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Misstrauisch

11.06.2001
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Misstrauisch

von Ulrich Brunner
PZ-Redakteur

Die Zweitverwertung ist en vogue. Vom Antihypertonikum zum Potenzmittel oder vom Prostatapräparat zur Haarwuchs-Pille. In den letzten Jahren kramte die Pharmaindustrie immer häufiger in den Tiefen ihrer Substanzbibliotheken, um dann scheinbar innovative Wirkstoffe für völlig andere Indikationen hervorzuzaubern. Dass sich mit solchen, von Kritikern als Lifestyle-Pillen bezeichneten Medikamenten, richtig Kasse machen lässt, bewies vor allem Pfizer mit der Wiedergeburt von Sildenafil als Viagra®.

Auch der Multi Glaxo Wellcome, inzwischen mit SmithKline zu GSK fusioniert, folgte dem Trend und vermarktet seit vergangenem Jahr in Europa ein Medikament für werdende Nichtraucher: Zyban®. Wie Sildenafil und Finasterid stammt der Wirkstoff Bupropion nicht wirklich aus der Pipeline. Eigentlich wurde die Substanz als Antidepressivum entwickelt und ist in dieser Form als Wellbutrin™ seit einigen Jahren in den USA auf dem Markt. Bupropion wurde Anfang der achtziger Jahre sogar in der Parkinsontherapie erprobt.

Bereits bei der Markteinführung warnten Kritiker vor dem relativ umfangreichen Nebenwirkungskatalog von Zyban. Die Kritik: Nutzen und Risiko für die Indikation als Raucherentwöhnungsmittel stünden in krassem Missverhältnis. Immer wieder klagten Patienten, denen Zyban bei der Entwöhung helfen sollte, über Mundtrockenheit, Halluzinationen oder zentralnervöse Krämpfe. Da Bupropion ein Amphetamin-Derivat ist, sind Berichte über diese unerwünschten Effekte keine große Überraschung.

Obwohl die Nebenwirkungen von Anfang an bekannt waren, fehlten bislang in der deutschen Fachinformation entsprechende Warnhinweise. Glaxo hatte immer wieder betont, die Bedenken hinsichtlich unerwünschter Effekte seien unbegründet.

Jetzt, knapp ein Jahr nach der Zulassung, reagierten die europäischen Behörden und ordneten neue Anwendungsempfehlungen an. Die Änderungen betreffen vor allem Einnahmeschemata sowie zu beachtende Nebenwirkungen und Gegenanzeigen.

Das Beispiel Zyban macht deutlich, wie wichtig es ist, dass Apothekerinnen und Apotheker den Werbebotschaften der Pharmaindustrie mit einem gesunden Maß an Misstrauen begegnen. Sie sollten sich nicht blindlings auf die Aussagen in bunt aufgemachten Produktbroschüren verlassen.

Es wäre allerdings falsch, Arzneimittelherstellern prinzipiell mangelndes Verantwortungsbewusstsein vorzuwerfen. Auf Grund der begrenzten Probandenzahlen in klinischen Studien werden Nebenwirkungen manchmal erst nach der Markteinführung bekannt, weil dann weltweit Millionen von Patienten das Präparat einnehmen. Deshalb ist es wichtig, dass wir unser pharmakologisches Wissen immer auf dem neuesten Stand halten, egal ob durch Seminare oder die Lektüre von Fachzeitschriften.

Wenn nicht wir Apotheker, wer sollte sich dann als Arzneimittelfachmann kritisch mit neuen Arzneimitteln auseinandersetzen, um Patienten und Ärzte kompetent und unabhängig zu beraten?

Fragen Sie sich jetzt, woher Sie als engagierter Offizinapotheker auch noch die Zeit nehmen sollen, um Fachjournale zu wälzen, oder Woche für Woche die internationalen Datenbanken zu durchforsten? Ich denke, der Aufwand lohnt sich. Ein gut informierter Apotheker, der kompetent und kritisch berät, kann bei Arzt und Patient nicht nur einen nachhaltig positiven Eindruck hinterlassen, er macht es den Befürwortern von Arzneiversand und Internethandel auch schwer, für ihre Sache zu argumentieren.

Und außerdem gibt es ja auch noch die PZ. Wir bemühen uns Woche für Woche, Sie objektiv über alle Neuigkeiten auf dem Arzneimittelmarkt zu informieren - übrigens auch im Internet.

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