Pharmazeutische Zeitung online

Die Geschicht kehrt zurück

26.06.2000
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-ComputerpraxisGovi-VerlagARZNEIMITTEL IM INTERNET

Die Geschicht kehrt zurück

von Axel Helmstädter*), Eschborn

Das Medium ist neu, doch oft sind die Strategien der Akteure dieselben, mit denen Glücksritter vergangener Jahrhunderte den schnellen kommerziellen Erfolg suchten. Im Internet herrscht manchmal nicht nur Goldgräberstimmung, sondern auch Goldgräbermentalität.

Im Jahre 1876 fasste der Frankfurter Kaufmann Gottfried Leonhard Daube den Plan, ein pharmazeutisches Präparat zu schaffen und in großem Maßstab dafür zu werben. Prädestiniert dafür war er nicht etwa durch medizinische oder pharmazeutische Vorbildung, sondern einzig und allein deshalb, weil er sich auf Werbung und die Verbreitung von Druckerzeugnissen verstand. Zusammen mit dem Drucker Ruben Morgenstern gründete er eine Firma, die sich als ideal für den geplanten Arzneimittelvertrieb erweisen sollte. Von der Druckerei für Werbemittel über eine Vertriebsgesellschaft bis hin zu einer Anzeigenagentur lag alles in einer Hand.

Erst in zweiter Linie gingen die Jung-Unternehmer auf die Suche nach einem Fachmann, der ein Rezept für das angestrebte Abführmittel ausarbeiten sollte, und stießen dabei auf einen Apotheker namens Richard Brandt, der Daube aus früherer Zeit noch etwas schuldig war. Er entwickelte das gewünschte Präparat, das unter dem Namen "Schweizer-Pillen" großen wirtschaftlichen Erfolg hatte.

Die Zusammensetzung des Produktes war nebensächlich; schließlich wurde sogar bekannt, dass Brandt im Winter eine andere Zusammensetzung wählte, als im Sommer. Der wirtschaftliche Erfolg war also nicht begründet auf pharmakologischen Erkenntnissen, sondern das Produkt einer ausgeklügelten Werbe- und Vertriebsstrategie. Der Name Schweizer-Pillen verhieß Seriosität, die dem Unternehmen angeschlossene Druckerei erstellte Werbeblätter und Handzettel, und die Anzeigenagentur belieferte regelmäßig Zeitschriften und Zeitungen mit Material.

Leonhard Daube und sein Unternehmen wurden zum herausragenden Beispiel des so genannten Geheimmittelunwesens Ende des 19. Jahrhunderts [1]. Das war die Pionierzeit des Arzneimittelversandes an den Endverbraucher. Es gab damals keine rechtliche Kontrolle und die verschickten Arzneimittel waren häufig unsachgemäß hergestellt, nicht einmal die Inhaltsstoffe waren angegeben. Gewöhnlich hielten sie also nicht, was die Werbung versprach.

Heute sind wir hundert Jahre weiter, doch, so scheint es, die grundlegenden Mechanismen der Bauernfängerei haben sich nicht verändert. Was hätte Herr Daube wohl heutzutage getan? Er wäre eine Kooperation mit einem jungen smarten Startup-Unternehmer eingegangen, sie hätten sich Risiko-Kapital besorgt und einen Internet-Server auf den Kaiman-Inseln installiert. Sie hätten sich Domains registriert wie "traumschlank.de", "everjoung.com" oder "drugflash.org".

War vor 100 Jahren der gedruckte Reklamezettel mit fingierten Dankschreiben angeblich Geheilter der letzte Schrei des Werbetreibens, so ist es heute die Website mit Chat-Forum. Schließlich leben wir in Zeiten des E-Commerce.

Das Internet bietet den Daubes und Morgensterns des 21. Jahrhunderts neue Chancen für grauen Markt und schwarze Geschäfte. Dabei kommt sogar der pharmakologisch interessierte Heimwerker auf seine Kosten. Auch er findet mühelos Quellen, die ihn ermuntern, phsychotrope Stoffe selbst herzustellen. Ein Beispiel sind Anleitungen zur Selbstherstellung des häufig missbräuchlich verwendeten Hypnotikums Gammahydroxybuttersäure (GHB).

