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Türen auf für Tiere

21.02.2005
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Altenpflege

Türen auf für Tiere

von Ulrike Abel-Wanek, Taunusstein

Tiere helfen heilen. Was seit über 20 Jahren in den USA und Kanada anerkannt ist, stößt hier zu Lande noch vielfach auf Skepsis. Dabei können die »Co-Therapeuten« auf vier Beinen überall dort eingesetzt werden, wo Menschen Hilfe brauchen. Delfine öffnen autistischen Kindern den Weg zurück in die Welt, Pferde sind hervorragende Krankengymnasten. Auch Hunde lösen Studien zufolge positive Effekte aus, zum Beispiel bei alten und dementen Menschen.

Abby kennt ihren Weg. Zielstrebig zieht die Hündin in Richtung Aufzug und dann durch einen der langen Korridore der Seniorenresidenz Taunusstein. Am Ende des Gangs warten bereits etwa 20 Heimbewohner in einem Stuhlkreis auf ihre Besucher mit dem weichen Fell. Abby ist einer von drei Wolfsspitzen des Ehepaares Klaus und Sieglinde Schepp aus Wiesbaden, die das Altenstift gemeinsam mit ihren Hunden regelmäßig besuchen. Die Hündin, ihr Sohn Merlin und der Rüde Elvis werden mit Freude erwartet: »Endlich sind die Tiere da«, ruft eine Seniorin im Rollstuhl und klatscht in die Hände. Sie ist wie 70 bis 80 Prozent der etwa 140 Bewohner an Demenz erkrankt, jedoch beim Anblick der munteren Vierbeiner ganz konzentriert.

Vor fünf Jahren wurden die Schepps durch einen Rundfunkbeitrag auf den Verein »Tiere helfen Menschen« aufmerksam und starteten spontan ihren »Hunde-Besuchsdienst« in verschiedenen sozialen Einrichtungen. Der Verein hat es sich zur Aufgabe gemacht, kranken, behinderten und alten Menschen durch den Kontakt zu Tieren zu helfen. Das Wiesbadener Ehepaar machte die Erfahrung, dass die Vierbeiner gerade für ältere Menschen ein wichtiger Bezugspunkt im Leben sein können. Durch den Umgang mit den Hunden zeigten die Heimbewohner eindeutig wieder mehr Gefühlsregungen. Die Tiere verbesserten nicht nur das Wohlbefinden, sondern sensibilisierten die Sinne und regten zur Aktivität an. »Das ist ein ganz wichtiger Punkt im Umgang mit Demenz-Kranken«, sagt die Ergotherapeutin Nina Bernhard. Beim Anblick des temperamentvollen Wolfsspitz-Trios erinnerten sich sonst geistig abwesende Patienten an eigene, längst vergangene »Hundezeiten« und ließen sich zu einem Gespräch darüber anregen.

Schepps und alle anderen Mitglieder von »Tiere helfen Menschen« arbeiten ehrenamtlich, ihre Tiere sind keine Therapie-, sondern Besuchshunde. Therapiehunde werden speziell ausgebildet und beispielsweise durch Ärzte, Sprach- oder Physiotherapeuten eingesetzt. Diese Tiere gehören zu einem Behandlungsplan mit einem konkreten, gesundheitsfördernden Ziel. Ein Besuchshund hingegen begleitet seinen sozial engagierten Besitzer regelmäßig in verschiedene Einrichtungen. Dabei stehen keine gezielten therapeutischen Anwendungen auf dem Plan, sondern die allgemeine Förderung emotionaler und geistiger Wahrnehmung durch die Nähe zum Tier.

Die Schepps und ihre Spitze sind ein eingespieltes Team, und absolvieren ein beeindruckendes und lebhaftes Programm, das aus Erzählen, Spielen, Füttern und Streicheln besteht. Bei einem kleinen Quiz mit Fragen zur besonderen Beziehung zwischen Mensch und Tier zeigen die vielen richtigen Antworten außerdem, dass die Bewohner, ihren Möglichkeiten entsprechend, aufmerksam zugehört haben.

