Pharmazeutische Zeitung online

Zwischen Ignoranz und Akzeptanz

07.08.2000  00:00 Uhr

-ComputerpraxisGovi-VerlagPHARMAZEUTISCHE BETREUUNG

Zwischen Ignoranz und Akzeptanz

von Gertrude Mevissen, Eschborn

Ein fester Begriff ist die "Pharmazeutische Betreuung" schon heute. Doch jenseits aller Theorie und Pilotstudien lebt sie letztlich von der Umsetzung an der Basis. Wo Medikationsrechnereien in Studien bislang auf die Motivation drückten, sollen EDV-Programme jetzt das Datenmanagement unterstützen.

Kaum ein anderes Thema wird unter Apothekern so kontrovers diskutiert wie die Pharmazeutische Betreuung. Von Wissenschaft und Standesvertretung wird sie als Hoffnung des Berufsstands bezeichnet. Für viele Apotheker an der Basis scheint sie dagegen eher eine inhaltsleere Floskel zu sein, zu praxisfremd und zeitlich nicht umsetzbar. "Schon in den ersten Studien zeichnete sich ab, dass der Aufwand bei der Dokumentation einer breiten und vor allem bleibenden Akzeptanz bei den Apothekern im Wege stehen würde", erklärt Elke Christmann, Studienbeauftragte der Apothekerkammer Nordrhein für das Pilotprojekt "Basisprogramm Pharmazeutische Betreuung". Die Pilotapotheker äußerten sich in den abschließenden Bewertungsbögen dennoch positiv über die Pharmazeutische Betreuung: Die fachliche Kompetenz sei wieder stärker in den Berufalltag gerückt und der Kontakt zu Kunden und Ärzten habe sich verbessert.

Pharmazeutische Betreuung, so das Fazit, ist ohne Computerprogramme auf Dauer nicht umsetzbar. Die Software soll helfen, die Betreuung stärker auf die Praxis zuzuschneiden. Ein Arbeitskreis aus Vertretern der Apothekerkammer Nordrhein, der Softwarehäuser, ABDATA und der Arbeitsgruppe Arzneimittelepidemiologie/ Sozialpharmazie der Humboldt-Universität Berlin nahmen sich dieser Aufgabe an. Unter der wissenschaftlichen Leitung von Professor Dr. Marion Schaefer wurde ein in das Warenwirtschaftsprogramm integriertes EDV-Basisprogramm entwickelt, das von der Kasse aus die Pharmazeutische Betreuung unterstützen kann. Die einheitliche Vorgehensweise aller EDV-Anbieter sollte gleiche Standards bei der Datenerfassung garantieren, um intern einen einheitlichen Informationsstand aller Apotheken zu gewährleisten und extern eine Basis für die "Evidence based Pharmacy" zu legen.

Zeitsprung, Sommer 2000: Die Programmentwicklung ist weitgehend abgeschlossen. Einige Produkte sind bereits im Handel, andere werden zur Expopharm marktreif. Technisch sind die Weichen gestellt. Ob damit auch der Weg frei ist für die Pharmazeutische Betreuung, wird entscheidend von ihrer Umsetzbarkeit in der Apothekenpraxis abhängen. Die Programme können die Pharmazeutische Betreuung nur unterstützen. Bits und Bytes werden aber weder den Kopf vor dem Rechner, noch die Mannschaft dahinter ersetzen. Der pharmazeutische Sachverstand liegt weiterhin beim Apotheker. Was die Programme liefern, ist ein Zuwachs an Informationen.

Die Medikation des Patienten wird nicht mehr nur zum Zeitpunkt der Abgabe betrachtet, wie es die "Intensivierte Beratung" tut, sondern während seiner fortlaufenden Medikation - vor, während und nach der Abgabe. Im Unterschied zu bisherigen Kundenkartensystemen, deren Medikationsübersicht hauptsächlich zur Überprüfung von Interaktionen und Kontraindikationen und zur Erstellung von Sammelquittungen dient, schaffen die Module zur Pharmazeutischen Betreuung den Überblick über die kontinuierliche Arzneimittelbehandlung. Arzneimittelbezogene Probleme, wie die unzweckmäßige Auswahl, unerwünschte Wirkungen, abweichende Dosierungen oder falsche Anwendung, sollen so einfacher erkannt, gelöst und dokumentiert werden.

