Pharmazeutische Zeitung online

Suizid und Internet

06.05.2002
Datenschutz bei der PZ

Tödliches Tabu

Suizid und Internet

von Wolfgang Kappler, Homburg

Wer auf Grund einer psychischen Erkrankung selbstmordgefährdet ist und in der Krisensituation anonym Rat via Internet sucht, läuft Gefahr, dass er eher in seiner Absicht bestärkt als davon abgebracht wird.

Unter dem Deckmantel der Hilfestellung sind so genannte Suizid-Foren leichter im Datendschungel aufzuspüren, als die von Fachleuten moderierten echten Hilfsangebote. Experten des vom Bundesforschungsministerium geförderten "Kompetenznetz-Depression" halten deshalb eine generelle Überwachung und professionelle Begleitung aller Internet-Angebote für Menschen in Problemsituationen für erforderlich.

Dass professionelle Angebote künftig immer wichtiger und damit besonders förderungswürdig werden, zeigt eine aktuelle Studie der Ludwig-Maximilians-Universität München. Danach haben bereits 42 Prozent der dortigen psychiatrischen Patienten schon einmal das Internet genutzt, um sich zu informieren oder Kontakt zu anderen Betroffenen herzustellen. So wird die Homepage des "Kompetenznetz-Depression" täglich bis zu 1000-mal genutzt. Über 10.000 Beiträge sind bereits unter www.kompetenznetz-depression.de eingestellt.

Die Anonymität des Internets scheint Hilfesuchenden den Schritt in die Öffentlichkeit zu erleichtern. In der Regel schrecken viele der nach WHO-Angaben geschätzten acht Millionen psychisch Erkrankten in Deutschland vor diesem Schritt zurück - aus Angst vor Ablehnung und Vorurteilen gegenüber möglichen Behandlungen.

Auch die Panorama-Fachklinik in Scheidegg hat gemeinsam mit der Forschungsstelle für Psychotherapie in Stuttgart positive Internet-Erfahrungen sammeln können. Ziel eines von der Techniker Krankenkasse unterstützten Projektes ist es, psychosomatisch Kranke nach stationärem Aufenthalt so zu stabilisieren, dass sie die Zeit bis zur ambulanten Weiterbehandlung schadlos überstehen. Denn es falle diesen Patienten erfahrungsgemäß schwer, die errungenen Therapieerfolge zu Hause umzusetzen, sagt Chefarzt Dr. Christian Peter Dogs. Die Rückfallquote sei recht hoch. Nach den bisherigen Erfahrungen ist Dr. Hans Kordy, Projektleiter der betreuenden Stuttgarter Forschungsstelle, zuversichtlich: "Möglicherweise können wir mittelfristig die Rückfallquote durch die Internet-Begleitung halbieren".

Gefahren für Jugendliche

Leider lauern im Internet gerade für selbstmordgefährdete, depressive junge Menschen unzählige Gefahren. "Unter den vielen Schändlichkeiten, die uns dort begegnen, sind Suizid-Foren nur eine Variante", stellt der Münchner Psychiater, Professor Ulrich Hegerl, fest. "In einem Suizid-Forum treffen sich meist Jugendliche, um sich über alltägliche Probleme, vor allem aber über Suizid und Suizidformen auszutauschen", erklärt Solveig Prass, Geschäftsführerin der Eltern- und Betroffeneninitiative gegen psychische Abhängigkeiten Sachsen (EBI) in Leipzig. Dabei werde die Hemmschwelle zum Freitod bei den Besuchen der virtuellen Räume herabgesetzt. Schlimmer noch: "Die meisten Suizidgefährdeten haben zunächst keine Vorstellung, wie sie ihr Vorhaben umsetzen sollen. Unverhohlen erhalten sie in den Foren die erforderlichen Ratschläge", empört sich Hegerl. Das reicht von der Bestätigung durch die neuen "Freunde", bis hin zu Nennung von Bezugsquellen für Gift und Waffen oder dem Tipp, wo man unbeobachtet in den Tod springen kann.

Nahezu alle Forumsteilnehmer schauen zu und jubeln, wenn ein angekündigter Selbstmord umgesetzt wird. Nach Expertenschätzung war das alleine zu Beginn des vergangenen Jahres mehr als ein Dutzend Mal der Fall. Von den 12.000 amtlich registrierten Selbsttötungen sind 800 der Opfer unter 25 Jahren. Ein gewisser Teil hat sich zuvor in Internet-Foren eingewählt. Die dort vorgefundene virtuelle Welt wird für Betroffene aber allzu leicht zur realen. Rasch passen sich die Teilnehmer der von den Foren-Mastern gesteuerten Gruppendynamik an und können sich dem Sog nicht mehr entziehen. "Fachleute, die sich einklinken, um Gefährdeten zu helfen, werden beschimpft, bedroht, rausgeworfen und verfolgt", hat Solveig Prass festgestellt. Da solche Foren gesetzlich nicht zu verbieten seien, sieht die EBI-Geschäftsführerin einen anderen Weg, den auch Österreich beschritten habe: "Die Beihilfe zum Selbstmord sollte unter Strafe gestellt werden."

Angebote auf den Index

Hegerl hingegen plädiert für ein "Einstampfen" solcher Angebote, ähnlich wie im Falle der Kinderpornographie. Am grundsätzlichen Problem, psychisch Kranken den leichteren Zugang zu echter Hilfe zu ermöglichen, würde das aber zunächst nichts ändern. "Dazu wäre es gut, sämtliche Hilfsangebote unter einem Namen und in der Hand von Fachleuten zu bündeln", schlägt Prass vor. Diese Ansicht vertritt auch Hegerl als Sprecher von "Kompetenznetz-Depression": "Eine zeitnahe professionelle Begleitung und eine Überwachung aller Foren und Chats, die sich an Menschen in Problemsituationen wenden, ist zum Schutz der Teilnehmer unbedingt erforderlich."

Dass Kranken mit solchen Angeboten geholfen werden kann, darin sind sich die Experten einig, denn: Suizid ist keine "freie Entscheidung". "90 Prozent aller Selbstmörder haben unter psychischen Erkrankungen gelitten. In zwei von drei Fällen lag eine Depression vor", berichtet der Münchener Psychologe David Althaus. Depressionen aber sind nach heutigem Kenntnisstand recht gut zu behandeln. Da es Jugendliche offensichtlich reizt, offen über Todeswünsche und Suizidpläne zu reden, muss das Thema Suizid darüber hinaus aus der Tabu-Zone herausgeholt werden. Zudem gilt es, die Lobbyarbeit für Jugendliche zu stärken und eine Suizidprävention aufzubauen. Bis dahin der Rat an alle: Wegschauen darf keiner. Und bei Eltern müssen die Alarmglocken schrillen, wenn Jugendliche sich in der virtuellen Welt des Cyberspace zu verirren drohen.

© 2002 GOVI-Verlag
E-Mail: redaktion@govi.de

Mehr von Avoxa