Eine Website, sie es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Rechte von Drogenkonsumenten gegen alle Anprangerungen von "ofizieller" Seite durchzusetzen, beschreibt die "GHB kitchen synthsis" im Detail und wies früher auf den Vertrieb eines "GHB-kit" im Baukastenprinzip hin (www.lycaeum.org/drugs/GHB).

Wer es lieber mit biologischen Ausgangsmaterialien zu tun hat, kann Sporen psychotroper Pilze (unter anderem Psylocybe fanaticum) samt Nährboden und Gebrauchsanweisung gegen Angabe der Kreditkartennummer bestellen (www.smartbotanics.nl).

In einem Kommentar der angesehenen "Deutschen Medizinischen Wochenschrift" zu Arzneimittelversand im Internet war kürzlich eine Aussage zu lesen, die vor 100 Jahren genau so treffend hätte fomuliert werden können :"Das Problem liegt darin, dass sich die Werbung direkt an den gesunden Verbraucher wendet. Dieser wird mit Werbetexten und speziellen Nachrichtenblättern von der Einnahme der Mittel überzeugt"[2]. Gemeint waren so genannte "Smart drugs", Arzneimittel, die geistige und körperliche Leistungsfähigkeit verbessern und das Leben verlängern sollen. Oft enthalten sie potente Arzneistoffe, die gewöhnlich nur unter medizinischer Kontrolle und mit definierter Indikation eingesetzt werden.

Herausragendes Beispiel ist das Antiepileptikum "Phenytoin", das Konzentrationsstörungen beseitigen und kognitive Gehirnfunktionen verbessern soll. Eine als wissenschaftliche Organisation getarnte Versandhandlung namens "Life Extension Foundation" (www.lef.org) zählt neben diversen Nahrungsergänzungsmitteln eine Zubereitung zu ihren Bestsellern, die aus Vinca (Immergrün) gewonnen wird; einer Pflanze, die aus Sicherheitsgründen bei uns schon vor Jahren aus allen Fertigarzneimitteln verbannt wurde.

Als vermeintliche Wundermittel gegen das Altern kommen auch potente Psychopharmaka wie Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer daher. Das Anti-Parkinson-Mittel Seligilin wird geradezu als Jungbrunnen vermarktet und soll auch als Aphrodisiakum brauchbar sein.

Damit wird die werbewirksamste Indikation überhaupt beansprucht; Schätzungen zufolge werden 50 Prozent aller Potenzmittel über das Internet bezogen. Viagra ist, das verwundert nicht, der einsame Verkaufsschlager.

Welche Abenteuer man erleben kann, wenn man sich auf diesen Handel einlässt, dokumentierten Wissenschaftler der Universität Heidelberg in mehreren Untersuchungen [3, 4]. Sie kommen zu folgendem Fazit: Der vordergündige Vorteil des anonymen Bestellens wird durch lange Wartezeiten, die Gefahr von Fälschungen, wucherhafte Honorare für die angebliche ärztliche Durchsicht eines Fragebogens, übertriebene Versandkosten und vor allem den Verzicht auf qualifizierte ärztliche und pharmazeutische Beratung erkauft.

Neben Zeugungs- zählt auch Muskelkraft zu den offensichtlich von vielen Internetnutzern erstrebten Eigenschaften. Konsequenterweise findet man im Netz zahlreiche Angebote (vermeintlich) anaboler Pharmaka. So wird 19-Nor-4-androstenediole mit dem Versprechen angepriesen, es werde zu einem hohen Prozentsatz zu Nandrolon, dem Wirkstoff des Fertigarzneimittels Deca-Durabolin verstoffwechselt und sei daher eigentlich "der wahre Wirkstoff" (home.earthlink.net/~anabolicsmall/deca.htm).

