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Die Milch macht den Modeschmuck

12.04.2004
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Art-Deco-Ausstellung

Die Milch macht den Modeschmuck

von Sabine Schellerer, München

Die Sonderausstellung „Art Deco – Schmuck aus Kunststoff und Metall von Jacob Bengel“ zeigt, wie sehr chemische Erfindungen die Alltagskultur seit über 100 Jahren auch im künstlerischen und ästhetischen Sinn prägen. Hier präsentieren sich einzigartige Exponate, die das Sammlerehepaar Händel aus Bonn mit jahrelangem Engagement zusammengetragen hat.

Männer, die während der nächsten Monate das Deutsche Museum in München in weiblicher Begleitung durchkämmen und die gesamte Palette der technischen Exponate besichtigen möchten, müssen sich warm anziehen. Denn was Frau in der neu eröffneten Sonderausstellung „Modeschmuck des Art Deco“ erblickt, droht den Reiz von Eisenbahnen und Dampfmaschinen in den Schatten zu stellen. Hier erwartet den Besucher ein Sammelsurium von 120 prachtvollen Ketten und Ohrringen, Armreifen und Broschen, wie sie in der Zeit des Art Decos, zwischen 1924 und 1939 in Deutschland angefertigt wurden. Es gibt wohl kaum eine schmuckbegeisterte Frau, die sich dem Zauber dieser außerordentlichen Prachtstücke entziehen kann.

Dabei wird die Ausstellung besonders diejenigen begeistern, die ein Faible für auffälligen Designer-Schmuck und moderne Kunst haben, und sich weniger von zarten Goldkettchen und filigranen Ohrgehängen, Diademen und Colliers angesprochen fühlen. Denn hier dominieren klare geometrische Linien, grobe Formen und kräftige Farben. Auch passt das ausgefallene Geschmeide eher zum „Kleinen Schwarzen“ und weniger zum verspielten, ausladenden Ballkleid. „Wir haben es hier mit Ketten zu tun, die während der 20er- und 30er-Jahre Frauen von Welt eroberten“, berichtete Dr. Christiane Weber-Stöber, Geschäftsführerin der Gesellschaft für Goldschmiedekunst in Hanau auf einem Presserundgang. Die Damen, die sich damals mit diesen Preziosen schmückten, sind daher weniger unter der breiten Masse der braven Hausfrau zu suchen, sondern vielmehr in der betuchten und verruchten Musik- und Theaterszene.

Proteine in allen Farben

Wer in der Ausstellung nach Gold, Silber und Edelsteinen sucht, wird sich vergebens mühen. Obwohl sie überaus edel wirken, sind die Schmuckstücke in den Vitrinen nämlich hauptsächlich aus Chrom, Messing und dem halbsynthetischen Kunststoff Galalith angefertigt. „Galalith besteht eigentlich aus Milch“, erklärte Privatdozentin Dr. Elisabeth Vaupel, Leiterin der Abteilung Chemie des Deutschen Museums. Wenn der Chemiker in seinem Labor das Milchprotein Casein mit Formaldehyd mischt, bekommt er nach vielen Stunden eine feste, hornartige, weißglänzende Masse, den Milchstein oder Galalith, in der Schmuckbranche auch Kunsthorn genannt. Was ursprünglich den schwarzen Untergrund von Schultafeln anhaltend weiß färben sollte, aber leider nicht haften blieb, wurde rasch der Verkaufsschlager in der Schmuck- und Modeindustrie. Knöpfe, Gürtelschließen, Kämme oder Geschmeide – mit dem Kunststoff aus Milch lagen die Fabrikanten niemals falsch. Denn das Material lässt sich hervorragend verarbeiten, und wie alle Proteine in sämtlichen gewünschten Tönen färben, ja sogar marmorieren. „Egal ob die Damen einen Lapislazulieffekt wünschten oder Korallen bevorzugten – mit Galalith wurden alle Wünsche wahr.

Selbst Bernstein ließ sich mit dem Zauberstoff imitieren. Arbeitet man nämlich Seife in das Casein ein, wird das Endprodukt durchsichtig“, sagte Vaupel. Schon bald flossen 13 Prozent des deutschen Milchaufkommens in die Galalithproduktion. Schließlich mussten die Fabrikanten Nahrungsmittel beispielsweise aus Argentinien importieren, um den riesigen Bedarf zu decken. Dabei faszinierten insbesondere die Leuchtkraft und Klarheit des Kunststeins. Ganz anders als Zelluloid, das sich ebenfalls hervorragend färben lässt, brennt Galalith zudem nicht und hatte bei den Herstellern deshalb rasch die Nase vorn. Entdeckt wurde das Chamäleon unter den Kunststoffen zu Beginn des 20. Jahrhunderts rein zufällig von dem Fabrikanten Wilhelm Krische aus Hannover.

Modeschmuck statt Uhrenketten

Bald sprang der Industrielle Jacob Bengel aus Idar-Oberstein auf den Modeschmuckzug auf und brachte die Herstellung und Verarbeitung von Galalith-Bijouterien zum Erblühen. Denn mit Uhrenketten, die der findige Schlossermeister von 1873 an erfolgreich produzierte, ließ sich seit der Erfindung der Armbanduhr im Jahr 1910 kaum mehr verdienen. Deshalb verlegte Bengel seine Manufaktur auf die Herstellung von Chrom-Galalith-Schmuck in höchster künstlerischer Qualität. Getragen von der Modeschmuckwelle der Pariser Modeschöpferin Coco Chanel entwickelten sich die Bengelschen Arbeiten rasch zu einem Renner, der in aller Welt Anklang fand. Typisch für Bengel waren die so genannten Ziegelstein-Ketten: Hier fügten sich zahlreiche rechteckige, kleine, neben- und übereinander gefädelte Glieder zu einem Ziegelsteinmuster zusammen.

Mit dem Ausbruch des zweiten Weltkriegs endete die Ära des Galalithschmucks abrupt. Weil den Deutschen niemand mehr Kautschuk lieferte, benötigte die Rüstungsindustrie den wandlungsfähigen Kunststoff aus Milch, um ihr Kriegsgerät zu isolieren. Modebewusste Frauen blieben auf der Strecke und mussten ohne den kleidsamen unechten Schmuck auskommen. Auch nach 1945 gelang dem Galalith kein Revival mehr. Für Liebhaber produzieren heute eine Handvoll Spezialfirmen Ketten nach Bengelschem Vorbild, die nur in bestimmten Galerien zu kaufen sind. /

 

Modeschmuck des Art Déco
31. März bis 31. Oktober

Deutsches Museum
Museumsinsel 1
80538 München

Telefon (0 89) 21 79 - 1
Fax (0 89) 21 79 - 324
www.deutsches-museum.de

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