Eisbrecher auf vier Pfoten

Senioren in Altenheimen leben häufig zurückgezogen und neigen zu Depressionen ­ auch so genannte orientierte, das heißt, nicht demente Menschen. Sie fühlen sich isoliert, aus ihrer gewohnten Umgebung herausgerissen und machen in den Institutionen vor allem die frustrierende Erfahrung, den Tag nicht mehr selbstbestimmt gestalten zu können. Gut gemeinte Versuche des Pflegepersonals mit ihnen zu reden oder sie zu motivieren, an Gruppenaktivitäten teilzunehmen, verlaufen nicht selten im Sand. Hinzu kommt ein aus finanziellen Gründen meist unzureichender Personalschlüssel, der eine intensive, einfühlsame Betreuung erschwert. Hier wirken die Tiere wie »Eisbrecher«. Ob sie in den Heimen leben und dort von den Bewohnern gepflegt werden oder ob sie regelmäßig zu Besuch kommen ­ sie können einen wertvollen therapeutischen Beitrag zur Erhaltung der Lebensqualität leisten. Die Zahl der Ärzte, Psychologen und sozialen Verbände, die für die Tierhaltung in Alten- und Pflegeheimen plädieren, nimmt in den letzten Jahren rapide zu. Studien und Erfahrungsberichte belegen, dass Senioren, die ein Tier versorgen oder öfter in Kontakt mit ihm sind, sich aktiver, selbstbewusster und kommunikativer verhalten.

Laut »Qualitätsbuch Leben mit Demenz« des Kuratoriums Deutsche Altershilfe (KDA) schafft es ein Hund, »Türen zu öffnen« zu den Demenzkranken, die auf Menschen kaum noch reagieren. Auch das Robert-Koch-Institut befürwortet Besuchsdienste und Tierhaltung in Pflegeeinrichtungen und Krankenhäusern. Eine Studie des Psychologischen Instituts der Universität Bonn wies nach, dass Ärzte und sogar Krankenkassen die gesundheitliche Bedeutung der tierischen Co-Therapeuten anerkennen und sie als wirksame »Medizin« in der Prävention von psychischen und physischen Krankheiten empfehlen.

Seit den 60er-Jahren wird die tiergestützte Therapie wissenschaftlich erforscht. Doch schon viel früher hat man im sozialen Bereich Tiere herangezogen, um die Gesundheit von Menschen positiv zu beeinflussen. Bereits 1792 durften Geisteskranke im englischen »York Retreat« Gärten pflegen und Kleintiere halten. Der Leitgedanke des Gründers der Heilanstalt war, dass kranke Menschen, die schwächere Lebewesen betreuen, ihre Stärke wieder erlangen könnten. In Deutschland führte die Heilanstalt Bethel Anfang des 20sten Jahrhunderts eine solche Therapieform ein. Diese Initiativen gerieten jedoch in Vergessenheit.

Der Durchbruch kam erst 1969 mit den Veröffentlichungen des amerikanischen Kinderpsychotherapeuten Boris M. Levinson, der über enorme Erfolge tiertherapeutischer Maßnahmen bei verhaltensauffälligen Kindern berichtete. Seitdem widmen sich Ärzte, Verhaltensforscher, Psychologen und Gerontologen verstärkt der Erforschung der Mensch-Tier-Beziehung. Per Zufall stieß die amerikanische Ärztin und Soziologin Erika Friedmann in den 70er-Jahren bei ihren Untersuchungen zu Herzerkrankungen auf einen therapeutischen Effekt von Tieren. Ihre Anwesenheit beeinflusste die Überlebenschancen schwer Herzkranker im ersten Jahr nach einem Krankenhausaufenthalt sehr positiv. Diese Beobachtung erfuhr bei Medizinern und Pharmakologen jedoch zunächst keine Anerkennung.

Trotz der vielen positiven Effekte ist das Therapie- beziehungsweise Besuchs\-tier in Alten- und Pflegeheimen in Deutschland ein neuer Gedanke, der sich in der Öffentlichkeit bis heute nur langsam durchsetzt. Professionell strukturierten Organisationen wie der Delta Society in den USA, die verbindliche Trainingsprogramme, Ratgeber und Informationsvideos zur Tiertherapie entwickeln, stehen hier eher kleine, nicht vernetzte Vereine ohne einheitliche Richtlinien gegenüber. Noch fehlt der interdisziplinäre Erfahrungsaustausch und eine gemeinsame Organisation der Ausbildung. »Die Nachfrage aus den sozialen Einrichtungen nach Besuchshunden wächst jedoch ständig«, sagt Graham Ford, erster Vorsitzender des Vereins »Tiere helfen Menschen«. Bundesweit nehmen mehrere Hundert Pflegeeinrichtungen den freiwilligen Dienst bereits in Anspruch. Deshalb bietet der Verein allen Interessenten mittlerweile eine Fülle von Informationsveranstaltungen sowie Weiterbildungskursen über die tiergestützte Therapie an und ist immer auf der Suche nach neuen Ehrenamtlichen wie den Schepps. Für Klaus Schepp ist diese Arbeit mittlerweile fester Bestandteil seines Lebens. »Gib dem Menschen einen Hund, und seine Seele wird gesund.« Das Zitat von Hildegard von Bingen ist auch zu seiner Überzeugung geworden.

 

Informationen bei:
Tiere helfen Menschen
Münchener Straße 14
97204 Höchberg
Telefon (09 31) 4 04 21 20
Fax (09 31) 4 04 21 21

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