichte widmen sie der Fotografie eine Ausstellung: „Die Welt ist so, wie man sie sieht – Das Geheimnis der Fotografie“ zeigt Menschenbilder des 20. Jahrhunderts in einer äußerst gelungenen Gegenüberstellung berühmter und weniger bekannter Fotografen.

Die Fotografie galt lange als Stiefkind in der Kunst. In den 20er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts wurde sie jedoch zum Shootingstar der Avantgarde. Künstler, aber auch Kritiker betrachteten die Kamera im Vergleich zur Malerei nicht mehr von oben herab, vielmehr nutzten sie ihre technischen Möglichkeiten für einen neuen Blick auf die alte Welt. „Neues Sehen“ stand für innovative, mit den Konventionen des Sehens brechende, visuelle Strategien. Das Auge öffnete sich für das Unbekannte im Bekannten, Gegenstände und Objekte wurden aus ihren Zusammenhängen gelöst. Die Vogelperspektive verfremdete zum Beispiel das Vertraute einer Strandszene - bisher nicht fotografierwürdige Motive und Alltagsszenen erhielten durch extreme Blickwinkel und Licht-Schatten-Effekte einen neuen Sinn. László Maholy-Nagy und Umbo sind berühmte Vertreter der so genannten Bauhaus-Fotografie.

Diese ist nur ein Teil der Ingelheimer Ausstellung, die nicht den Anspruch erhebt, die Geschichte der Fotografie zu erzählen. „Es geht in dieser Ausstellung weniger um das Was als um das Wie am fotografischen Bild, weniger um das Motiv als um visuelle Konzeptionen“, betont Kuratorin Dr. Patricia Rochard im Vorwort des Katalogs.

Die Ausstellung präsentiert Themen, über Zeiten und Stile hinweg, nicht chronologisch, sondern assoziativ geordnet, „um Parallelen, Zusammenhänge oder Unterschiede des bildnerischen Denkens aufzuspüren“. Die Auswahl der Bilder gliedert sich in sechs Kapitel: Kinder – Traum und Wirklichkeit, Bildnis – Augenblick und Ewigkeit, Femmes – Glamour und Stille, Nude – Anmut und Erotik, Schnappschuss – Momente des Glücks und schließlich die FAZ-Kampagne Kluge Köpfe.

Hervorragend gelungen ist das Arrangement der Arbeiten in den fünf Räumen. Die treffenden Gegenüberstellungen bauen Spannung auf, ergänzen sich - die Fotografien werden zum verbindenden Element über Länder, Zeiten und Motive hinweg. Der Betrachter taucht ein in die Situation, in der die Fotos entstanden.

Helmut Newton, Chronist menschlicher Eitelkeiten, Fotograf der eiskalten Schönen und Exzentriker, trifft auf die sinnlich weiche Aktfotografie von Jean Loup Sieff. Annie Leibovitz verwandelt Jodie Foster in der Tradition der Inszenierten Fotografie in eine klassische Venus mit gelöstem Haar und leuchtend rotem Kleid. Der große Richard Avedon, in diesen Tagen 80 Jahre alt geworden, wandelte sich vom Modefotografen zum tiefgründigen Dokumentaristen. Seine Porträts berühmter Persönlichkeiten sorgten für Furore. In Ingelheim schaut er hinter die Hochglanzfassade und zeigt eine traurige und nachdenkliche Marilyn Monroe. Der „Poet der Dunkelkammer“ Man Ray ist ebenso vertreten wie Robert Mapplethorpe, Arnold Newman oder Helmut Newton. Zu sehen sind insgesamt 162 Werke von 65 internationalen Fotografen. Nach der üppigen Sinnlichkeit der afrikanischen Skulpturen aus dem vergangenen Jahr jetzt der Sprung in die hauptsächlich schwarz-weiße Zweidimensionalität der Fotografie: Die Ingelheimer schafften ihn mit Bravour.

 

Die Ausstellung

Dauer:
15. Mai bis 13. Juli 2003

Altes Rathaus
François-Lachenal-Platz
55218 Ingelheim am Rhein

 

Hervorragende Abbildungen aller ausgestellten Werke und eine Einführung vom ehemaligen Leiter der FAZ-Feuilletonredaktion, Wilfried Wiegand, enthält der Katalog zur Ausstellung (34 Euro). Top

© 2003 GOVI-Verlag
E-Mail: redaktion@govi.de

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