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Vorbild

Datum 03.11.2003  00:00 Uhr

Vorbild

Jahrzehntelang waren wir Deutschen fest davon überzeugt, dass unsere sozialen Sicherungssysteme die besten der Welt sind. Mit dem Finger haben wir auf die Amerikaner gezeigt und uns darüber ausgelassen, wie brutal deren Sozialsysteme sind. Unter Clinton bestand sogar die Chance, unser System nach Amerika zu exportieren. Die Gespräche verliefen aber im Sande und nach dem Regierungswechsel von den Demokraten zu den Republikanern war an einen Export des deutschen Systems in die USA nicht mehr zu denken. Im Gegenteil: Krankenkassenvertreter – und nach dem deutschen Regierungswechsel von Schwarz-Gelb zu Rot-Grün auch Mitarbeiter der zuständigen Ministerien – ließen sich das amerikanische Sozialsystem erklären und arbeiteten intensiv daran, das deutsche System zu amerikanisieren. Die Motivation zur Veränderung war allerdings nicht die Verbesserung des Systems, sondern das Senken der Kosten.

Zusätzlichen Aufwind bekam diese Diskussion durch die OECD-Studie, die belegte, dass trotz der hohen Aufwendungen im deutschen Gesundheitswesen der Gesundheitszustand der Deutschen schlechter ist als in vergleichbaren Ländern.

Seitdem wird primär darüber nachgedacht, durch Steigerung der Effizienz den Gesundheitszustand der Deutschen zu verbessern, natürlich bei gleichzeitiger Kostensenkung. Die Mittel zum Zweck heißen ab 1. Januar 2004 Versandhandel, Mehrbesitz, Ausschluss der OTC-Arzneimittel aus der Erstattungsfähigkeit durch die Gesetzliche Krankenversicherung, ein neues Preisbildungssystem im RX-Bereich und die Preisfreigabe der Selbstmedikationsarzneimittel. Außerdem eine höhere Selbstbeteiligung des einzelnen Versicherten. Schon heute bezweifeln maßgebliche Experten den Erfolg dieser Maßnahmen.

Viele dieser systemverändernden Schritte sind in Australien vor Jahren schon durchgeführt worden. Es lohnt sich deshalb, das deutsche System mit dem australischen zu vergleichen.

Die australischen Apotheker behaupten zumindest selbstbewusst, das beste Arzneimittelversorgungssystem der Welt zu haben, was Bereitstellung und Beratung anbelangt.

Ohne diese Aussage werten zu wollen: Die australischen Kollegen haben es auf jeden Fall verstanden, die pharmazeutische Kompetenz in den Vordergrund zu stellen, sodass die Regierung einer weiteren Liberalisierung des Systems zumindest öffentlich widerspricht.

Die Apotheken in Deutschland und Australien sind kaum vergleichbar. Deutsche Apothekerinnen und Apotheker werden wenig Gefallen an dem Erscheinungsbild der australischen Apotheken finden, die mehrheitlich in Kooperationen zusammengeschlossen sind und keine Individualität ausstrahlen. Dies entspricht allerdings der australischen Tradition. Wir sollten uns deshalb nicht zu sehr am Äußeren orientieren, sondern an den pharmazeutischen Dienstleistungen. Da sind unsere Kollegen auf dem kleinsten Kontinent weiter als wir und können uns als Vorbild dienen.

Professor Dr. Hartmut Morck
Chefredakteur
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