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Jetzt erst recht

18.11.2002
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Jetzt erst recht

Monatelang war die Rubrik Stellenangebote in der Pharmazeutischen Zeitung gut gefüllt. Apothekerinnen und Apotheker, PTA oder Pharmaingenieure konnten auf ein reichhaltiges Angebot zurückgreifen, und sich fast überall in der Republik auf eine passende Stelle bewerben. Seit knapp vier Wochen herrscht Ebbe im Stellenmarkt. Viele selbstständige Kolleginnen und Kollegen wollen dem drohenden GAU durch Stellenabbau vorbeugen, und denken über Entlassungen und Teilzeit nach.

Noch gravierender wirken sich die rigorosen Sparpläne aus Berlin auf den Apothekenmarkt aus. Die meisten jungen Apotheker verschwenden kaum noch einen Gedanken an die Selbstständigkeit. Und so mancher Betrieb wird wohl nicht mehr den Besitzer wechseln, sondern die Ladentüre für immer schließen. Ein bitteres Ende für Kollegen, die jahrzehntelang mit großem persönlichen Engagement ihren Betrieb und damit ihre Altersversorgung aufbauten.

„Es gibt sowieso zu viele Apotheken bei uns“, meint mancher Bundesbürger - höchste Zeit für ein Gesundschrumpfen. Doch wer diese Meinung vertritt, muss auch mit den Konsequenzen leben. Müssen Patienten, die auf dem Land leben, in Zukunft vielleicht einen weiten Weg zur nächsten Apotheke in Kauf nehmen? Sind die hervorragende Logistik und das flächendeckende Versorgungsnetz in Gefahr?

Ich glaube an die Zukunft der freien Apotheke in Deutschland. Deshalb habe ich mich nach über sechs Jahren Tätigkeit als Redakteur bei der Pharmazeutischen Zeitung für den Weg in die berufliche Selbstständigkeit entschieden.

Natürlich kocht auch in mir bei dem Gedanken an das Vorschaltgesetz die Wut hoch. Denn die Regierung ist einmal mehr unfähig, die wirklich nötigen Reformen im Gesundheitswesen anzupacken, und verzetteln sich mit kontraproduktiven Provisorien, die wertvolle Strukturen und Tausende von Arbeitsplätzen aufs Spiel setzen.

Zudem beurteilt man uns einmal mehr als reine Kaufleute, die lediglich die Distribution der Waren an den Endverbraucher organisieren. Man vergleicht uns mit Logistikern, um dann festzustellen, diese seien preiswerter. Aber die Apotheke leistet mehr, als nur den Warenfluss von der Pharmaindustrie zum Patienten aufrechtzuerhalten. Natürlich garantiert der Apotheker, dass Kunden schnell und zuverlässig ihre Medikamente erhalten. Er überwacht mit seiner fachlichen Kompetenz aber auch die Pharmakotherapie. Das kann eine billige Distributionsstelle niemals leisten.

Meiner Meinung nach gibt es in Deutschland nur ein Rezept für eine fachlich qualifizierte, wohnortnahe und vor allem persönliche Versorgung der Menschen mit Arzneimitteln: die unabhängige Apotheke. Und für deren Erhalt und meine neue Existenz als selbstständiger Apotheker werde ich kämpfen.

Ulrich Brunner
Ressortleiter Pharmazie
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