Programme

Für Apotheken, die bereits mit Patientenkarten gearbeitet haben, sind die neuen Programme zur Pharmazeutischen Betreuung eine erweiterte Form ihrer bisherigen Kundendatei. Voraussetzung ist eine Kundenverwaltung, und zusätzlich die ABDA-Datenbank (Ausnahme Pharmatechnik).Bis auf die Softwarehäuser ADG und AD bieten alle Hersteller ihre Programme als Zusatzmodul zum Warenwirtschaftssystem an (siehe Excel-Tabelle zum Download am Ende dieses Beitrages, Punkt A2). Bei AD ist das PCP-Pharmaceutical-Care Paket in das bestehende Softwaresystem integriert. Die Installation ist mit keinen Zusatzkosten verbunden. Bei anderen Anbietern liegen die Preise abhängig von den zusätzlichen Datenpflegegebühren zwischen 195 und 2950 DM (A4). Miete und Leasing sind in einigen Fällen auch möglich (A4).

Um die Programme zur Pharmazeutischen Betreuung anwenden zu können, wird für viele Apotheker die Umstellung vom Unix- zum Windows NT-Betriebssystem erforderlich sein (ADG, Stahl)(A6/7). Das Softwarehaus ADG bietet Unix-Nutzern zur Pharmazeutischen Betreuung einen separaten Computerarbeitsplatz mit Zugriff zur Patientenverwaltung an (Stand-Alone-Lösung).

Die Testphase ist bei vielen Anbietern bereits abgeschlossen. Eine kostenlose Freischaltung des Programmes über ein bis drei Monate ist noch bei einigen Softwarehäusern möglich (A3).

Nach den Vorgaben des EDV-Basis-Programms haben die Programme einen einheitlichen Aufbau. Es gibt die fünf Ebenen:

  • Patientenstammdaten,
  • Medikationsdatei,
  • Medikationsprofil,
  • Medizinische und ökonomische Parameter
  • Dokumentation

Patientenstammdaten/Sozialanamnese

Wird ein Patient pharmazeutisch betreut, werden zuerst therapierelevante Daten mit dessen Einverständnis erfasst (B1). Alter, Gewicht und Größe werden ebenso festgehalten wie Lebensgewohnheiten, Erkrankungen und Allergien (Risikoprofil/Sozialanamnese). Die Daten werden in der Patientendatei gespeichert. Für spätere patientenbezogene Checks (Indikation, Kontraindikation, Interaktion, Dosierung, unerwünschte Arzneimittelwirkung) sind sie jederzeit abrufbar.

Medikationsdatei

Bei pharmazeutisch betreuten Patienten speichert die Software automatisch jedes abgegebene Medikament (Handelsname, INN, rezeptpflichtig/OTC, Stärke, Packungsgröße, Preis) (B2). Medikationsdateien sind vergleichbar mit Medikationslisten in früheren Kundenverwaltungen (für Sammelquittung, Kontraindikationen, Interaktionen). Neben der zeitlichen Abfolge lassen sich abverkaufte Präparate in vielen Programmen zusätzlich nach ATC-Code anordnen (B3), so dass Substanzen aus gleichen Wirkstoffklassen direkt untereinander stehen. Die indikationsbezogene Anordnung besteht sowohl in der Medikationsdatei, als auch in ihrer graphischen Übersetzung, dem Medikationsprofil.

