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Viren spezifisch angehen

21.01.2002  00:00 Uhr

PHARMACON DAVOS 2002

Viren spezifisch angehen

Viren sind nach wie vor eine der größten Herausforderungen für die Medizin. Grund hierfür ist nicht nur die HIV-Problematik. Auch gegen eine Reihe von anderen Viren gibt es noch keine wirksame Immunisierung, informierte Professor Dr. Bernd Clement von der Christian-Albrechts-Universität, Kiel. Besonders effektiv zur Bekämpfung von Viren sind Wirkstoffe, die gezielt viruseigene Proteine hemmen, wie zum Beispiel die DNA-Polymerase bei Herpesviren, die Reverse Transkriptase und die Protease bei HIV sowie die Neuraminidase bei Influenzaviren.

Gerade zur Behandlung von Herpesviren stehen selektive und potente Virustatika in Form von Antimetaboliten zur Verfügung. Die Wirkstoffe werden als ähnliche, aber falsche Bausteine vom Nukleinsäurestoffwechsel akzeptiert und stoppen - einmal in die neu entstehende DNA-Kette integriert - die Replikation des Erbguts. Nach diesem Prinzip funktioniert Brivudin ebenso wie der "Goldstandard in der Herpes-simplex-Viren-Behandlung" Aciclovir - ein acyclisches Purinderivat. Da dieser Wirkstoff allerdings eine geringe und schwankende Bioverfügbarkeit hat, wurde das Prodrug Valaciclovir entwickelt, das zu drei- bis fünffach höheren Plasmaspiegeln führt als die gleichen Aciclovir-Dosen.

Die Cytomegalieviren (CMV), die ebenfalls zu den Herpesviren gehören, verursachen typische opportunistische Infektionen bei HIV-Infizierten und nach Organtransplantationen. Zur Behandlung dieser Infektionen wurde eine Reihe "recht unselektiver und toxischer Substanzen entwickelt, deren Zulassung nur wegen der schwer wiegenden Aids-Problematik zu rechtfertigen ist", erklärte Clement. Diese Wirkstoffe können den Patienten das Augenlicht erhalten.

Neben den acyclischen Nucleosid-Antimetaboliten Ganciclovir und Cidovofir steht Foscarnet zur Verfügung - ein Pyrophosphat-Analogon, das ebenfalls die DNA-Polymerase hemmt. Außerdem ist für die Therapie der Cytomegalie-Retinitis ein Arzneimittel zugelassen, das nach einem ganz anderen Prinzip funktioniert: dem Antisense-Prinzip. Das Oligonucleotid lagert sich durch komplementäre Basenpaarung an die mRNA an und blockiert somit die Translation, den letzten Schritt der Proteinbiosynthese. Dadurch können keine viralen Proteine entstehen und der Erreger sich nicht weiter ausbreiten.

Eine weitere, häufig unterschätzte Gefahr sind die Hepatitis-Viren, berichtete Clement. Diese Erreger treten in Deutschland häufiger auf als der HI-Virus. Die durchaus wirksame Behandlung mit Interferon-a hat allerdings einen Nachteil: Die Zahl der Therapieversager und die Rückfallquoten sind relativ hoch. Erst vor kurzem wurde das Nucleosid-Analogon Ribavirin für die Kombinationstherapie mit Interferon-a zugelassen. In Aerosolform eignet es sich auch zur Behandlung schwerer Atemwegserkrankungen, die vor allem bei Kleinkindern und Säuglingen auftreten und durch das Respiratory Syncytial Virus (RSV) verursacht werden.

Trotz der enormen Zuwachsraten auf dem Gebiet der Virustatika und der beachtlichen Erfolge bestehen nach wie vor große Therapiedefizite, bilanzierte der Referent. Da nebenwirkungsarme Verbindungen meist ein bestimmtes virales Enzym blockieren, das nur in einer Virusfamilie vorkommt, besitzen die neuen Virustatika ein recht enges Wirkungsspektrum.

 

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