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Gegen Ignoranz

09.10.2000  00:00 Uhr

Gegen Ignoranz

von Gisela Stieve,
stellvertretende Chefredakteurin

Wir müssen endlich die Augen öffnen und begreifen, dass wir bald in einer anderen Gesellschaft leben werden. In einer Gesellschaft, die die fitten Alten und die Multimorbiden dominieren. Diese Erkenntnis sollte einen Denkprozess auslösen, der in eine sinnvolle Vorbereitung auf die sich zwangsläufig ergebenden Veränderungen mündet. Veränderungen im Familienleben, in der Gesellschaft, in Industrie, Wirtschaft und nahezu allen Ressorts der Politik. Besonders die Sozialsysteme sind demographieanfällig.

Das Thema, das auf uns zukommt, wird halt gerne verdrängt. Alt und vielleicht auch verwirrt sein, ist noch nicht wirklich gesellschaftsfähig. Wir registrieren bedauerliche Einzelfälle im Freundes- oder Familienkreis, aber haben die Auseinandersetzung mit dem geriatrischen Themenkreis noch nicht als persönliche Verpflichtung erkannt und angenommen. Das sind offenbar vielfach nur unerwünschte Nebenwirkungen anstelle Teil des eigenen Lebens.

Ich plädiere mit meinen Gesprächspartnern des Titelbeitrags dieser Ausgabe für eine neue Kultur des Umgangs mit älteren Menschen und wider die Gedankenlosigkeit. Alte und immer älter werdende Menschen haben ein Recht darauf, von uns betreut zu werden. Ein großes zusätzliches Thema ist es, geeignete Mischformen zwischen selbstständigem Leben und totaler Pflegebedürftigkeit zu finden. Ansätze wurden beim 5. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Gerontologie und Geriatrie kürzlich in Nürnberg genannt.  Bevor der Strukturwandel zum Problem wird, sollte die Gesellschaft interdisziplinäre Lösungen parat haben.

Man müsse sich dem Thema anthropologisch nähern, forderte Ernst-Ulrich von Weizsäcker beim Geriatrie Kongress. Ein Mensch im Alter von 70 Jahren sei eben Mensch und Teil der Gesellschaft und nicht "nur" Rentner oder Pflegefall. Freiwillige Arbeit in der dritten Lebensphase könne in einer alternden Gesellschaft Prosperität bringen. Man stelle sich vor, Picasso, Mutter Theresa und Adenauer hätten sich mit 65 Jahren auf das Altenteil zurückgezogen, so von Weizsäcker. Was wäre uns vorenthalten geblieben.

Zugegeben: Der alte Mensch ist schwierig. Er hat andere Wert- und Lebensvorstellungen, andere physische und psychische Belastungen und andere soziale Probleme als die, die mitten im Leben stehen. Gerade deshalb sollten sich die Jüngeren mit mehr Flexibilität und Fantasie des Themas annehmen.

Der Präsident des Statistischen Bundesamtes hat der Politik vorgeworfen "faktenresistent" zu sein, weil sie keine nachhaltigen Konsequenzen aus der Bevölkerungsentwicklung zieht. Diesen Vorwurf sollten wir uns nicht machen lassen. Wir müssen akzeptieren, dass die Generation, die uns einmal im Alter versorgen wird, auf der Welt ist. Wir können die Zahlen nicht mehr nachbessern.

Wir sollten also in aller Ruhe damit beginnen, uns mit dem geriatrischen Themenkreis zu beschäftigen, der alle Bereiche unseres politischen, sozialen und gesellschaftlichen Lebens berührt. Dass die Apotheker hierbei eine bedeutende Rolle spielen können, stellt ausnahmsweise niemand in Zweifel. Sie müssen das Engagement nur annehmen. Top

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