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Vom Dünndruckpapier zum Breitbandkabel

06.03.2000  00:00 Uhr

-ComputerpraxisGovi-VerlagMEDLINE

Vom Dünndruckpapier
zum Breitbandkabel

von Axel Helmstädter, Eschborn

Der Weg zur Nadel im Heuhaufen medizinischer Information heißt Medline. Dank der Arbeit der "National Library of Medicine" in Bethesda, USA, versperrt der der täglich weiter wachsende Berg an Daten nicht den Blick auf Details. Wer heute nach Originalarbeiten recherchiert, tut dies zumeist in der Datenbank mit ihren rund 10 Millionen Artikel aus 4000 Zeitschriftentiteln und dreieinhalb Jahrzehnten.

Medline, für Medical Literature online, ist hervorgegangen aus dem gedruckten Index Medicus, einem Regalwände füllenden Stichwortverzeichnis, von dem vierteljährlich ein großvolumiger Band mit mehreren tausend Seiten Dünndruckpapier erschien. Sobald es die technische Entwicklung zuließ, stiegen die meisten Bibliotheken auf elektronische Medien, vor allem CDs um. Diese waren bei verschiedenen Verlagen erhältlich und speicherten gewöhnlich einen Jahrgang des Index Medicus. Bereits in den frühen 80er Jahren begannen Datenbankanbieter wie das Deutsche Institut für Medizinische Dokumentation und Information (DIMDI) damit, den Datenbestand online zur Verfügung zu stellen. Zu befriedigenden Resultaten gelangte man allerdings nur nach Erlernen einer speziellen "Retrievalsprache" in Form nicht selbsterklärender Eingabekürzel und Suchstrategien. Diese Angebote zu nutzen, war zudem ziemlich teuer.

Mit der explosionsartigen Verbreitung des World Wide Web fielen diese Schranken: Medline ist heute mit jedem Internet-Zugang ohne zusätzliche Kosten für jedermann zugänglich und die Benutzerführung ist inzwischen so komfortabel, dass mit mäßigem Einarbeitungsaufwand brauchbare Suchergebnisse erzielt werden können.

Medline als Literaturdatenbank

Im Gegensatz zu so genannten Faktendatenbanken, die bereits zusammengefasste, thematisch gegliederte und bewertete Informationen enthalten, ist Medline eine typische Literaturdatenbank. Es werden Zeitschriftenartikel mit bibliographischen Angaben und - wenn vorhanden - der Zusammenfassung aufgenommen und mit Stichworten versehen. Für diese existiert ein von der National Library of Medicine bestimmtes, kontrolliertes Vokabular aus so genannten "Medical Subject Headings" (MeSH). Diese werden durch "Subheadings" weiter untergliedert. Weitere Angaben, die dem Zitat beigegeben werden, betreffen die Art der Veröffentlichung (Übersichtsarbeit, Zeitschriftenartikel, Leserbrief), das Herkunftsland und die Publikationssprache. Bezieht sich die Arbeit auf Arzneistoffe, werden dessen INN-Name, seine Entwicklungsnummer oder seine CAS-Nummer angegeben.

Alle Medline-Zugänge im Internet zapfen dieselbe Datenquelle an und zeichnen sich inzwischen durch eine plausible Benutzerführung aus. Sie ermöglichen gewöhnlich die logische Verknüpfung von Suchbegriffen und bahnen durch eigene Synonymverzeichnisse den Weg zum jeweils treffenden Medline-Schlagwort (MeSH), dessen genauen englischen Wortlaut der Benutzer daher nicht unbedingt kennen muss. Sie bieten zum Teil ausgefeilte Eingabeformulare mit Pull-Down-Menus an und unterscheiden zwischen einfacher Suche und einem Modus für komplexere Anfragen. Alle Systeme haben Vor- und Nachteile. In jedem Fall empfiehlt es sich, die Anleitung zu studieren.