Wird die Dosierung eingegeben - in vielen Programmen erscheint ein Eingabefenster (B5) - so lässt sich aus der Packungsgröße automatisch die Reichweite der Medikation berechnen (B8). Die Reichweite zeigt an, bis wann eine Medikamentenpackung aufgebraucht werden muss. Im graphischen Medikationsprofil wird sie automatisch als Balken angezeigt (B9). Die automatische Berechnung der Reichweite bereitet bei Insulin (I.E), Asthmasprays (Hub) und flüssigen Zubereitungen (Tropfen) Schwierigkeiten (B8). Grund dafür sind fehlende Äquivalenzangaben, die bislang weder Hersteller, noch ABDA-Datenbank liefern. Nur bei ProMedisoft ist die automatische Reichweitenberechnung von I.E., Hüben und Tropfen möglich. Bei Stahl lässt sich ein Umrechnungsfaktor hinterlegen, in anderen Programmen ist die selbst ermittelte Reichweite manuell einzugeben. Einige Produkte machen auch auf Neu- und ersten Wiederholungsverordnungen aufmerksam (B4) - eine Funktion, die für die Art der Patientenansprache und den Umfang der Beratung hilfreich sein kann. Vorschläge zur Dosierung basieren meistens auf eigenen oder häufigen Folgeverordnungen(B7). Vor der wiederholten Abgabe eines Präparats, bei dem bereits ein arzneimittelbezogenes Problem dokumentiert wurde, warnen einige Programme mit Farbsignalen oder Hinweisfenstern (B10).

Medikationsprofil

Das Medikationsprofil veranschaulicht alle innerhalb eines bestimmten Anwendungszeitraums abgegebenen rezeptpflichtigen- und OTC-Präparate: Sich überschneidende Reichweitebalken signalisieren Mehrfachverordnungen, Zwischenräume bedeuten ausbleibende Verordnungen. Das Profil ist an der Kasse jederzeit abrufbar und lässt Therapieumstellungen und Generikawechsel genauso schnell erkennen wie Mehrfachverordnungen, Missbrauch und schlechte Compliance. Schilderungen von Patienten über unerwünschte Arzneimittelwirkungen lassen sich mit Blick auf das Medikationsprofil besser nachvollziehen.

Mit "Cave" bietet ABDATA den Softwarehäusern seit April ein Zusatzmodul zur ABDA-Datenbank an. Das Cavemodul vergleicht therapierelevante Daten des Patienten (Alter, Geschlecht, Allergie und Befunde) mit möglichen Anwendungsbeschränkungen des abzugebenden Fertigarzneimittels. Stellt der Rechner einen Treffer fest, erscheint automatisch ein Fenster mit Hinweis auf eine Anwendungsbeschränkung oder ein Anwendungsausschluss. Die Teilmodule "Allergie", "Alter und Geschlecht" sowie "Erkrankungen" wurden in PZ 25, S. 31, PZ 28 S. 34 und PZ 31, S. 35 ausführlich vorgestellt. Hier daher nur jeweils ein Beispiel für jedes der vier Teilmodule, das beim Abverkauf zur Cave-Meldung führen würden:

  • Prostatakapseln für eine Frau,
  • 250 mg Paracetamolzäpfchen für einen Säugling,
  • Analgetika für einen Asthmatiker,
  • oder Tabletten auf Lactosebasis bei Milchzuckerunverträglichkeit.

Neben dem automatischen patienbezogen Check kann Cave auch zur Recherche herangezogen werden. Einzige Voraussetzung dazu ist die ABDA-Datenbank. Die automatische Checkfunktion wird von den meisten Softwarehäusern nur als fester Bestandteil der Pharmazeutischen-Betreuungs-Software angeboten. Die Entwicklung und Pflege zweier Systeme, Cave plus Kundenkarte oder plus Pharmazeutischer Betreuung, sei technisch zu aufwendig, heißt es dazu bei den Anbietern.

Wie Unternehmenssprecher von drei Softwarehäusern angaben, besitzen zurzeit schätzungsweise 5 bis 8 Prozent ihrer Kunden das Zusatzmodul zur Pharmazeutischen Betreuung. Dagegen sollen durchschnittlich etwa die Hälfte der Apotheker eine Kundenkarte anbieten und 80 bis 90 Prozent aller Kunden mit der ABDA-Datenbank arbeiten.

