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Kritik an BSE-Hysterie

21.01.2002  00:00 Uhr

PHARMACON DAVOS 2002

Kritik an BSE-Hysterie

Besonderheiten und Fakten zu BSE und zur Creutzfeldt-Jacob-Erkrankung (CJD) erläuterte Professor Dr. Sucharit Bhakdi, Mainz. Die Krankheit wurde erstmals von Hans-Gerhardt Creutzfeldt und Alfons Jacob beschrieben. Die Inzidenz liegt bei 1:1 Millionen pro Jahr. Die Prionen-Erkrankung führt zur schwammartigen, löchrigen Zerstörung der Gehirnsubstanz. Die Folgen sind Gedächtnisschwund, Depressionen, Orientierungsverlust, Demenz und Persönlichkeitsveränderungen. CJD schreitet schnell voran und kann innerhalb von zwei Jahren zum Tod führen.

Bhakdi beschrieb die Arbeiten von Gajdusek (1955 bis 1965), dem der Nachweis von infektiösem Gehirngewebe gelang. Es war der Amerikaner Stanley Prusiner, der die Befunde von Gajdusek aufgriff und 1982 ein Protein als infektiöses Agens und eigentlichen Auslöser der spongiformen Enzephalopathien, zu denen BSE, CJD und vCJD gehören, identifizierte. Seine Forschungen, für die er 1997 mit dem Nobelpreis geehrt wurde, führten zu dem allgemein akzeptierten "Prionen-Konzept", das von einem pathologischen unlöslichen Prionprotein im menschlichen Gehirn ausgeht. Dieses pathologische Eiweiß kann normale, natürliche Prionproteine, die in allen Gehirn- und Nervenzellen vorkommen, zwingen, seine Gestalt (Konformation) anzunehmen. Durch einen Dominoeffekt kommt es zur Ausbreitung und Vermehrung des pathologischen Materials. Das lawinenartige "Umklappen" der in jedem Organismus vorkommenden Prionproteine umschrieb der Referent mit dem Bild umgefallener Bäume.

In England erkrankten zwischen 1985 bis 1994 insgesamt 180.000 Rinder nach Verfütterung von ungenügend inaktiviertem Tiermehl, das Reste von an Scrapie erkrankten Schafen enthielt. Der erste Fall von vCJD, einer neuen Variante der Demenzerkrankung, nach momentanem Kenntnisstand nach Verzehr von BSE-infiziertem Fleisch entstehen kann, trat in Großbritannien 1996 auf. "Von diesem Zeitpunkt an ging die BSE-Hysterie um die ganze Welt", kritisierte Bahkdi. Diese Hysterie sei einhergegangen mit falschen Voraussagen über die vCJD-Epidemie bei Menschen, die von viel zu hohen Erkrankungsraten ausgingen und schließlich 2000 nach unten korrigiert wurden.

Zu hohe Kosten

Die tatsächliche Ausbreitung sei abhängig von zahlreichen Faktoren. Entscheidend ist unter anderem die Inkubationszeit. Wären bis 1994 circa 150 000 schwerst kontaminierte BSE-Rinder in die Nahrungskette gelangt, so sei unter Annahme einer durchschnittlichen Inkubationszeit von 20 bis 30 Jahren insgesamt von maximal 3000 vCJD-Erkrankungen im Jahr 2040 auszugehen. Sollten auf dem europäischen Festland 1000 kontaminierte BSE-Rinder in die Nahrungskette eingegangen sein, so wäre bis 2040 mit maximal 20 vCJD-Fällen zu rechnen, erläuterte der Referent.

Die gerade in Deutschland zu beobachtende BSE-Hysterie verurteilte er daher aufs Schärfste. Die Testung von 4 Millionen Tieren auf BSE, die letztlich weniger als 100 gesicherte Fälle ergeben hätte, brachte enorme Kosten mit sich, die das Budget für die gesamten infektiologisch-diagnostischen Laboruntersuchungen an allen Universitätskliniken Deutschlands bei weitem überschreiten, konstatierte der Referent. Einzige sinnvolle Maßnahmen im Kampf gegen BSE und vCJD seien das Verbot der Tiermehlverfütterung, das Entfernen von kranken Tieren aus der Nahrungskette sowie strenge hygienische Sicherheitsvorkehrungen bei Patienten mit Verdacht auf CJD.

 

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