PubMed

Der von der National Library of Medicine selbst betriebene Webserver ist bekannt unter dem Namen PubMed (http://www.ncbi.nlm.nih.gov/PubMed). Gegenwärtig stehen zwei Suchmasken zur Verfügung, die modernere Variante ("New PubMed System") ist komfortabler, jedoch nicht für jede Browser-Konfiguration brauchbar (so müssen „Cookies„ zugelassen werden). Es findet sich zunächst nur eine einzige Zeile zur Eingabe von Schlagwörtern. Durch Eingabe "Bool’scher Operatoren" lassen sich komplexere Anfragen gestalten. Die logischen Verknüpfungselemente AND, OR und NOT müssen in Großbuchstaben eingegeben werden. So findet die Suche ('troglitazone' OR 'rosiglitazone' OR 'pioglitazone') AND 'side effects' Beiträge zu den Nebenwirkungen der drei neuen Antidiabetika. Kürzel in eckiger Klammer präzisieren die Eingabe weiter, sie sind in der PubMed-Online-Hilfe genau erklärt (Help/FAQ - Search Field Descriptions and Tags). Eine entsprechende Suchanfrage könnte lauten: 'asthma [mh]' AND 'child preschool [mh]' AND 'review [pt]' and 'german [la]'; gefunden werden deutsche Übersichtsarbeiten zu Asthma bei Vorschulkindern. (mh = medical heading, pt = publication type; la=language).

Die Funktion 'limits' gestattet es, die Suche ohne genaue Kenntnis dieser Abkürzungen mittels Auswahlmenu einzuschränken. Insbesondere kann die Trefferliste auf Arbeiten eines bestimmten Typs (Review, Clinical Trial etc.), einer bestimmten Sprache oder eines bestimmten Publikationszeitraumes konzentriert werden. Wen nur Arbeiten interessieren, für die Medline auch eine Zusammenfassung anbietet, der sollte das Feld "only items with abstract" ankreuzen.

Die History-Funktion gestattet eine schrittweise Präzisierung von Anfragen. Dort werden Suchanfragen eine Stunde lang nummeriert gespeichert. Einmal gewählte Stichwortkombinationen lassen sich durch Eingabe der Nummer wieder verwenden und ergänzen. Lautete die erste Suchanfrage 'troogiltazone' OR 'rosiglitazone' OR 'pioglitazone' (659 Treffer) und sollen nun Arbeiten gefunden werden, die sich mit Nebenwirkungen beschäftigen, genügt die Eingabe von #1 AND 'side effects' (97 Treffer).

Das gleiche Suchsystem, aber eine andere Eingabemaske als PubMed verwendet das System Internet Grateful Med (http://igm.nlm.nih.gov). Dort gelangt man gleich auf eine vorstrukturierte Eingabeseite.

Healthgate

Der kommerzielle Informationsbroker Healthgate (http://www.healthgate.com) bietet unter der Rubrik "Professionals Center" ebenfalls verschiedene Datenbanken, unter anderem Medline, an. Auch hier begegnet dem Nutzer zunächst ein einfaches Eingabefeld, das in ähnlicher Weise genutzt werden kann wie PubMed. Allerdings sind die Treffer beschränkt auf Publikationen der letzten beiden Jahre. Für umfangreichere Suchen stehen aber auch hier komfortable Eingabehilfen zur Verfügung ("advanced page"). Herausragend ist die weitgehende Klassifizierung der Artikel ("article type"); in einem Auswahlfenster kann man die Suche beispielsweise auf Klinische Studien der Phase IV beschränken. Einschränkungen auf bestimmte Altersgruppen von Probanden sind ebenso möglich wie die Konzentration auf Arbeiten mit Zusammenfassung oder solche bestimmter Jahrgänge.

ApoNet

Die mit dem ApoNet-Zugang angebotene Medline-Variante verfügt über eine deutschsprachige Benutzerführung und basiert auf dem System "Knowledge-Finder" der Firma Aries. Die Suchmaschine findet sich in der ApoNet-Rubrik "InfoCenter" und ist dort ausführlich erläutert. Drei Eingabefenster ermöglichen die Suche nach Stichworten, Autorennamen und Zeitschriften. Logische Operatoren (in Großbuchstaben) können verwendet werden, der zu durchsuchende Datenbestand lässt sich jahresweise einschränken. In der Grundeinstellung arbeitet das System nach Fuzzy-Logik. Gefunden werden damit Dokumente, in denen die Suchbegriffe am häufigsten vorkommen. Auf der Basis dieser Häufigkeiten wird die Relevanz der Treffer gewichtet. Ein blauer Balken in der Ergebnisanzeige symbolisiert den vermuteten Grad der Übereinstimmung zwischen Dokument und Suchanfrage. Dieses System gestattet es, ausformulierte Anfragen einzugeben, beispielsweise "Do helmets reduce head injuries in bicycle and motorcycle accidents". Top

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