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Spieglein, Spieglein an der Hightech-Wand

29.07.2002
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Spieglein, Spieglein an der Hightech-Wand

von Hanna Kleine-Weischede, Eschborn

Menschen, die sich freiwillig in Holland in ein Haus sperren und rund um die Uhr beobachten lassen? Das hört sich nach „Big Brother“ an, stimmt aber nicht ganz. Seit April dieses Jahres können Freiwillige am Projekt „HomeLab“ des Unternehmens Philips teilnehmen.

Das HomeLab, ein zweistöckiges Haus, bietet alles, was man sich wünscht: Badezimmer, Wohnzimmer, mehrere Schlafzimmer und eine Küche. Die Einrichtung ist modern: schlichte, helle Holzmöbel, weiße Sitzgruppen, kleine Palmen in den Ecken und an den Wänden hängen Drucke von van Gogh.

Liebhaber von Fernbedienungen werden allerdings nicht auf ihre Kosten kommen. Sie fehlen im ganzen Haus. Auch multifunktionelle Unterhaltungselektronik und klickende Computer sieht man nicht. Wer denkt, das sei altmodisch, irrt. Denn das Haus der Zukunft, so sieht es Philips, wird intelligente Technologien enthalten, die auf die persönlichen Bedürfnisse der Bewohner reagieren.

Unsichtbare Intelligenz

Das Unternehmen nennt dies „Ambient Intelligence“, also intelligente Umgebung, in der die Technik unsichtbar in normale Haushaltsgeräte integriert ist, und damit eine natürliche, entspannte und persönliche Umgebung geschaffen wird.

Die Geräte speichern oder geben Daten wieder und arbeiten interaktiv mit anderen „intelligenten“ Haushaltsartikeln. Die Bedienung erfolgt durch Stimme oder Gestik.

Um besser zu verstehen, wie Menschen in diesem vernetzten Haus wohnen, hat Philips das HomeLab geschaffen. „Damit können wir Menschen beim Umgang mit Technologie und neuen Produkten in einer normalen Wohnatmosphäre beobachten“, sagt Philips-Chef Gerard Kleisterlee. Die Ergebnisse aus diesen lebensechten Experimenten werden helfen, neue Technik zu Beginn der Produktentwicklung anzupassen und sie schneller auf den Markt zu bringen.

Auf beiden Etagen des Hauses befinden sich jeweils zwei Beobachtungsräume, in denen mit Hilfe von zahlreichen Kameras, Beobachtungs-Monitoren und PCs die Aktivitäten der Bewohner aufgenommen und ausgewertet werden.

Im turnusmäßigen Wechsel werden verschiedene Experimente untersucht. Zum Beispiel Unterhaltungselektronik-Systeme, die auf menschliche Sprachbefehle reagieren: Man ruft einfach „Wo bist du, Musik?“, summt sein Lieblingslied und schon soll der gewünschte Song aus gut versteckten Lautsprechern erschallen. Die Tapete gefällt nicht mehr? Ein Druck auf das LCD-Display und schon wird eine Strandlandschaft an der Wand oder ein klarer Sternenhimmel auf die Decke projiziert. Interaktive Spiele stehen ebenso auf dem Testprogramm wie „Bello“, der virtuelle Haushund.

Spiegel mit Innenleben

Durch die Rückseite der Spiegel können die Forscher die Probanden direkt beobachten. Hinter dem Spiegel im Badezimmer verbirgt sich der so genannte „Health Coach“. Neben der Uhrzeit kann er zum Beispiel aktuelle Börsenkurse und Staumeldungen anzeigen oder Videofilme und Nachrichten abspielen. Einen Internetzugang bietet er auch. Wer will, kann sich Blutdruck, Puls, Gewicht und Größe messen lassen. Drückt man beim elektrischen Rasieren zu fest auf, wird weist der Health Coach mit mahnenden Worten darauf hin.

Unterstützt wird das Projekt – neben mehr als 100 anderen – durch die Europäische Kommission. Erkki Liikanen, Mitglied der Kommission und zuständig für „Unternehmen und Informationsgesellschaft“: „Ziel des HomeLab ist es, der Technologie beizubringen, auf Menschen zu reagieren, anstatt Menschen zu zwingen, Technologien nach ihren Vorstellungen zu programmieren. Außerdem müssen wir eine Technik entwickeln, die kulturelle Unterschiede versteht, Lücken in Technologiestandards schließt und deren Markteinführung für Unternehmen erschwinglich ist.“ Bis 2020 soll nach Einschätzung von Philips aus der Vision des „Hauses der Zukunft“ Realität geworden sein.

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