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07.07.2003
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Täglich stecken sie ihre Köpfe zusammen, streiten, diskutieren, tagen, vertagen. Die Verhandlungen zur Gesundheitsreform zwischen Bundesregierung und Opposition sowie den Beteiligten aus den Bundesländern gehen voran. Nach außen dringt nichts. Nur nach innen.

Damit die Einflussnahme aber möglichst gering ausfällt, sagen die meisten der Beteiligten zurzeit viele ihrer Termine ab. Es gibt Wichtigeres: die Rettung des deutschen Gesundheitswesens. Auch wenn die Beteiligten selbst die Halbwertzeit dieser Reform auf maximal vier bis fünf Jahre schätzen, bemüht man sich um Konsens. Und auch die Spitzen der Parteien halten ihre Hand über die Verhandlungen. Alle sind mit allem zufrieden, am schönsten ist die Atmosphäre.

Hinter verschlossenen Türen dürfte es indes brachialer zugehen. Das macht das jüngste Schreiben des Vorsitzenden des Gesundheitsausschusses im Deutschen Bundestag, Klaus Kirschner, an seine Fraktionskolleginnen und -kollegen deutlich. Der Gewerkschafter gehört zu den Hardlinern der SPD-Fraktion und abgrundtiefen Feinden der deutschen Apotheke. Kirschner, der zur SPD-Verhandlungsgruppe um Ulla Schmidt zählt, schürt den Sozialneid so gut er kann – auf Kosten von Apothekerinnen und Apothekern. Innerhalb der Verhandlungskommission dürfte er einer der heftigsten Verfechter eines Komplettumbaus der Apothekenlandschaft sein.

Die Signale aus den Ländern und aus den Reihen der Opposition sind indes konstant und aus Sicht der Apothekerschaft weiterhin positiv. Doch soll man den Tag bekanntlich nicht vor dem Abend loben. Schon wird von ersten Niederlagen für die Gesundheitsministerin gemunkelt; es wird dementiert. Kaum vorstellbar, dass sich Schmidt permanent von ihrer Linie abbringen lässt.

Ein dickes Lob gebührt indes Johannes Rau. Der Bundespräsident hatte sich von seiner Schirmherrschaft für den StartUp-Gründerpreis losgesagt. Grund war die skandalöse Preisverleihung an DocMorris. Doch der Sturm hat sich längst nicht gelegt. Apotheken haben sich in den vergangenen Tagen massenhaft an ihre Sparkassen gewandt und nicht wenige haben ihre Finanzen neu geordnet. Der Sparkassen- und Giroverband gehört zu den Gründern des Wettbewerbs, entsprechend sauer reagierten manche Kassen-Kontoinhaber. Nun soll die Verbandsspitze des Bankenverbands im Deutschen Apothekerhaus um ein Gespräch ersucht haben, um die Wogen zu glätten.

Während „Stern“ und ZDF trotz öffentlicher Kritik des Bundespräsidenten auf ihren Positionen verharren, werden die Versandhändler kleinlaut. Sie verkündeten am Dienstag, zu einer „sachlichen Diskussion“ zurückkehren zu wollen. Dem Verband, dessen Mitglieder an zwei Händen abzuzählen sind, dürfte die Diskussion der vergangenen Tage nicht bekommen sein. Den Sympathiewert jedenfalls hat der StartUp-Skandal kaum gesteigert.

Trotzdem wird weiter intensiv über den Arzneimittelvertrieb diskutiert. Am Dienstag und Mittwoch dieser Woche tagen in Köln zahlreiche „Fachleute“ zu diesem Thema. Unter den Referenten: ein Manager der arvato ag. Das Unternehmen gehört zum Bertelsmann-Konzern und informierte die Teilnehmer in der Domstadt über die Möglichkeiten des Internetvertriebs. Das unterstreicht die von der PZ in der vergangenen Ausgabe vorgestellten Interessenslage im Bertelsmann-Konzern, zu dem auch der „Stern“ gehört. In dessen Onlineausgabe wurde übrigens einigermaßen beleidigt angekündigt, DocMorris habe jetzt eine einstweilige Verfügung „gegen die Apotheker“ erwirkt. Im Apothekerhaus war nichts dergleichen bekannt oder eingegangen. Sollte DocMorris nun etwa in eine Verteidigungsposition zurückfallen? Das wär’ doch mal was. Zumindest die Chance für eine Offensive der Apotheke. Schließlich ist Angriff immer noch die beste Verteidigung.

Thomas Bellartz
Leiter der Hauptstadtredaktion
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