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Späte Einsicht

27.08.2001
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Späte Einsicht

von Dr. Hartmut Morck, Chefredakteur

Wie viele Kinder müssen eigentlich noch in den Brunnen fallen, bis endlich reagiert wird? Diese sich an ein gängiges Sprichwort anlehnende Frage stellt sich zwangsläufig, wenn man sich mit den Reaktionen auf die freiwillige Rücknahme des Cholesterinsynthesehemmers Cerivastatin beschäftigt.

Da hat die Apothekerschaft seit Jahren viel Engagement, Energie und Geld in die Entwicklung einer Patientenchipkarte gesteckt. Mit dem Prototyp startete bereits 1995 ein Modellversuch in Neuwied. Und auf Grund der dort gewonnenen Ergebnisse und Erkenntnisse wurde die Karte bis zur Marktreife und zur Einsatzfähigkeit als elektronisches Rezept weiter entwickelt. Nur: Niemand wollte sie haben.

Die Argumente vor sechs Jahren waren dieselben wie heute. Die damalige Apo-Card sollte, wie die heutige Versichertenkarte, ganz im Sinne des Verbraucherschutzes die Arzneimittelsicherheit erhöhen und dazu beitragen, Arzneimittelinteraktionen zu verhindern.

Dass die Politik jetzt unter Druck auf den aktuellen Fall reagieren muss und dabei den elektronischen Arzneimittelpass favorisiert, können Apothekerinnen und Apotheker sorglos begrüßen. Diese politische Unterstützung hätte man sich aber schon sehr viel früher gewünscht. Denn Muster der von der ABDA entwickelten Versichertenkarte hat fast jeder Gesundheitspolitiker längst in seinen Unterlagen.

Aus meiner Sicht ist es sinnvoll, den Pass zur Pflicht zu machen und Ärzte wie Apotheker anzuhalten, alle Arzneimittel - verschriebene wie selbst gekaufte - einzutragen. Nur dann kann ein Höchstmaß an Arzneimittelsicherheit garantiert werden. Datenschutzrechtliche Bedenken sollten dabei kein Hindernis sein. Auch die von den Krankenkassen als Gegenargument vorgeschobenen Kosten müssen der flächendeckenden Einführung nicht entgegen stehen. Zumal bei den Kassen die ablehnende Haltung primär durch das stete Verlangen nach absoluter Datenhoheit begründet wird und nicht vom Ringen um das Wohl ihrer Versicherten ausgeht. Außerdem wird die von den Krankenkassen bevorzugte Server- beziehungsweise Datenbank-Lösung nicht weniger Kosten verursachen.

Ein schwerwiegendes Problem wird die Patientenchipkarte allerdings nicht lösen. Unerwünschte Wirkungen bei innovativen Arzneimitteln, die bei Markteinführung noch nicht bekannt sind, sind auch zukünftig schwer greifbar. Das heutige Erfassungssystem, das auf Spontanmeldungen der Ärzte beruht, ist zu ungenau. Auch die Hersteller mit ihrer Verpflichtung, alle Nebenwirkungen in der Phase 4 zu erfassen, sind mehr oder weniger auf die Mitarbeit der Ärzte angewiesen.

Hier sollte der Gesetzgeber eine effektivere Form anstreben, die auf Kohortenstudien aufbauen könnte und den Arzt verpflichtet, jede unerwünschte Wirkung einer neuen Substanz zu dokumentieren. In diese Kohortenstudien sollten auch die Apotheker eingebunden werden. In Großbritannien hat sich beispielsweise erwiesen, dass die Apotheker bei der Erfassung der Nebenwirkungen zuverlässiger sind als die Ärzte. Nur auf einem solchen Weg werden wir zu richtigen Inzidenzen von unerwünschten Wirkungen kommen und damit zu besseren Risikoabwägungen.

Ein positiver Effekt für die Apotheker ist, dass sie gesellschaftspolitisch in ein obligatorisches Risikoerfassungssystem eingebunden sind. Das macht sie für die Gesellschaft noch unentbehrlicher. Versandhandel wird dies nie leisten können.

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