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Mehr Geld

02.07.2001
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Mehr Geld

von Dr. Hartmut Morck, Chefredakteur

Zurzeit laufen die Vorbereitungen für das Wahljahr 2002 für die Regierung alles andere als optimal. Die Hiobsbotschaften häufen sich: Kostenexplosion im Arzneimittelsektor, und durch die angehobenen Beitragssätze bei den Krankenkassen steigen die Lohnnebenkosten. Die Arbeitslosenzahlen sinken langsamer als erwartet. Hinzu gesellte sich in der vergangenen Woche eine weitere schlechte Nachricht: Auch mit der Wissenschaft sieht es in Europa nicht rosig aus.

In den Schlüsseltechnologien fehlen in der Europäischen Union jährlich rund 50. 000 Forscher und Wissenschaftler. Ein 75-seitiges Dossier der Eurostat-Statistiker legt schonungslos offen, dass Europa das selbst gesteckte Ziel, am Ende des ersten Jahrzehnts des 21. Jahrhunderts in Sachen Wissenschaft die Nummer eins in der Welt zu werden, nicht erreichen wird.

Als Indikator für die Innovationskraft der Wissenschaft haben die Statistiker die Zahl der Forscher pro 1000 Erwerbstätige gewählt. Danach schneidet Europa mit einem statistischen Mittelwert von 5,3 wesentlich schlechter ab als Japan (9,26) und die USA (8,08). Deutschland liegt zwar mit 6,07 über dem EU-Durchschnitt, aber immer noch hinter Frankreich (6,14) und Belgien (6,11). Weltweiter Spitzenreiter ist Finnland mit einer Quote von 10,62. Auch Schweden (8,44) und Dänemark (6,46) rangieren noch vor Deutschland.

Ein Ergebnis, das niemanden befriedigen kann, und das die Politiker wachrütteln müsste. Verbal werden Volksvertreter auch nicht müde, die große Bedeutung von Wissenschaft und Forschung zu betonen. Aber es fehlen die Taten. Die Bundesregierung mit der Bundesministerin für Bildung und Forschung, Edelgard Bulmahn, an vorderster Linie, plant zwar, mit einer Änderung des Hochschulrahmengesetzes und mit einem Professoren-Besoldungsreformgesetz die Qualifizierungswege für den wissenschaftlichen Nachwuchs zu ändern. Doch ich bezweifle, dass die Krise ausschließlich mit finanziellen Anreizen für die Lehrenden behoben werden kann. Es gelingt vielleicht, namhafte Forscher in Deutschland zu halten. Die Ursache für die schlechten Noten für Wissenschaft und Forschung ist allerdings eine andere.

Aus meiner Sicht lässt sich der Nachwuchsmangel nicht mit mehr Geld für die Professoren beziehungsweise einer leistungsbezogenen Bezahlung verbessern. Die schlechten Noten sind vielmehr Ausdruck einer fehlgeleiteten Bildungspolitik der vergangenen 25 Jahre. Die Fehler beginnen bereits in den Grundschulen und summieren sich bis in die Hochschulen.

Es wird höchste Zeit, in die Bildung mehr Geld zu investieren, um aus den geburtenschwachen Jahrgängen die Kapazitäten herauszuziehen, die notwendig sind, um genügend junge Menschen zu Wissenschaftlern auszubilden.

Nun ist die Zeit, die Naturwissenschaften für die jungen Menschen unserer Gesellschaft wieder attraktiver zu machen. Innovationen und Patente, die sich betriebswirtschaftlich nutzen lassen und die für die deutsche Volkswirtschaft eine Stärkung bedeuten, stammen in erster Linie aus den naturwissenschaftlichen und nicht aus den geisteswissenschaftlichen Fächern.

Mit Green-Cards kann man vielleicht kurzfristig Lücken schließen. Langfristig muss der Staat aber dafür sorgen, dass aus den eigenen Reihen ausreichend wissenschaftlicher Nachwuchs wächst, der auch zur Sicherung beziehungsweise Steigerung des Bruttosozialproduktes beiträgt.

Das bedeutet: Mehr Geld ins System. Dabei muss klar sein, dass dies keine Investition ist, die kurzfristig Rendite bringt, sondern die langfristig die Existenz unserer Volkswirtschaft sichert. Deshalb ist aus meiner Sicht das Thema Bildung für den Wahlkampf nicht geeignet. Es würde nur zerredet und uns in der Sache nicht weiterbringen.

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