Medizinische und ökonomische Parameter

Die Computerprogramme bieten ebenfalls die Möglichkeit, therapierelevante Messwerte zu protokollieren. Als Standardparameter sind in der Regel Blutzucker, Blutdruck, und Body Mass Index (BMI) hinterlegt (C1). Der BMI kann bei Angabe von Gewicht und Größe des Patienten in vielen Programmen automatisch errechnet und dargestellt werden (C2). Die eingetragenen Messdaten lassen sich bei einigen Programmen direkt im zeitlichen Verlauf als Graphik anzeigen. Die Medikation kann so fortlaufend beobachtet, und Dosis-Wirkungsbeziehungen und unerwünschte Arzneimittelwirkungen besser nachvollzogen werden.

Zur Ermittlung und Besprechung der Messwerte ist die Zusammenarbeit mit Ärzten wichtig. Bei manchen Patienten lassen sich die medizinischen Parameter in einigen Programmen um weitere Messgrößen, wie HDL, LDL oder Peak-Flow beliebig ergänzen (C3).

Die Zeit für ein Betreuungsgespräch kann in vielen Programmen festgehalten und ausgewertet werden (C4), ebenso die die Tagestherapiekosten pro Patient, Patientengruppe oder pro Präparat (C5).

Dokumentation

Als technische Gedächtnisstütze dient die Dokumentation von Daten hauptsächlich zur Identifikation (Interaktion- und Cave-Check, Erfahrungswissen) und Lösung arzneimittelbezogener Probleme (ABP) (D1). Treten derartige Probleme, wie Nebenwirkungen oder Störungen bei der Applikation auf, so können sie zusammen mit der Intervention erfasst und in einem vorgegebenen Dokumentationsbogen festgehalten werden (Code für ABP und Interventionen) (D2).

Eine Dokumentation des Erfolgs der Pharmazeutischen Betreuung ist nur auf der Basis von pharmakoepidemiologischen und pharmakoökonomischen Studien möglich (Evidence based Pharmacy). Die Programme der Softwarehersteller enthalten deshalb eine Statistikfunktion, die es erlaubt, die Art und Anzahl identifizierter arzneimittelbezogener Probleme auszuwerten.

Sonstige Sevicefunktionen

Viele Softwarehäuser bieten themenbezogene Literaturhinweise an (E1). Als weitere Besonderheiten nannten die Softwarehersteller (E2):

  • Einnahmehinweise auf Kassenbon (CSE, Pharmatechnik, Stahl, WINAPO)
  • terminierte Hinweistexte (AD),
  • Integration der Arzneimittelprofile nach Framm, mit Verknüpfungen zu Fertigarzneimitteln (Pharmatechnik),
  • Zusatzfunktionen zur Belieferung von Seniorenheimen (Asys),
  • Arzneimittelprofile für Kitteltasche (WINAPO),
  • Überwachung der Dosierung bei Kunden mit Patientenkarte (Asys),
  • einen Touchscreen als graphische Benutzeroberfläche (Pharmatechnik, ProMedisoft, WINAPO),
  • fremdsprachige Dosierungsübersetzungen (CSE),
  • die automatische Dokumentation arzneimittelbezogener Probleme (ProMedisoft) · die automatische Prüfung abweichender Dosierungen (CSE),
  • eine Stand-Alone-Lösung als freistehende Installation zur Pharmazeutischen Betreuung (ADG, Pharmatechnik),
  • und das Führen von Leihlisten (AD).

Alle Programme zur Pharmazeutischen Betreuung erfüllen die Standardanforderungen des Basis-Programms. Mit anschaulichen Medikationsprofilen und medizinischen Auswertungen unterstützen sie die praxisgerechte Umsetzung der Pharmazeutischen Betreuung.

Übersicht über die Leistungsparameter der Programme (Excel-Tabelle) Top

© 2000 GOVI-Verlag
E-Mail: redaktion@govi.de

Mehr von Avoxa