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Verantwortung der Elite

22.07.2002
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Verantwortung der Elite

Das Sommertheater in Berlin und die Entlassung von Bundesverteidigungsminister Rudolf Scharping sind weitere Belege einer zurzeit nur auf kurzfristige Effekte ausgerichteten Politik. Dasselbe gilt für die Gesundheitspolitik. Dies muss nicht weiter kommentiert werden. Das gibt mir Zeit, über andere Dinge nachzudenken.

Das diesjährige Treffen der Nobelpreisträger Anfang Juli in Lindau lädt dazu ein, die dort besprochenen Themen gedanklich nachzuarbeiten und besonders die Äußerungen von Richard E. Ernst, Chemie-Nobelpreisträger aus dem Jahre 1991, zu reflektieren.

Ernst sprach von einer Verantwortung der Chemie. Die Chemie sei für fast alles notwendig, greife in viele andere Wissenschaften ein. Es gebe keine Technik ohne Chemie. Es wären keine neuen medizinischen Erkenntnisse möglich ohne Chemie. Bildgebende Verfahren würden ohne Chemie nicht funktionieren. Materialkunde könne ohne Chemie nicht stattfinden. Ich möchte hinzufügen: Auch die Pharmazie wird keine Fortschritte machen, wenn die Chemie vernachlässigt würde. Ich kann dem Nobelpreisträger also nur zustimmen. Chemie und besonders die Biochemie gehören zu den aufregendsten Wissenschaften überhaupt.

Aber Chemie bedeutet auch Verantwortung, und diese Verantwortung müssen diejenigen wahrnehmen, die in der Chemie oder mit der Chemie arbeiten, also auch die Pharmazeuten. Deshalb ist es berechtigt zu fragen, ob es ethisch und moralisch ist, wenn naturwissenschaftliche Erkenntnisse nur nach ihrem wirtschaftlichen Nutzen beurteilt werden, wenn Gewinnoptimierung und Shareholder-Value das Maß aller Dinge ist. Der heiß diskutierte Futtermittelskandal, bei dem eine chemische Substanz, das Medroxyprogesteronacetat, die Hauptrolle spielt, ist ein beredtes aktuelles Beispiel dafür.

Ernst klagte aus meiner Sicht zurecht die Industrie an, viel zu sehr nach der Maxime zu arbeiten, möglichst schnell möglichst viel Geld zu verdienen. Schuld tragen aber auch der Staat und die Gesellschaft, die diese brutale und menschenverachtende Ökonomisierung zulassen.

Ernst forderte seine Forscherkollegen auf, aus ihrem Elfenbeinturm zu steigen und die von der Industrie nach seiner Meinung nicht wahrgenommene gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen. Nur Forscher zu sein bedeute nicht, zur Elite zu gehören. Die Wissenschaft solle als Teil des Staates in der Gesellschaft endlich Steuerfunktionen übernehmen und Richtungen angeben, Schranken zwischen Fachgebieten einreißen und die Naturwissenschaften sowie die Geisteswissenschaften, die sich früher gegenseitig befruchteten, wieder zusammenführen. „Wer nichts anderes versteht als die Chemie, versteht auch die Chemie nicht“, war seine Abfuhr an Fachidioten. Wissenschaft müsse wieder ein Gewissen bekommen, ein Gewissen für die Gesellschaft. Erst dann könnten sich die Forscher wieder zur Elite zählen. Vielleicht würden dann auch Politiker wieder langfristigere und verantwortlichere Konzepte verfolgen. Eine Hoffnung, die ich auf die Gesundheitspolitik ausweiten möchte.

 

Professor Dr. Hartmut Morck
Chefredakteur
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