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Spiel auf Zeit

12.02.2001
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Spiel auf Zeit

von Dr. Ulrike Wagner, Redakteurin

Für einen unverantwortlichen Eingriff des Menschen in die Schöpfung hielten Viele die Gentechnik in den achtziger und frühen neunziger Jahren. Das Bild hat sich gewandelt. Denn zumindest was medizinische Anwendungen angeht, stößt die Gentechnik inzwischen in der Bevölkerung auf breite Akzeptanz. Selbst die Gentherapie - den gezielten Eingriff in das menschliche Erbgut - akzeptierten bereits vor zwei Jahren etwa 70 Prozent der Deutschen.

Da ist es im Nachhinein schwer nachvollziehbar, welche Schwierigkeiten Pharmaunternehmen noch vor weniger als 20 Jahren hatten, die ersten Anlagen in Betrieb zu nehmen, in denen genetisch veränderte Bakterien menschliche Proteine produzieren. Heute möchte wohl kaum jemand auf Humaninsulin oder gentechnisch hergestellte Wachstumsfaktoren und Interferone verzichten. Die neuen Produktionsmethoden haben gezeigt, dass sie unter den entsprechenden Bedingungen sicher sind und keine Gefahr für die Umwelt besteht. Vielleicht hat dies den Stimmungswechsel in der Bevölkerung ausgelöst.

Heutzutage müssen die Wissenschaftler eher die Euphorie bremsen, mit der neue Erkenntnisse von vielen Menschen aufgenommen werden. So relativierten in den letzten Monaten viele Forscher die Erwartungen, die an die Entschlüsselung des menschlichen Genoms geknüpft sind - nicht selten geschürt von Analysten und Börsenmaklern, die damit die Aktien von Biotech-Unternehmen in die Höhe trieben.

Mit der Basenabfolge, die am Montag von den konkurrierenden Forschergruppen in den Wissenschaftsmagazinen Nature und Science veröffentlicht wurde, kann man noch nicht viel anfangen. Jetzt müssen erst die Funktionen der Gene und deren beim Menschen komplizierte Regulation erforscht werden. Erst dann könnte die Gentherapie tatsächlich zur Medizin der Zukunft avancieren. Bereits heute sind die Erfolge auf diesem Gebiet spektakulär, wenn Menschen mit einer tödlichen Erbkrankheit plötzlich ein normales Leben führen können. Aber sie sind selten, und die Forscher beschäftigen sich derzeit noch mit grundsätzlichen Problemen wie dem gezielten Transport der DNA in die Zelle. 

Die meisten Erkrankungen entstehen multifaktoriell durch den Defekt oder die Fehlregulation zahlreicher Gene und nicht zuletzt durch Umwelteinflüsse. Dadurch sind sie per Gentherapie kaum zu heilen. Der Mensch ist eben doch mehr als das Produkt seiner Gene und die Basenabfolge zunächst vor allem für die Grundlagenforschung von Nutzen.

Die neuen Daten werfen jedoch Fragen nach gesetzlichen Regelungen auf. Denn auch wenn zurzeit niemand Erbkrankheiten tatsächlich heilen kann und sich menschliche Eigenschaften noch nicht durch Veränderung des Erbmaterials manipulieren lassen, so verlangen die diagnostischen Möglichkeiten bereits heute nach klaren ethischen Richtlinien.

Während andere Länder Fakten schaffen, in unseren Augen ethisch vertretbar oder nicht, steht für Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) die Diskussion noch ganz am Anfang. Sie spielt auf Zeit, will offensichtlich nicht bereits in dieser Legislaturperiode Entscheidungen treffen, die bei der nächsten Wahl Stimmen kosten könnten. Dabei sind Techniken, die zum Beispiel eine Präimplantationsdiagnostik ermöglichen, nicht neu. Vor diesem Hintergrund ist es sehr zu bedauern, dass sie das von ihrer Vorgängerin Andrea Fischer (Grüne) geplante Gesetz zur Fortpflanzungsmedizin gestoppt und die Entscheidung in die nächste Legislaturperiode verschoben hat.

Entscheidungen zu diesem Thema lassen sich nicht einfach treffen. Und mit einer strikten Ablehnung - wie sie in Fischers Entwurf geplant war - wird man dem Thema nicht gerecht. Denn warum sollte im Reagenzglas nicht erlaubt sein, was anschließend im Mutterleib möglich ist: die Diagnose schwerster Schädigungen und eine Abtreibung. Allerdings fordert eine solche Entscheidung enge gesetzliche Grenzen, die streng kontrolliert werden müssen, um zu verhindern, dass Eltern zum Beispiel über das Geschlecht und andere Eigenschaften ihrer Kinder entscheiden.

Der Gesetzgeber sollte den technischen Möglichkeiten nicht permanent meilenweit hinterherhinken, nur weil das Thema kompliziert ist. Wenn sich die vielbeschriebene Wende in der Gentechnik-Politik auf endlose Diskussionen beschränkt und Gesetze weiter auf sich warten lassen, hilft dies niemandem weiter.

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