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Heiße Luft und kalte Dusche

17.06.2002  00:00 Uhr

Heiße Luft und kalte Dusche

Nun kann in Sachen Bildung nichts mehr schief gehen. Bildungspolitik ist jetzt Chefsache. Basta. Das hat Bundeskanzler Gerhard Schröder mit seiner Regierungserklärung zur Bildungspolitik unterstrichen. Egal, ob es ihm ernst ist oder nur blanke Wahlkampfrhetorik. Es war das erste Mal in der Geschichte der Bundesrepublik, dass ein Bundeskanzler eine Regierungserklärung zur Bildung abgegeben hat.

Gleichzeitig wurden vier Milliarden Euro für den Ausbau von Ganztagsschulen versprochen. Damit soll offensichtlich eine bildungspolitische Offensive der rot-grünen Koalition simuliert werden. Schließlich ist Wahlkampf. Dazu kommt, dass im internationalen Vergleich durch die Pisa-Studie die deutsche Bildungspolitik keine guten Noten erhielt. Auch der offiziell noch ausstehende nationale Vergleich wird für die sozialdemokratisch regierten Bundesländer eine kalte Dusche.

Ob die Milliarden für Ganztagsschulen und der Aufruf zum nationalen Kraftakt daran etwas ändern werden, muss bezweifelt werden. Dieser Schröder'sche Aktionismus erinnert an den Rettungsversuch bei Holzmann. Auch damals spielte der Kanzler medienwirksam den Geld bringenden Retter. Jeder sollte glauben, damit sei der Bauriese kurz vor Weihnachten gerettet. Doch aus dem Geschenkkarton entwich nur heiße Luft. Auch die Kanzleraktion konnte Holzmann nicht retten. Die Managementfehler der Vergangenheit konnten nicht mit einer Geldspritze kuriert werden.

Ähnlich sieht es in der Bildungspolitik aus. Die Misere, die durch die Pisa-Studie offenbar wurde, ist das Ergebnis einer Bildungspolitik, die schon seit in den vergangenen dreißig Jahren auf dem falschen Gleis fährt. Damit wird deutlich, dass das Chaos nicht nur einer Partei oder einer Regierung zugeordnet werden kann, sondern ein Gemeinschaftswerk der Politik ist, ob rot, grün, schwarz oder gelb. Immerhin liegt die Bildungshoheit bei den Bundesländern. Und die können und wollen wegen leerer Kassen der Bildung keine weiteren Mittel zugestehen. Im Gegenteil: Es wird gespart, insbesondere an den Hochschulen, die oft nur noch dank privater Spenden den Lehrbetrieb aufrecht erhalten können.

Das Kernproblem liegt bei den Lehrern. Es gibt zu wenige, die lehren wollen. Zudem sind viele, vor allem in den naturwissenschaftlichen Fächern, schlecht ausgebildet. Folgen des Lehrermangels sind zu große Lerngruppen und eine ungenügende Förderung von schwächeren oder auch leistungsstärkeren Schüler. Mehr Ganztagsschulen werden daran nichts ändern können, denn dafür brauchen wir rund 30 Prozent mehr Lehrer. Zumal dann, wenn diese Einrichtungen pädagogisch sinnvoll eingesetzt und nicht zu Verwahranstalten für Kinder berufstätiger Eltern degradiert werden sollen.

Ob die Einberufung eines "unabhängigen" bildungspolitischen Sachverständigenausschusses eine Lösung ist? Wohl kaum. Die Erfahrungen im gesundheitspolitischen Bereich mit Sachverständigenrat und Rundem Tisch stimmen nicht gerade optimistisch. Zunächst müssen die Ursachen für die Bildungsmisere analysiert und dann ein nationaler Konsens mit allen Bundesländern gesucht werden. So könnte eine zukunftsorientierte Bildungspolitik eingeleitet werden, die auch den humanistischen Grundgedanken wieder zulässt und nicht durch Parteienstreit zerredet wird.

In einem Punkt hat der Bundeskanzler Recht: Bildung ist die beste Zukunftsinvestition und die wichtigste Form der Zukunftsvorsorge. Nur muss diese Einsicht auch dazu führen, dass ausreichende Mittel für Investitionen an der richtigen Stelle zur Verfügung gestellt werden. Läppische vier Milliarden für Ganztagsschulen sind zurzeit eine reine Fehlinvestition. Primär müssen mehr Mittel für die Ausbildung der Ausbilder und für die Lehre an den Universitäten bereitgestellt werden.

Allen, ganz besonders der Politik, muss klar sein: Kurzfristige Erfolge wird es nicht geben. Die Mittel, die heute in die Bildung investiert werden, werden sich erst in zehn bis 20 Jahren auszahlen.

Professor Dr. Hartmut Morck
Chefredakteur
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