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Prävention

05.08.2002
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Prävention

Sie haben heute schon gejoggt, sind im Schwimmbad oder im See geschwommen oder auf dem Fahrrad gefahren. Teufel Alkohol entsagen Sie problemlos, haben ihre Zigaretten weggeworfen, putzen sich die Zähne im Dreivierteltakt, fahren langsamer und rücksichtsvoller Auto und essen nur noch leicht und bekömmlich. Das Anschauen der Tagesschau frühmorgens um drei haben Sie sich längst abgewöhnt und schlafen jeden Morgen aus. Ohne Frage, Sie sind auf dem rechten Weg und machen das, wovon viele bislang nur reden: Prävention.

Man wird den Eindruck nicht los, dass nicht nur die Bundesgesundheitsministerin, sondern auch ihr Vorgänger und Möchtegernnachfolger und viele andere endlich einen Weg gefunden haben, um von den eigentlichen Problemen des Gesundheitswesens weiträumig abzulenken: Sie reden von der Prävention.

Eilfertig hat Ulla Schmidt kürzlich ein Forum Prävention installiert. Wie das Ganze finanziert werden soll, ist den mehr als 40 beteiligten Organisationen zwar ebenso unklar wie dem Ministerium und seiner Chefin. Aber Prävention ist grundsätzlich gut – und klingt auch gut. Dabei ist Prävention nichts Besonderes, es sollte für jeden ganz selbstverständlich sein, gesund und bewusst zu leben.

Sogar der Außenminister, Vizekanzler und Grünen-Spitzenkandidat joggt auf der Höhe der Zeit und lädt im Wahlkampf die Menschen des Landes ein, mit ihm um den Block zu laufen. Eine Woche Voranmeldung muss es schon sein für den Sicherheits-Check. Und dann dürfen wir mit dem Asketen aus Frankfurt um die Wette hecheln. Ein kleiner Mosaikstein zum Gesundheitsglück.

Was ist Prävention? Vielleicht mit den Fakten zurückhaltend umzugehen, die Wahrheit zu negieren, dem Volk lieber aufs Maul als in die Augen zu schauen? Präventiv wirkt zuweilen ein müde gewordenes ministeriales Lächeln. Doch vermeiden will Ulla Schmidt nicht Krankheit, sondern die Auseinandersetzung mit den Konsequenzen ihrer unausgegorenen Reformen. Die Risiken des Versandhandels lassen sich aber nicht weglächeln.

Auf der einen Seite Menschen zur Gesundheit erziehen zu wollen und zugleich per Dekret die Unkontrollierbarkeit bei der Medikamentenabgabe zuzulassen ist weder konsequent noch nachvollziehbar. Schlimmer noch: Sogar ohne rechtliche Grundlage lassen dieselben Verantwortlichen in Ministerien und Politik zu, dass Versandhandel in Deutschland schon heute weitestgehend ungestraft möglich ist. Und dies, obwohl sie damit selbst geltendes Recht brechen oder den Rechtsbruch zumindest unterstützen. Präventiv wäre es, Patientinnen und Patienten vor einem solchen Maß an Verantwortungslosigkeit zu schützen. Testkäufe zeigen, dass Prävention auch Schutz vor schlechter Versorgung bedeuten sollte. Patientinnen und Patienten gehören be- und geschützt, nicht ausgeliefert.

Prävention ist nichts anderes als die Übernahme von Verantwortung. Die gewählten Politiker haben einen Vertrauensvorschuss bekommen und damit die Aufgabe, selbst Verantwortung zu tragen und andere auf ihre Verantwortung hinzuweisen. Prävention bedeutet nicht, dass der Staat die schützende Hand über alles und jeden halten muss. Aber er muss Rahmenbedingungen für ein Gesundheitswesen schaffen, in dem Prävention, Eigenverantwortung und Patientenschutz in einem ausgewogenen Verhältnis zueinander stehen.

Thomas Bellartz
Leiter der Hauptstadtredaktion
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