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Die multimediale Wollmilchsau

11.10.1999
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-ComputerpraxisGovi-VerlagMEDIENKONVERGENZ

Die multimediale Wollmilchsau

von Axel Helmstädter, Eschborn

Der Traum ertragsorientierter Viehzüchter, die berühmte "eierlegende Wollmilchsau", scheint in multimedialer Variante kurz vor der Realisierung zu stehen. Das Ende der Ära, in der jede Medienform ihre eigenen Übertragungs- und Empfangsgeräte erforderte, scheint eingeläutet, das Schlagwort der Medienkonvergenz macht die Runde.

Spätestens seit den Bemühungen um Internet-Telefonie wurde uns vor Augen geführt, dass Internettechnik dazu geeignet sein könnte, auch andere Medienformen wie Radio- und Fernsehprogramme zu übertragen. Andererseits sucht die Online-Branche nach Mitteln und Wegen, ihre Inhalte auch demjenigen Nutzer anzubieten, der gerade nicht vor seinem Multimedia-PC sitzt.

Den Schritt zur Marktreife schon fast geschafft hat das auf der Internationalen Funkausstellung kürzlich vorgestellte Internet-Handy. Die Netzbetreiber Mannesmann, Telekom und Viag Interkom bereiten sich darauf vor, Daten in dem "Wireless Application Protocol (WAP)" zu versenden. Mit Hilfe spezieller, auf die HTML-Variante "Wireless Markup Language" abgestimmter Browser sollen dann Nachrichten, Wetterberichte oder Börsendaten aus dem Internet auf dem Telefon-Display sichtbar werden. Erste internettaugliche Geräte werden für Ende des Jahres erwartet.

Auch über erste interaktive Angebote unter dem griffigen Titel "M-Commerce" denken Unternehmen bereits nach: Mit dem Internet-Mobiltelefon soll es in einem Arbeitsgang möglich sein, Filmkritiken abzurufen, Kinokarten zu bestellen und zu bezahlen. Für WAP-Technologie müssen die Inhalte indes speziell aufbereitet werden; zuerst werden wohl Nachrichten, Staumeldungen und der Wetterbericht verfügbar sein.

Web-TV

Multimedia-Experten prophezeien schon lange, dass Fernseher und Internet-PC in den nächsten Jahren zusammenwachsen werden. Das Verlockende an dieser Vorstellung ist vor allem der leichter Zugang zum Internet. Der Nutzer muss sich mit komplizierter PC-Technik und kryptischer Providersoftware herumschlagen. Wer ins Netz möchte muss lediglich das Einschalten eines Fernsehers beherrschen. Zudem ermöglicht die Technik des Kabelfernsehens Übertragungsraten, von denen das Internet nur träumen kann.

Erste Kaffesatzdeuter sehen bereits das Ende der Videothek gekommen, wenn demnächst beliebig viele Fernsehfilme über das Internet bezogen und in digitaler Qualität am gewohnten Fernseher zu jedem gewünschten Zeitpunkt angesehen werden können. Doch auch den umgekehrten Aspekt hat der multimediale Ideenwettbewerb bereits hervorgebracht: Nachdem Untersuchungen festgestellt haben, dass der zunehmende Internet-Konsum weniger zu Lasten des Lesens als vielmehr des Fernsehens geht, denken Technologen darüber nach, wie Fernsehbilder via Internet abgerufen werden können. Dadurch soll das Fernsehprogramm individueller und interaktiver werden. Dieser Verlockung werden auch Werbetreibende nicht lange widerstehen können. Referenten des 4. Frankfurter Online-Forums sahen den Hauptfortschritt in der Überwindung passiven Fernseh-Konsumverhaltens.

Ob der Fernseher zum PC wird oder der Computer zum Heimkino, ein gemeinsames Endgerät scheint in naher Zukunft möglich. Zur Zeit wird intensiv daran gearbeitet, die vorhandenen Datenübertragungsleitungen so aufzurüsten, dass über einen Anschluss alle Medienformen in optimaler Geschwindigkeit und Qualität übertragen werden können.

E-Book

Der Vorteil von Büchern gegenüber Computern besteht nach allgemeiner Auffassung darin, dass man sie leichter mit ins Bett oder an den Strand nehmen kann. Doch auch dieser Vorsprung des Printmediums schmilzt langsam dahin: Auf der Frankfurter Buchmesse werden die ersten elektronischen Bücher (Fachjargon "E-books", http://www.rocket-ebook.de; http://www.softbook.com) vorgestellt. Die seit Ende letzten Jahres bereits in den USA erhältlichen Geräte in der Größe eines Taschenbuches verfügen über Speicherplatz für etwa zehn Bücher, deren Seiten einzeln auf dem Touchscreen-Bildschirm erscheinen.

Mittels spezieller Software werden Texte aus dem Internet in den Speicher des etwa 700 g schweren Gerätes geladen, die bei Online-Buchhandlungen gegen Bezahlung zur Verfügung stehen. Der amerikanische Buchversender Barnes & Noble (http://www.barnesandnoble.com) hat bereits über 1000 Titel im E-book-Format im Angebot, bereits über 50 Verlage bieten Inhalte an.

Einem Test der Zeitschrift Screen/business online (Heft 10/99) zufolge, lassen sich die Texte auf dem etwa 700 DM teuren Gerät ebenso gut lesen und bearbeiten wie in gedruckter Form und das sogar im grellen Sonnenlicht eines spanischen Strandes im Hochsommer. Umgekehrt soll die dezente Hintergrundbeleuchtung des Displays die Taschenlampe unter der Bettdecke überflüssig machen. Die Tester bemängeln lediglich den fehlenden Preisvorteil; neben den Kosten für die Hardware geben sie zu bedenken, dass die elektronischen Ausgaben der Titel (noch) teurer angeboten werden als die entsprechenden Taschenbücher.

Technik sucht Inhalt

Sicher ist die Vorstellung verlockend, eines Tages nur noch ein leicht zu bedienendes Gerät für alle Medienformen zu benötigen. Auf dem Wege dahin sind die unterschiedlichsten Hybrid-Techniken denkbar und wer mit dem Internet telefonieren, mit dem Telefon im Web surfen, mit dem Fernseher Radio hören und mit dem Bildschirm für die Westentasche Bücher lesen will, kann dies heute schon tun.

Unverkennbar ist jedoch, dass diese Entwicklungen mehr von technischer Seite katalysiert werden als von unbefriedigten Informationsbedürfnissen des Konsumenten. Während der Nutzwert von Eiern, Wolle, Milch vielleicht auch Schweinefleisch inzwischen ausreichend erwiesen ist, steht der Nachweis für die Notwendigkeit der einen oder anderen Technologie noch aus. Schon manche geniale Medien-Technik ist daran gescheitert, dass niemand geeignete redaktionelle Inhalte dafür gefunden hat. Wie in vielen anderen Bereichen auch muss man kein Prophet sein, um vorherzusehen, dass nur die Technik überleben wird, die dem Anwender einen klaren Vorteil bietet. Der Markt wird es richten. Top

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