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Falscher Ansatz

19.01.2004
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Falscher Ansatz

Die deutschen Universitäten leiden massiv unter Geldmangel. Kostenintensive Ausbildungsgänge wie zum Beispiel die Pharmazie sollen an einigen Universitäten geschlossen beziehungsweise beschnitten werden. Berufungsverfahren werden über Jahre hinausgezögert, um Personalkosten zu sparen. Vor diesem Hintergrund ist die Diskussion um deutsche Elite-Universitäten ein Hohn.

Nach dem Jahr der sozialen Reformen oder Reförmchen, will die SPD mit ihren Weimarer Leitlinien das Jahr der Bildungsoffensive einläuten und damit offensichtlich ein Thema aktiv besetzen, bevor es die Opposition tut.

Dass Deutschland Gefahr läuft, in der Wissenschaft den internationalen Anschluss zu verpassen, wird von keinem mehr bestritten. Der Ruf nach Elite-Universitäten wird daran jedoch nichts ändern. Wichtiger wäre es, vor dem Handeln die Ursachen dieser Entwicklung zu analysieren. Über Jahre waren die politisch Verantwortlichen stolz, möglichst viele Abiturienten zum Studium zu führen. Die Universitäten wurden zu Massenuniversitäten, mit einer Relation von Professoren zu Studenten, die ein zielorientiertes Studieren allerdings unmöglich machte. Für das Wintersemester 2003/4 wird trotzdem stolz berichtet und als Erfolg deutscher Bildungspolitik verkauft, dass erstmals über zwei Millionen Studenten an deutschen Hochschulen immatrikuliert sind. Verschwiegen wird dabei, dass die finanzielle Ausstattung der Universitäten, für die die Länder zuständig sind, nicht den steigenden Studentenzahlen angepasst wird. Im Gegenteil: Sachmittel werden gestrichen und frei werdende Stellen nicht wieder besetzt.

Ich werde den Verdacht nicht los, dass die Diskussion über Elite-Universitäten den wahren Zustand an den Hochschulen verschleiern soll. Dieser Eindruck wird durch die Inhalte der Diskussion noch verstärkt. Wer Elite-Universitäten will und sich Harvard, Yale und andere amerikanische Top-Universitäten zum Vorbild nimmt, gleichzeitig aber Studiengebühren ablehnt, die Finanzierung dieser Einrichtungen offen lässt und an der Beamtenbesoldung der Professoren festhalten will, verkennt die Situation und kann nicht ernst genommen werden.

Mir wäre es lieber, die Politik würde Überlegungen anstellen, wie die Hochschulen allgemein besser finanziell ausgestattet werden können, wie eine intensivere Betreuung der Studenten verwirklicht wird, um die Studenten schneller zum Abschluss zu bringen, und wie studentische und Forschungsleistungen gefördert und honoriert werden können. Nur so ist es möglich, die pharmazeutischen Institute an den Hochschulen zu halten.

Abgesehen davon ist aus meiner Sicht diese Diskussion diskriminierend. Sie wertet die Leistungen derjenigen Forscher, Institute und Fachbereiche ab, die sich trotz der beschränkten Mittel wissenschaftlich international etablieren konnten. Außerdem hat die SPD offensichtlich vergessen, dass mit der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und anderen Stiftungen Forschungsförderung bereits betrieben wird, dass es bereits private Elite-Universitäten gibt, wie in Bremen, und dass die Max-Planck-Institute mit ihren Forschungsergebnissen weltweit anerkannt sind.

Elite kann nicht durch politische Diskussionen herbeigeredet werden. Sie muss geschaffen werden. Das kann nicht erst an den Hochschulen geschehen. Eliteförderung muss im Vorschulalter beginnen, an den Schulen fortgesetzt und an den Hochschulen abgeschlossen werden. Das heißt, wir brauchen in Deutschland eine grundsätzlich andere Bildungspolitik. Nur dann wird sich der Wunsch der SPD auch erfüllen lassen, wieder mehr deutsche Nobelpreisträger feiern zu können.

Professor Dr. Hartmut Morck
Chefredakteur
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