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Tuberkulose

Bedrohung durch Multiresistenz

28.01.2002  00:00 Uhr

PHARMACON DAVOS 2002

Tuberkulose: Bedrohung durch Multiresistenz

"Als Geißel der Menschheit begleitet die Tuberkulose uns seit Menschengedenken", so Professor Dr. Gert Höffken vom Universitätsklinikum Carl Gustav Carus in Dresden. Er schilderte medizinische und politische Aspekte der "alten und sehr bekannten Erkrankung", die durch Tbk-Bakterien (Mycobacterium tuberculosis) hervorgerufen wird und sich vorrangig an der Lunge mit oder ohne Bakteriennachweis, aber auch extrapulmonal manifestiert. Die Tuberkulose ist typischerweise eine Erkrankung des höheren Alters. Mehr Männer als Frauen sind betroffen.

Vom 18. bis 19. Jahrhundert sei die Tuberkulose als "Romantische Krankheit" , im 19. sowie zu Beginn des 20. Jahrhunderts schließlich als "Krankheit des Proletariats" deklariert worden. Sie galt im Nationalsozialismus als "Asoziale Krankheit" und in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts schließlich als "besiegtes" Leiden. In den 80er und 90er Jahren wurde die Infektion als Krankheit der Randgruppen gesehen. Heute sind über 30 Prozent der Weltbevölkerung infiziert, davon haben 5 bis 10 Prozent eine aktive Tuberkulose. 8,4 Millionen Neuerkrankungen sowie zwei bis drei Millionen Todesfälle jährlich sind zu verzeichnen.

Die zunehmende Verbreitung der Infektionskrankheit wird überwiegend durch politische, wirtschaftliche und soziale Faktoren bestimmt. Migration, Flüchtlingsströme, Überbevölkerung und Unterernährung sowie Verarmung und Krieg besonders in Indien, Afrika und der ehemaligen Sowjetunion tragen zur Verbreitung bei. In Deutschland ist dagegen seit den 70er Jahren ein permanenter Rückgang der Mortalität und Inzidenz zu verzeichnen, die heute bei 12:100.000 liegt. "Wir sollten uns als Industriestaat bewusst sein, dass die Situation jederzeit ins Gegenteil umschlagen kann", betonte Höffken. Er hob die passive Fallfindung bei Asylsuchenden, Aussiedlern, Spätheimkehrern oder Wirtschaftsflüchtlingen aus Hochrisikogebieten als ein geeignetes Mittel hervor, möglicherweise infizierte Personen rechtzeitig zu identifizieren und einer konsequenten Behandlung zuzuführen.

"In der ehemaligen Sowjetunion, China, Indien, Argentinien, der Karibik und dem Iran werden zunehmend resistente M. tuberculosis-Stämme isoliert, die entweder gegen eines der Klasse-1- oder Klasse-2-Antituberkulotika eine In-vitro-Resistenz aufweisen", warnte der Referent. Darüber hinaus ließen sich Resistenzen gegen mehrere Substanzen gleichzeitig nachweisen. Von einer Multiresistenz spricht man, wenn die Mikroorganismen gegenüber INH und Rifampicin, den beiden First-Line-Therapeutika, unempfindlich sind.

Die Ursache der zum Teil dramatischen Resistenzentwicklung bestehe unter anderem im Versagen einer antituberkulotischen Behandlung infolge fehlender standardisierter Behandlungsrichtlinien. Auch Therapiefehler der Ärzte wie Monotherapien, zu kurze Behandlungen, falsche Therapiepausen sowie fehlende Vortherapie tragen zur Resistenzentwicklung bei, so der Referent. Als weitere Gründe nannte er die unregelmäßige Versorgung mit Antituberkulotika sowie fehlende und nichtausreichende Mitarbeit der Patienten.

Als besonders dramatisch schilderte Höffken die Situation in russischen Strafgefangenenlagern. Von den mehr als eine Million Häftlingen leiden vermutlich 100.000 Personen an einer aktiven Tuberkulose. Die Mortalität in russischen Gefängnissen hat signifikant zugenommen. Schätzungen gehen davon aus, dass sich in der ehemaligen Sowjetunion jährlich circa 158.000 Personen mit multiresistenten Stämmen anstecken. Mehr als 10 Prozent dieser Menschen entwickeln im Laufe ihres Lebens eine aktive Tuberkulose, was sowohl therapeutische Probleme für die Betroffenen als auch epidemiologische Konsequenzen im Sinne einer weiteren Verbreitung nach sich ziehen kann.

 

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