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Alles vernebelt

13.12.1999
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- EditorialGovi-Verlag

Alles vernebelt

von Gisela Stieve,
stellvertretende Chefredakteurin

Die Versicherten glauben, ihnen stehen für den Beitrag zur gesetzlichen Krankenversicherung alle Gesundheitsleistungen zu, und die Krankenkassen wiegen sie auch noch im guten Glauben. Dabei lässt sich die oberste Prämisse, die Beitragssatzstabilität, bei diesen Ansprüchen bald nicht mehr halten.

Wir stehen in allen Branchen des Gesundheitswesens vor einem von Normen oktroyierten Konflikt. Nur, wer sagt es dem Versicherten, dem Patienten, dem Wähler, dass es so nicht weiter gehen kann? Alle bangen um ihre Schäflein: die Krankenkassen, weil ihre Mitglieder heute die Kasse frei wählen können; die Ärzte, weil sie ihre Patienten nicht unter der Last des Budgets an den Kollegen in der Praxis gegenüber verlieren wollen und die Parteien, weil sie den politischen Wechselwähler an sich binden wollen.

Der Bundesausschuss Ärzte und Krankenkassen spielt derzeit die Rolle des Ausputzers. Ausschussvorsitzender Karl Jung zeigte sich kürzlich in Bonn äußerst unwirsch, dass der Ausschuss den Nebel lichten soll, der sich in Form diffuser Formulierungen des Gesetzgebers auf das Gesundheitswesen legt. Der Gesetzgeber lässt Ärzte und Krankenkassen mit dem Kostenthema allein, meinte Jung.

Wer Leistungen erbringt, hat ein Problem – er verursacht auch Kosten. Zu kurz denkt, meine ich, wer nur bei Überschreitungen das Verordnungsgebahren der Ärzte prüft. Interessant wäre es zu beziffern, welche Kosten mittel- oder langfristig entstehen, wenn andere Therapien oder Arzneimittel "anstelle von" gewählt werden. Müsste man nicht erst recht auf Unwirtschaftlichkeit prüfen, wenn ein Budget deutlich unterschritten wird – wegen eines nicht auszuschließenden Spätschadens und den dann womöglich anfallenden Kosten, die die Solidargemeinschaft tragen muss?

Ich plädiere für ein freiheitliches Gesundheitssystem, in dem jeder über eine Basisversorgung hinaus selbst entscheiden, zahlen und verantworten kann und muss, welche Versorgung er im Krankheitsfall haben will. "Wer Freiheit und Gleichheit zugleich verspricht, ist entweder ein Phantast oder ein Scharlatan", sagte schon Johann Wolfgang Goethe. Wohl wahr.

Ein Gesundheitssystem, das die Menschen in einer "Rund-um-sorglos"-Sicherheit wiegt und ihnen fast alle Entscheidungen abnimmt, schickt seine Mitglieder in die Passivität, die in Bequemlichkeit und Verantwortungslosigkeit mündet. Schauen wir uns um: Dem "steht eine Leistung zu", der "hat einen Anspruch auf ...", die "hat ein Recht auf ...". Aber nur wenige sind heute bereit, für bestimmte Leistungen selbst aufzukommen, wenn die Kasse mal nicht zahlt.

Als Heilberufler tragen die Apotheker der Gesellschaft gegenüber Verantwortung. Als Unternehmer tragen sie ein persönliches wirtschaftliches Risiko. Angebliche Überkapazitäten schaffen hier weder zusätzliche Nachfrage noch Kosten. Wenn ein Teil der 21 550 Apotheken schließt, würden nicht weniger Arzneimittel verordnet. Einige Patienten hätten nur einen weiteren Weg in "ihre Apotheke".

Machen Sie nicht mit bei der allgemeinen Vernebelungstaktik und führen Sie ein klares Wort. Das schafft Vertrauen. Top

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