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Arzneimittel in todsicherer Dosis

05.05.2003
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Agatha Christie

Arzneimittel in todsicherer Dosis

von Ulrike Abel-Wanek, Eschborn

Nicht jeder weiß, dass Agatha Christie sechs Jahre in einer Apotheke gearbeitet hat. Und dass die genaue Beschreibung einer Thallium-Vergiftung in einem ihrer Romane ein Menschleben rettete. Anders als in angelsächsischen Ländern ist deutschen Lesern die weltberühmte Lady of Crime als Pharmazeutin kaum bekannt. Das Leipziger Apothekenmuseum widmet der toxikologischen Seite ihrer Werke jetzt eine informative kleine Sonderausstellung.

Gift als Mordwaffe setzte die Autorin in mehr als 40 ihrer über 80 Romane ein. Ihre Vorliebe galt den schnell wirkenden, schwer nachweisbaren Substanzen. Chlor, Arsen, Nikotin, Morphin, Thallium, Strychnin, Salz-, Blau- und Oxalsäure – die Liste der von ihr beschriebenen Stoffe liest sich wie ein chemisches Wörterbuch. Deshalb sind die Agatha-Christie-Romane auch mehr als gute Unterhaltungslektüre.

Die beiden Toxikologen Professor Dr. Volkmar Schneider, Direktor des Instituts für Rechtsmedizin der freien Universität Berlin, und Dr. Benno Rießelmann, Landesinstitut für gerichtliche und soziale Medizin in Berlin, bescheinigen den Christie-Büchern fast Lehrbuchniveau. In einer von ihnen verfassten wissenschaftlichen Studie mit dem Titel „Giftmorde in Agatha Christies Romanen“ empfehlen sie ihren Fachkollegen die Lektüre der Romane. Nicht nur Wirkung und Symptome der Gifte seien hier meisterlich und wahrheitsgetreu beschrieben, auch die häufigen Fehldiagnosen der Ärzteschaft bringe Christie treffend auf den Punkt.

Beispielhaft verweisen Schneider und Rießelmann auf den Roman „Das fahle Pferd“ aus dem Jahr 1961, in dem die zunächst grippeartigen Symptome einer Thallium-Vergiftung nicht erkannt und fehlinterpretiert werden. Im wirklichen Leben rettete diese Geschichte 1977 in England einem neunzehn Monate alten Kind das Leben. Der mysteriöse Krankheitsverlauf stellte die Ärzte vor ein Rätsel. Gewiss war, dass das Kind sterben würde, wenn die Ursachen der Erkrankung nicht bald aufgedeckt werden könnten. Der entscheidende Hinweis kam von einer leidenschaftlichen Krimileserin: einer Krankenschwester, die die Beschreibungen ihrer Lieblingsautorin mit den Symptomen des Kindes verknüpfte. Die treffende Diagnose konnte so gestellt und das Kind gerettet werden.

Leidenschaft und Langeweile

Agatha Christies Leidenschaft für Gifte wurde während des Ersten Weltkriegs geweckt. In dieser Zeit arbeitete sie zunächst als Krankenpflegerin in einem Feldlazarett in ihrem Geburtsort Torquay und schließlich als Apothekerassistentin in der Krankenhausapotheke. Sie bestand die Prüfung vor dem Apothekerverein in London und durfte für Medizinalbeamte und Pharmazeuten dispensieren. Obwohl sie das Medikamentenausgeben eintönig fand, half ihr die Arbeit über die Wirren der Kriegszeit und die Angst um ihren ersten Mann, Archibald Christie, der als Flieger in der Armee diente, hinweg.

* In sorgfältig linierten Notizbüchern beschrieb sie in alphabetischer Reihenfolge Erscheinungen und Eigenschaften der verschiedenen Substanzen, die Quellen aus denen sie gewonnen wurden, ihre Wirkungsursachen und die Stoffe, mit denen sie unverträglich sind – Aconitin, Cascara, indischer Hanf, Chinin, Gentiana („sieht aus wie russische Schokolade“).

Sie fertigte Listen von Substanzen und ihren erkennbaren Merkmalen an: „Extrakt aus Mutterkorn: riecht wie schlecht gewordener Fleischextrakt; Kollodium riecht nach Äther – weiße Rückstände am Korken.“ Sie machte Notizen über Alkaloide, Tabellen, die einen Überblick über die Bereitung von Antimon, Belladonna, Digitalis, Morphium et cetera mit den empfohlenen Dosierungen geben. Damals ahnte sie noch nicht, dass von ihr einmal gesagt werden wird, sie sei die „einzige Frau, die noch mehr als die Borgias von Giften profitierte.“

In der Apotheke kam ihr auch der erste Gedanke zu einem Giftmordroman. Nur der Detektiv fehlte ihr noch. Die vielen belgischen Flüchtlinge brachten sie auf die Idee: Ein Belgier sollte es sein. 1920 erschien ihr erstes Buch „The Mysterious Affair of Styles“ (Das fehlende Glied in der Kette) mit Meisterdetektiv Hercule Poirot, der fortan seine Fälle mit viel Ruhe und logischem Denken löste.

