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Dialog ohne Worte

01.03.2004
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Musiktherapie

Dialog ohne Worte

von Ulrike Abel-Wanek, Eschborn

Musik kann helfen, zu heilen. Menschen, denen es schwer fällt, sich sprachlich auszudrücken, lassen sich mit Melodien, Rhythmen und Klang oft erreichen. Musiktherapie wird traditionell in der Behandlung von verhaltensgestörten und autistischen Kindern angewendet, findet zunehmend aber auch Eingang in Bereiche der inneren Medizin, der Neurologie und Rehabilitation von Schlaganfallpatienten.

Therapiestunde für Mike: Der körperlich und geistig schwerst behinderte 10-jährige Junge kommt regelmäßig ins Wittener Institut für Musiktherapie. Wegen seiner schweren Behinderung hatten die Ärzte anfangs wenig Hoffnung auf einen Erfolg der Behandlung. Dennoch versuchten die Therapeuten, die Entwicklung des kaum ansprechbaren Kindes mit Hilfe der Nordoff/Robbins-Musiktherapie positiv zu beeinflussen. Auf Mikes musikalische Impulse antwortet der Therapeut mit seiner eigenen Musik – mit improvisierten Rhythmen und Melodien. Es entsteht ein zögernder, später immer gezielter werdender Kontakt: ein Dialog ohne Worte für Menschen, die ein anderes Medium als die Sprache brauchen.

Sehr erfolgreich und wissenschaftlich begleitet arbeitet die private Universität Witten/Herdecke seit fast 20 Jahren nach der Nordoff/Robbins-Methode. Der amerikanische Komponist und Pianist Paul Nordoff entwickelte die künstlerisch orientierte Musiktherapie-Richtung zusammen mit dem engagierten britischen Sonderpädagogen Clive Robbins Ende der 50er-Jahre. Nordoff spielte damals in einem englischen Heim für behinderte Kinder auf dem Klavier und sah tief beeindruckt, wie lebhaft und aufgeschlossen die sonst nur wenig erreichbaren Jungen und Mädchen auf seine Musik reagierten. Von da an gab es für ihn nichts wichtigeres als die künstlerische Arbeit mit behinderten und kranken Kindern. Gemeinsam mit Robbins kreierte er nicht nur spezielle Auswertungsskalen, um die Beziehungen und die Kommunikation in der Musik zu systematisieren und legte damit den Grundstein für die wissenschaftliche Arbeit. Nordoff und Robbins zeigten vielen meist entwicklungsverzögerten Kindern mit Hilfe ihrer musikalischen Improvisationen einen Weg aus oftmals ausweglos scheinenden Lebenssituationen. Ihre Musiktherapie motivierte bewegungsgestörten Kinder, sich aus Verkrampfungen zu lösen, psychisch Kranke kamen aus ihrer Isolation, sogar das Hampeln körperlich Behinderter wurde rhythmisch.

Zugang zur abgeschlossenen Welt

„Ein Kind, das zum Trommelstock greift, greift auch irgendwann zum Löffel, um selbst zu essen“, betont Professor Dr. Lutz Neugebauer, Musiktherapeut und Leiter des Instituts für Musiktherapie in Witten/Herdecke. Nordoff/Robbins nutzten die Musik, um Zugang zur oft abgeschlossenen Welt von Autisten und schwer Behinderten zu bekommen. Witten/Herdecke entwickelte den musiktherapeutischen Ansatz weiter. Heute werden neben den ursprünglichen Anwendungsgebieten der körperlichen und geistigen Behinderung auch chronisch Kranke, Folteropfer und Komapatienten behandelt. Menschen im Koma reagieren auf Töne und können sich, wenn sie aus der Bewusstlosigkeit erwachen, genau an sie erinnern. „Komapatienten werden im Fachjargon die „Unansprechbaren“ genannt. Das sagt ganz viel über die Situation aus. Man braucht ein anderes Medium, um in Kontakt zu treten, intellektuelle Fähigkeiten sind in diesem Zustand andere als sonst. Musik ist dann die Sprache jenseits der Worte“, sagt Professor Dr. Dagmar Gustorff vom Institut für Musiktherapie.

Auch Menschen, die durch Kriegserlebnisse und Folter traumatisiert wurden, werden musiktherapeutisch erfolgreich begleitet. Missbrauchten, misshandelten und auf Grund ihrer leidvollen Erfahrungen sprachlos gewordenen Menschen wird es erleichtert auszudrücken, was sie erlebt haben, was sie bewegt und so einen Weg zurück in die Realität zu finden. Aus diesem Grund kooperiert beispielsweise das Zentrum für Folteropfer in Berlin mit Witten/Herdecke.

Die Aufgaben des Instituts teilen sich in drei Bereiche auf: die therapeutische Behandlung, die Ausbildung und die wissenschaftliche Forschung, die in die medizinische Fakultät der Universität integriert sind. Professor Dr. David Aldridge leitet die qualitative Forschung und führt selber Untersuchungen zur „Betreuung mit Musiktherapie“ durch. „Die wissenschaftlichen Studien halten jeder kritischen wissenschaftlichen Prüfung stand“, betont Neugebauer. Schwerpunkt ist die Einzelfallforschung. Häufig sind es stationär vorbehandelte, „austherapierte“ Patienten die ambulant betreut werden.

Wissenschaftliche Langzeit-Projekte, unter anderem mit aphasischen Patienten, MS- und auch Tinnitus- Betroffenen, belegen den Erfolg der Musiktherapie. 30 Promotionsverfahren konnte das Institut mittlerweile abschließen. Patientenbezogene Pilotstudien, die der weiteren Entwicklung der Forschungsmethodik dienen, wurden in Bezug auf verschiedene Krankheitsbilder durchgeführt. Ergebnisse liegen für die Musiktherapie unter anderem mit entwicklungsverzögerten und hörgeschädigten Kindern und Frühgeborenen vor sowie mit Patienten die an chronisch entzündlichen Darmerkrankungen, chronischen Schmerzen und Altersdemenz leiden.

Stiftung fördert Weiterentwicklung

1992 gründete sich nach englischem und amerikanischem Vorbild eine deutsche Stiftung, um den Einsatz der Nordoff/Robbins-Therapie bei Kindern und Erwachsenen mit psychiatrischen, neurologischen, inneren oder psychosomatischen Erkrankungen zu fördern. Ziel der von Künstlern und Persönlichkeiten aus der Musikbranche gegründeten Stiftung ist es, durch die Vergabe von Fördermitteln und Forschungsaufträgen die Nordoff/Robbins-Musiktherapie zu unterstützen und weiterzuentwickeln. Dabei legt sie einen deutlichen Schwerpunkt auf die Zusammenarbeit mit dem Institut für Musiktherapie der Universität Witten/Herdecke. Mit Hilfe der Stiftung und regelmäßiger Wohltätigkeitsveranstaltungen ist die Nordoff/Robbins-Therapie in Deutschland mittlerweile zu einer festen Größe geworden.

Musik öffnet den Menschen, öffnet die Sinne, zeigt Wege, um eingeengte Entwicklungsbedingungen zu durchbrechen, die eine Krankheit oder Behinderung verursacht haben. Die 8-jährige Nadine sprach zu Beginn ihrer Therapie kein Wort, war schüchtern und in sich gekehrt. Heute besucht sie die Grundschule und „will später Italienerin“ werden. Damit sie mit Andrea Bocelli zusammen singen kann.

 

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