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Wenig geeignet

20.03.2000
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- EditorialGovi-Verlag

Wenig geeignet

von Dr. Hartmut Morck
Chefredakteur

Nach dem Urteil der Stiftung Warentest, das in dem gerade erschienenen Handbuch „Medikamente„ veröffentlicht wurde, sollen 25 Prozent der am meisten verordneten beziehungsweise angewandten Arzneimittel, die von den Berliner Spezialisten getestet wurden, für die in Anspruch genommene Indikation „wenig geeignet„ sein.

Ein hartes Urteil, das auch den verordnenden Arzt und die abgebenden Apothekerinnen und Apotheker diskriminiert und deren Kompetenz in Frage stellt. Deshalb erscheint es dringend notwendig, sich mit diesem Handbuch, das ein Folgewerk des bereits vor fünf Jahren erschienenen und ebenfalls umstrittenen Ratgebers „Selbstmedikation„ der gleichen Institution ist, kritisch auseinanderzusetzen.

Nach einer ersten Lektüre kann ich den Äußerungen von Hubertus Primus, Bereichsleiter Publikationen der Stiftung Warentest, nicht zustimmen. Er behauptete auf einer Pressekonferenz, dass es bisher keine Informationen über die Qualität der verordnungsfähigen Arzneimittel gegeben habe. Als ehemaliges stellvertretendes Mitglied der Transparenzkommission empfehle ich ihm, die veröffentlichten Listen dieser Kommission aufmerksam zu lesen. Sie haben mehr Tiefe und spiegeln im Gegensatz zu diesem Buch auch die wissenschaftliche Diskussion um die Bewertung einzelner Arzneimittelgruppen wider. Und genau das vermisse ich in diesem Buch.

Dieses Elaborat ist geprägt von alten ideologischen Vorurteilen. Ein charakteristisches Beispiel ist die pauschale Ablehnung der Kombinationsanalgetika und der Venentherapeutika. Die Autoren lassen eine neue Bewertung dieser Arzneimittel nicht zu.

Literaturhinweise, die die Logik der Beurteilung plausibel machen könnten, sind nicht vorhanden. Neuere Literatur fand keine Verwendung. Und die Autoren gaben den kritisierten Mitteln nicht die geringste Chance, in validierten klinischen Studien ihre Wirksamkeit zu belegen.

Dabei sind letztere bereits im Gange: Mit der Kombination aus Acetylsalicylsäure, Paracetamol und Coffein läuft seit zwei Jahren eine kontrollierte sechsarmige klinische Studie, die den Nutzen oder auch Nichtnutzen sowie die Verträglichkeit dieser Kombination belegen soll. Wissenschaftlich wäre es fair, die Ergebnisse dieser Studie abzuwarten, um zu bewerten, ob die Gegner dieser Kombination Recht behalten oder ob die amerikanische Zulassungsbehörde FDA Recht hat, die bereits 1997 diese Kombination als Schmerzmittel auch gegen Migräne bestätigte.

Auch die pauschale Verurteilung der Venenmittel halte ich für ideologisch verbrämt. Auch hier gibt es für Aescin-haltige Produkte inzwischen valide Studien, die die Wirksamkeit belegen und in Deutschland zur Zulassung nach dem Arzneimittelgesetz 1976 führten. Mehr Vertrauen der auch mit Steuergeldern finanzierten Berliner Verbraucherzentrale in die zulassende Behörde wäre wünschenswert . Ein Trost bleibt: Das Buch wird wahrscheinlich nicht sehr viel Schaden anrichten. Schließlich wird ein Verbraucher kaum 78 DM investieren für einen Rat, den er in der Apotheke kostenlos erhalten kann. Top

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