Dosis sola facit venenum

“Alle Dinge sind ein Gift und nichts ist ohne Gift. Nur die Dosis bewirkt, dass ein Ding kein Gift ist.“ Der berühmte Satz von Bombastus Theophrastus von Hohenheim, genannt Paracelsus (1493 bis 1541), trifft auch auf viele Giftmorde in Christies Werken zu. Zahlreiche Arzneimittel werden bei ihr in genügend hoher Dosierung zur todbringenden Substanz.

Mit ihren profunden toxikologischen Kenntnissen setzte sie die verschiedenen Pharmaka immer mit dem nötigen Sachverstand ein. Wo die heilsame Dosis endete und die schädliche, vielleicht sogar tödliche Menge begann, wusste sie genau zu unterscheiden.

Ihre Opfer erhalten die giftigen Substanzen auf unterschiedlichste Weise: eingerührt in ihren Tee, Kaffee, ihren Cocktail, in Pralinen oder in die Medizin gemixt. „Und ist sie gestorben? An was?“ – „Jemand hat beim Spinat schneiden ein paar Fingerhutblätter erwischt – ein reines Versehen... Sowas ist kaum tödlich.“ – „Das würde nicht ganz genügen. Aber wenn Sie eine gute Portion Digitalis in eine Kaffeetasse tun... dann kann man den Fingerhutblättern die Schuld geben, und es sieht alles wie ein bedauerliches Versehen aus (Alter schützt vor Scharfsinn nicht - Postern of Fate, 1973)“.

Der Fingerhut spielt in der Volksmedizin seit Jahrhunderten eine Rolle. Leonhard Fuchs gab der 1543 in seinem berühmten Kräuterbuch beschriebenen und abgebildeten Pflanze den Namen Digitalis. 1753 übernahm ihn Linné in seine Pflanzensystematik. Etwa 1775 entdeckte der englische Arzt William Withering die günstige Wirkung der Glycoside bei Herzmuskelschwäche und gab den Anstoß zur Digitalis-Therapie. Aber erst 1867 isolierte der französische Apotheker Claude-Adolph Nativelle einen der wesentlichen Wirkstoffe, das Digitoxin, in annähernd reiner Form. Nach 1930 schließlich wurden chemisch reine Herzglycoside hergestellt.

Aconitum ab Paddington

Mehr noch als Digitalis zieht sich der Blaue Eisenhut als Mordgift durch die Zeitgeschichte. Aconitum napellus gilt als die giftigste Pflanze Mitteleuropas. Das wusste auch Agatha Christie:

„Was war denn in den Tabletten?“ – „Aconitin. Das sind Tabletten, die üblicherweise im Giftschrank aufbewahrt werden und nur äußerlich in einer Verdünnung von eins zu hundert angewendet werden.“ – „Und Harold hat sie eingenommen und ist gestorben (16 Uhr 50 ab Paddington - 4.50 from Paddington, 1957)“.

Aristoteles nahm sich vermutlich mit Aconitum das Leben als er angeklagt wurde, Alexander den Großen vergiftet zu haben. Medizinisch setzte man die Pflanze in der Antike gegen starke Nervenschmerzen ein, später gegen Epilepsie, Lähmungen, Wassersucht sowie gegen Neuralgien, Gicht und Rheumatismus. Heute hat die Droge nur noch in homöopathischer Potenzierung eine Bedeutung.

Der Berliner Apotheker Uwe Künzler geht in seiner Promotionsarbeit den Pharmaka in den Werken Agatha Christies auf den Grund und liefert die theoretische Grundlage für die Leipziger Sonderausstellung. Die Exponate befinden sich in nur einem Raum, bieten aber eine Fülle von Anregungen, sich mit den kenntnisreich recherchierten pharmazeutischen Details in den Kriminalromanen zu beschäftigen.

Zu sehen sind typische Standgefäße, vorschriftsmäßig nach dem Giftgesetz beschriftet, Apothekengefäße, die zur Verarbeitung von Giftstoffen dienten und historische Verpackungen von Arzneimitteln, die aus „giftigen“ Stoffen hergestellt wurden. Außerdem schön kolorierte Lithografien von Arzneipflanzen aus dem 19. Jahrhundert.

Bedeutende Pharmaka werden in ihrer Heil- beziehungsweise giftigen Wirkung ebenso dargestellt wie die historische Entwicklung der Giftvorschriften. Dürfte man in den Kriminalromanen aus einer der Vitrinen blättern wäre übrigens eins schnell klar: Der Mörder ist nicht immer der Gärtner, sondern manchmal auch der Apotheker.

 

* Zitat aus dem Begleitheft zur Ausstellung: „Arzneimittel in todsicherer Dosis“. Die umfangreiche, spannend geschriebene Broschüre ist für 3 Euro plus Versand beim Apothekenmuseum erhältlich: Sächsisches Apothekenmuseum, Thomaskirchhof 12, 04109 Leipzig, Telefon (0341) 33 65 2- 0, Fax 33 65 2-10. Die Ausstellung ist vom 12. April bis 13. Juli geöffnet.Top

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