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Elektronisch lernen nach Bedarf

28.02.2005
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Learntec 2005

Elektronisch lernen nach Bedarf

von Axel Helmstädter, Karlsruhe

Schon seit zwölf Jahren gibt es »Learntec«, den europäischen Fachkongress mit begleitender Messe für Bildungs- und Informationstechnologie. In diesem Jahr war »Mobile Learning« einer der Schwerpunkte der Veranstaltung. Und es wurde deutlich, dass beim Lernen mit dem Computer mittlerweile zwei unterschiedliche Wege beschritten werden.

Regelmäßige Beobachter der Szene konnten dieser Tage in Karlsruhe einen klaren Trend zum Pragmatismus ausmachen: Staatlich geförderte, aufwändig gestaltete digitale Lerneinheiten haben inzwischen zwar ihren festen Platz in der Hochschuldidaktik, lassen sich aber nur schwer vermarkten. Bei der von Wirtschaftlichkeitsüberlegungen geprägten medizinischen und pharmazeutischen Fortbildung sind dementsprechend pragmatische Lösungen der Standard. Dabei haben verschiedene Zielgruppen auch unterschiedliche Bedürfnisse.

Schulung für den Außendienst

Die pharmazeutische Industrie setzt elektronische Systeme hauptsächlich dazu ein, ihre etwa 20.000 Außendienstmitarbeiter zu informieren. Vor allem bei der Einführung neuer Präparate entsteht ein hoher Schulungsbedarf, der kurzfristig befriedigt werden muss. Elektronische Medien helfen trotz hoher Produktionskosten, jährlich mehrere Tage Präsenzfortbildung einzusparen. Dabei geht es vor allem um weniger Ausfallzeit bei den Arztbesuchen, da jeder Tag, an dem die Mitarbeiter keine Besuchstermine wahrnehmen können, zu spürbaren Umsatzeinbußen führt.

Die Ansätze bei der elektronischen Information reichen von weltweit einsetzbaren Power-Point-Präsentationen bis hin zu fallbasierten Online-Szenarien zum Selbststudium. Die Erfahrung zeigt, dass schon aus Motivationsgründen zunächst eine enge persönliche Betreuung der Teilnehmer durch Tutoren sinnvoll ist und sich nicht alle Lehrinhalte für die elektronische Umsetzung eignen. Während sich stark faktenorientierte Themen gut elektronisch vermitteln lassen, sind Kommunikations- oder Verkaufsstrategien besser in Präsenzschulungen zu vermitteln.

Bei der Arztfortbildung hat sich der auf Printmedien bezogene Online-Fragebogen inzwischen als Standard etabliert. Auch bei dem pharmazeutischen Angebot PZ-Akademie online (www.pz-akademie.de) ist das so. Vor allem Verlage und Fachgesellschaften bieten entsprechende Lerneinheiten an. Die für die Ärzte Mitte 2004 eingeführte und mit Sanktionsandrohungen belegte Pflicht, innerhalb von fünf Jahren eine bestimmte Anzahl von Punkten im Rahmen der zertifizierten Fortbildung zu sammeln, hat den Systemen einen regelrechten Boom beschert. Nach Erfahrungen großer medizinischer Fachverlage nehmen mit stark steigender Tendenz inzwischen mehr als 20 Prozent der jeweiligen Zeitschriftenbezieher an den angebotenen Prüfungen teil. Kritiker sehen indes die Gefahr, dass Fortbildung zur reinen Punktejagd verkommt und die in der Medizin übliche Praxis, nur das Multiple-Choice-Verfahren anzuwenden, nicht zu einer Qualitätsverbesserung ärztlichen Handelns führt. Positiv bewertet werden die hohe Akzeptanz und die einfache Durchführung der Tests, die zeitliche Unabhängigkeit der individuellen Fortbildung mittels Fachzeitschrift und PC sowie die geringen Teilnahmegebühren. Kommerzielle Angebote kosten zwischen drei und fünf Euro pro möglichem Fortbildungspunkt. Technisch und zeitlich aufwändigere Verfahren etwa in Form virtueller Seminarräume spielen außerhalb der Universität kaum eine Rolle.

Schneller und effizienter lernen

Neben den pragmatischen Lösungen haben mit hohem Aufwand erstellte, grafisch animierte und fallbasierte Lernmodule aber nach wie vor ihren Platz in der universitären Lehre. Ausgehend von Erfahrungen aus der Schweiz rechnen Experten damit, dass im Jahr 2007 neue Medien bis zu fünf Prozent der universitären Präsenzlehre ersetzen könnten.

Ein wegweisendes Projekt für Pharmazeuten entstand am Institut für molekulare Pharmazie der Universität Basel (www.pharmasquare.org): Dort werden Kombinationen aus Präsenzveranstaltungen und einer virtuellen Lernumgebung mit dreidimensionalen Darstellungen, Animationen und Simulationen (»blended learning approach«) eingesetzt. Die elektronischen Medien sollen die Präsenzveranstaltungen besser und effizienter machen, indem die Stärken verschiedener Unterrichtsformen jeweils optimal zur Geltung gebracht werden. In elektronischer Form stehen Module zur Vorbereitung und Repetition, ein Testsystem und ein virtuelles Labor (ViLab) zur Verfügung. Mit ViLab können sich Studierende auf anspruchsvolle Laborarbeit vorbereiten ohne dabei Ressourcen in Anspruch nehmen zu müssen oder auf persönliche Betreuung angewiesen zu sein.

Datenfriedhöfe vermeiden

Die komplexen virtuellen Lernumgebungen sind zwar hilfreich in der Hochschulausbildung, aber die einstmals sehr optimistisch eingeschätzten Vermarktungspotenziale lassen sich nur schwer realisieren. Zudem besteht die Gefahr, dass nach Auslaufen öffentlicher Förderung didaktisch wertvolle Entwicklungen völlig in Vergessenheit geraten. Um die mittlerweile reichlich vorhandenen Ressourcen auch weiterhin verfügbar zu halten, wäre zumindest ein Verzeichnis der bereits entwickelten Medien sinnvoll. Zusätzlich könnten Vereinbarungen zur interdisziplinären und überregionalen Nutzung getroffen werden, um »Datenfriedhöfe« zu vermeiden. Vorbild ist die »Virtuelle Videothek für die Medizin« (www.vvfm.de), in der medizinische Lehrfilme gesammelt und gegen geringe Gebühr online vertrieben werden.

Zu den technischen Neuerungen der »Learntec 2005« gehören verschiedene Ansätze, Lehrinhalte und Prüfungen für mobile Endgeräte zu entwickeln (»mobile learning«). Dabei werden im einfachsten Fall Inhalte und Fragen per SMS verschickt; komplexere Anwendungen benötigen einen leistungsfähigen Pocket-PC. Solche Systeme können beispielsweise den Arzt bis zum Krankenbett begleiten und sind daher besonders praxisorientiert.

In den USA, wo medizinische Datenbankanwendungen für Mobilgeräte schon weit verbreitet sind, bekommen Mediziner die Zeit, die sie mit mobilen Datenbankrecherchen verbracht haben, auf ihrem Punktekonto für das Fortbildungszertifikat gutgeschrieben.

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