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Bausatz für ein neues Gesundheitssystem

18.08.2003
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Bausatz für ein neues Gesundheitssystem

von Conny Becker, Eschborn

Wen die ewig neuen Konzepte zur Gesundheitsreform verwirren oder nerven, der kann sich nun online selbst eins basteln.

Unterstützt wird jeder selbsternannte Gesundheitsminister vom Simulationssystem Reform-O-Mat, den er auf der Internetseite von Schwarz-Pharma findet (www.schwarzpharma.de). Ziel der Simulation ist es, der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) von 3 Milliarden Miesen wieder ins Plus zu helfen und dennoch Versicherte und Steuerzahler bei Laune zu halten. Wie ein Politiker eben.

Mit zahlreichen Reformschritten kann der frischgebackene Gesundheitsminister entweder die GKV-Ausgaben senken oder die Einnahmen der Kassen erhöhen. Veränderungen sind dabei in allen Bereichen des Gesundheitswesens möglich, von Kosten für Arzt, Zahnarzt, Krankenhaus über Verwaltungskosten der Kassen bis hin zu Arznei- und Heilmitteln. Jeder Schritt wirkt sich sowohl auf die Finanzlücke als auch auf die Stimmung der Versicherten aus.

Die angebotenen Reformvorschläge umfassen zum größten Teil Punkte aus der aktuellen gesundheitspolitischen Diskussion. Zur Berechnung nutzt das Programm Zahlen, die öffentlich verfügbar sind und auf Schätzwerten von Experten oder Hochrechnungen basieren. So zählen der Arzneimittelverordnungs-Report oder das Eckpunktepapier zur Gesundheitsreform zu den Quellen.

Im Arzneimittelbereich sind bei Schwarz die meisten Einsparmöglichkeiten zu finden, wobei sich das Unternehmen nicht zuletzt aus Eigeninteresse eher kritisch zur Generikapflicht, der Erhöhung der Reimportquote oder den höheren Rabattforderungen für Me-too-Präparate äußert. In begleitenden Infotexten ist zum Beispiel zu lesen, dass die Generikapflicht „die Versorgungssicherheit infrage stellt, da nicht sicher ist, ob der billigste Generikaanbieter die Nachfrage nach der jeweiligen Wirksubstanz auch abdecken kann.“ Bei der Vielzahl an Generikaherstellern kann man dieser Gefahr jedoch optimistisch begegnen.

Versandhandel belastet Öko-Bilanz

Aus einem neuen Blickwinkel betrachtet Schwarz den Versandhandel. Neben einem „vermuteten“ Einsparpotenzial von 1,8 Milliarden Euro verweist der Informationstext auf die Öko-Bilanz. Die Umweltbelastung durch Arzneimitteltransporte werde auch in der Bewertung von Reimporten vernachlässigt.

Nimmt der eifriger Nachwuchsminister alle Vorschläge in seine Reform auf, kann er die Einsparungen der GKV-Ausgaben auf über 50 Milliarden sowie die Mehreinnahmen auf etwa 90 Milliarden Euro steigern. Allerdings beinhaltet dies sowohl die eher utopische Senkung des Mehrwertsteuersatzes auf Arzneimittel auf 7 Prozent, die Einführung der Bürgerversicherung zuzüglich Kopfpauschale als auch die Annahme, dass eine Million Arbeitslose wieder sozialversicherungspflichtig beschäftigt werden.

Fragliche Vorschläge gegen Ende der Liste, etwa einem Euro Steuer zusätzlich pro Kilogramm zahnschädigenden Zucker zu erheben oder die Steuern auf gesundheitsschädliches Mineralöl zu erhöhen, scheinen den Spieler auf den Boden der Tatsachen zurückholen zu wollen. Und schließlich muss bei allem Spareifer auch bedacht werden, dass Versicherte und Steuerzahler schon nach dem dritten Einsparpunkt ins Zähnefletschen ausgebrochen sind. Da GKV-Versicherte in der Regel auch Steuerzahler sind, erfreut sie selbst ein minimaler Beitragssatz nicht, wenn dabei Direkt- und Steuerbelastungen explodieren.

Einen Trick gibt es in dem Spiel, beide zu erfreuen und gleichzeitig das Kassendefizit zu stopfen: Dürfen die Nettoverwaltungskosten der GKV 3 Prozent der Einnahmen nicht überschreiten, so sinkt der Beitragssatz und jeder Versicherte bekommt 70 Euro ausgezahlt.

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