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Diskrepanz

26.06.2000
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- EditorialGovi-Verlag

Diskrepanz

von Dr. Hartmut Morck,
Chefredakteur

Zum 50. Mal traf sich in dieser Woche die geistige Elite der Welt zur traditionellen Tagung der Nobelpreisträger in Lindau am Bodensee. 59 Laureaten kamen, um über den Stand der Wissenschaften zu berichten und sich untereinander sowie insbesondere mit dem wissenschaftlichen Nachwuchs auszutauschen.

Dieser "Gipfel des Geistes", wie der baden-württembergische Ministerpräsident Erwin Teufel das Treffen in seinem Grußwort bezeichnete, hatte aber auch eine politische Note. In drei Diskussionsforen wurden Themen wie Umwelt, Kreativität und Leben analysiert.

Erschreckend deutlich wurde dabei, wie weit die Meinungen der Wissenschaftler von denen der Politiker entfernt sind. Am Montag konnte man in den Tageszeitungen lesen, wie stolz die Grünen auf ihren Parteitag sind und dass die Regierung den Einstieg in den Ausstieg aus der Kernenergie als zukunftsweisenden Erfolg feiert. Die politisch Verantwortlichen musten sich aber in Lindau von den Wissenschaftlern vorwerfen lassen, eine falsche Politik zu betreiben.

George Olah, Chemie-Nobelpreisträger 1994 aus Los Angeles, brachte es auf den Punkt: Das 21. Jahrhundert werde uns lehren, dass wir nicht auf die Atomenergie verzichten können und dürfen, da sie langfristig die einzige reine Energiequelle für die Menschheit sei. Nicht der Ausstieg aus der Kernenergie sichere die Zukunft, sondern die Frage, wie man sie sicherer machen kann. Dazu sei die Wissenschaft gefordert. Auch das Bestreben, den Kohlendioxidausstoß zu reduzieren, sei die falsche Umweltpolitik. Zum einen sei eine ausreichende Senkung ohnehin nicht zu schaffen, zum anderen könne aber das Mehr an CO2 als Brennstoff und als Ausgangsstoff für Kunststoffe genutzt werden. In der Diskussion blieben erstaunlicherweise beide Äußerungen ohne Widerspruch. Sie fanden vielmehr die einhellige Zustimmung aller Forscher, wobei empfohlen wurde, sich intensiver mit der Entwicklung von Kernfusionsreaktoren zu beschäftigen.

Für Beobachter stellt sich die Frage, ob Politiker solche Argumente nicht wahrnehmen, oder ob man diese Thesen nicht wahrnehmen will? Haben sich vielleicht die Wissenschaftler nicht laut genug zu Wort gemeldet, um Gehör zu finden?

Paul Boyer, ebenfalls Chemie-Nobelpreisträger aus dem Jahre 1997, versuchte eine Antwort auf diese Fragen zu geben. Der Fehler der Politik und einiger Umweltorganisationen wie zum Beispiel Greenpeace bestehe darin, mit Ängsten Politik zu machen und wissenschaftlich begründete Argumente nicht zuzulassen, weil diese nicht in das von ihnen geschaffene Weltbild passen.

Diese Diskrepanz zwischen politischer Polemik und wissenschaftlicher Vernunft scheint unüberbrückbar, was Claude Cohen-Tannoudji aus Paris, Physik-Nobelpreisträger des Jahres 1997, zu der Bemerkung veranlasste: "Kein Regierungsprogramm wird uns weiterhelfen, die Probleme der Zukunft zu lösen, sondern nur eine vernünftige Grundlagenforschung. Dem ist nichts hinzuzufügen." Top

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