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PZ Editorial

03.03.1997  00:00 Uhr

-Editorial

Govi-Verlag

Signal der Kirchen

von Dr. Paul Hoffacker
ABDA-Geschäftsführer
Wirtschaft und Sozialpolitik

Das Wort der Kirchen zur wirtschaftlichen und sozialen Lage in Deutschland ist ein deutliches Signal in einer religiösen, politischen und gesellschaftlichen Umbruchphase. Dieses Wort ist kein nach innen gerichtetes Hirtenschreiben oder eine Verlautbarung zu einem gesellschaftlich relevanten Teilproblem. Nein, dieses Wort ist wie eine Fanfare, die aufrüttelt, zum Nachdenken herausfordert und zum Handeln zwingt.

Das Wort ist hineingesprochen in eine Gesellschaft, die unter einem starken Werteschwund bis hin zum Werteverlust leidet. "Solidarität und Gerechtigkeit genießen heute keine unangefochtene Wertschätzung. Dem Egoismus auf der individuellen Ebene entspricht die Neigung der gesellschaftlichen Gruppen, ihr partikulares Interesse dem Gemeinwohl rigoros vorzuordnen", heißt es im Eingangstext.

Das Wort spricht nicht nur die Gläubigen und Mitglieder der Kirchen an. Es wendet sich an alle Menschen, nicht nur an diejenigen, die guten Willens sind. Es will Einstellungen und Verhaltensweisen ändern. Die Verantwortlichen wollen nicht selbst Politik machen, sondern Politik möglich machen. Es ist gut, daß die Kirchen sich in dieser Form einmischen, um denjenigen Gehör zu verschaffen, die - um es mit Brecht zu sagen - im Schatten stehen: Arme, Benachteiligte, Machtlose, die kommende Generation, die stumme Kreatur.

Schwarz-weiß-Malerei? Herz-Jesu-Sozialismus? Mitnichten. Wir lesen: "Die Kirchen sehen im Konzept der Sozialen Marktwirtschaft weiterhin ... den geeigneten Rahmen für eine zukunftsfähige Wirtschafts- und Sozialpolitik." Ein Bekenntnis der Kirchen zu einem bewährten Wirtschafts- und Sozialsystem. Dies bedarf allerdings ständiger Reform und Erneuerung sowie Weiterentwicklung. Vor dem Hintergrund gegenwärtiger Mißbräuche (zerstörerischer Egoismus mit der Folge von Bestechung, Steuerhinterziehung, Mißbrauch von Subventionen und Sozialleistungen) braucht die Soziale Marktwirtschaft eine strukturelle und moralische Erneuerung.

In diesem Erneuerungsprozeß sind nicht allein die politischen Gestaltungskräfte in Parteien und Parlamenten gefordert. Ich sehe eine große Chance für die gesellschaftlichen Gruppen und Verbände, sich aktiv an dieser Weiterentwicklung der Sozialen Marktwirtschaft zu beteiligen und insbesondere den Sozialstaat weiterzuentwickeln.

Es kommt darauf an, daß die staatlich geregelte Versorgung in Alter und Krankheit durch mehr Eigenverantwortung und Verantwortung der kleinen sozialen Einheiten gestützt wird. Das Wort der Kirchen spricht von einer ergänzenden Sozialstruktur und nennt als ihre gestaltenden Träger unter anderem die Netzwerke assoziativer Selbsthilfe, Bürgerbewegungen, Ehrenämter, Nachbarschaftshilfe.

Für die Heilberufe eröffnen sich viele Chancen der Mitwirkung. Im Wort der Kirchen wird dies am Prinzip der Subsidiarität verdeutlicht: Bei der Subsidiarität geht es darum, die Einzelpersonen und die untergeordneten gesellschaftlichen Ebenen zu schützen und zu unterstützen, nicht jedoch, ihnen wachsende Risiken zuzuschieben. Subsidiarität und Solidarität, Subsidiarität und Sozialstaat gehören insofern zusammen. Subsidiarität heißt: zur Eigenverantwortung befähigen, Subsidiarität heißt nicht: den einzelnen mit seiner sozialen Sicherung allein lassen.

Lesen Sie dazu auch "Kirchen warnen vor Entsolidarisierung"

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