Dies alles ist nicht neu; nur hat der grenzenlose Datenverkehr unkontrollierbare Verbreitungsmöglichkeiten für derartige Informationen geschaffen. Umso mehr besteht die Pflicht zur Aufklärung und zum bewussteren Umgang mit Informationen aus dem Internet. So schrieb die amerikanische Zulassungsbehörde FDA kürzlich: "Zu leicht ist es, Websites zu entwerfen, die aussehen wie seriöse Apotheken aussehen. Wer dort kauft, kriegt möglicherweise die Katze im Sack: mangelhafte, vielleicht kontaminierte Produkte aus dubioser Produktion oder Neben- und Wechselwirkungen aufgrund von Inkompetenz."

Das gilt umso mehr, als für den E-commerce – auch im Arzneimittelbereich – eine goldene Zukunft herbeizureden versucht wird. Grundlage sind meist simple Berechnungen, die ein gigantisches Marktpotenzial suggerieren. Für letztes Jahr schätzte man 200 Millionen Internetnutzer auf der Welt, bereits Ende nächsten Jahres soll sich die Zahl fast verdoppelt haben. Aus einer Umfrage, nach der sich 20 Prozent der Bevölkerung vorstellen könnten, Arzneimittel über das Internet zu bestellen, hat man eine "Umsatzerwartung" von 55 Milliarden US-Dollar hochgerechnet.

Doch ist es bei näherem Hinsehen nicht der Schrei des Verbrauchers nach Zugang zu wirksamen Arzneimitteln, der als Katalysator wirkt, schließlich lässt die Arzt- und Apothekendichte in westeuropäischen Ländern kaum Versorgungslücken offen. Auch besteht von Seiten der Anbieter nicht unbedingt die Notwendigkeit eines neuen Vertriebsweges; die Distributions-Logistik im Arzneimittelbereich funktioniert ja ausgezeichnet.

Am Rad drehen meist die Protagonisten der Internet-Technologie, die E-commerce-Software und Warenkorbsysteme anbieten oder "Portale" eröffnen, über die der Geschäftsverkehr abgewickelt werden soll. Das Internet-Zeitalter wird oft mit dem historischen Goldgräberstimmung verglichen.

Das ist in vielerlei Hinsicht richtig und erneut fühlt man sich an die Geschichte erinnert: Zu Zeiten des Goldrausches verloren viele Gutgläubige Haus und Hof, als sich herausstellte, dass die Flüsse beileibe nicht vor Goldklumpen überquollen. Die eigentlichen Nutznießer des Goldsucher-Phänomens waren Lieferanten von Ausrüstung und Proviant, die sich am Wegesrand niedergelassen hatten. Moderne Wegelagerer dieser Art verbreiten systematisch hypothetische Prognosen über die Marktentwicklung. Diagramme mit in den Himmel ragenden Balken sind gewöhnlich mit Jahreszahlen jenseits 2001 versehen, suggerieren aber einen boomenden Markt in der Gegenwart.

Literatur:

[1] Ernst, Elmar: Das "industrielle" Geheimmitel und seine Werbung. Arzneifertigwaren in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Deutschland. Diss. Marburg 1969
[2] Keppel Hesselink, J.M.: Surfen mit Nebenwirkungen: Probleme rund um die Smartdrugs. Dtsch. Med. Wschr. 124 (1999), 707 – 710
[3] Eysenbach, G.; Diepgen, T.L.: Online Prescribing of Sildenafil (Viagra) on the Worl-Wide-Web. In: Towards the Millennium of Cybermedicine: Mednet ’99 Abstract book, Heidelberg 1999, S. 72
[4] Helmstädter, Axel: Cyberdocs in Internet: Guter rat ist selten. Pharm. Ztg. 144 (1999), 3172

*) Der Artikel basiert auf einem Vortrag, den der Autor Dr. Axel Helmstädter während einer Presseveranstaltung der ABDA in Berlin vor Wirtschaftsjournalisten hielt. Top

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