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Eine ganz andere Vorstellung von Medizin

03.07.2000
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-MagazinGovi-Verlag

PZ-LESERRREISE

Eine ganz andere Vorstellung
von Medizin

von Ulrike Wagner, Peking

Etwa 70 Apothekerinnen und Apotheker machten sich Mitte Mai mit der PZ auf den Weg ins Reich der Mitte, um sich vor Ort einen Eindruck von der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) zu verschaffen. Dazu gehörte der Besuch eines Krankenhauses, in dem die Ärzte vorwiegend traditionelle chinesische Methoden praktizieren, der über 300 Jahre alten Tong-Ren-Apotheke in Pekings Altstadt und eines Heilkräutergartens.

Die zierliche Patientin kommt heute zum elften Mal ins Guang-an-Men-Krankenhaus mitten in Peking. Ihr Mann hat sie hergebracht und wird sie auch wieder nach Hause begleiten. Bis vor kurzem konnte sie nur wenige Schritte gehen, ohne dass ihr schwindelig wurde. Medikamente gegen Bluthochdruck, die ihr Arzt verschrieben hat, haben nicht geholfen. Ganz im Gegensatz zu den traditionellen chinesischen Tuina-Massagen von Professor Huang Shi Xi.

"Die Patientin hat Probleme mit der Halswirbelsäule", erklärt der Arzt den Besuchern aus dem Westen. Neben ihren Schwindelattacken litt sie unter Sehstörungen und tauben Extremitäten. "Die Wirbel Nummer vier, fünf und sechs sind zu schnell gewachsen", erklärt Huang.

Energieströme wiederherstellen

Zwei- bis dreimal pro Woche kommt die 50-Jährige ins Krankenhaus. Nachdem sie die Hälfte der insgesamt 20 Behandlungen hinter sich hat, fühle sie sich viel besser, erklärt sie überzeugt. Sie hat nichts dagegen, fotografiert zu werden, zumal man sich für eine traditionelle chinesische Massage nicht seiner Kleider entledigen muss. Die Punkte, die der Arzt mit Faust, Ellbogen und der flachen Hand aktivieren muss, findet er auch durch die Kleidung, erklärt Huang. Die Meridianen, ein Netz von Energiebahnen, die den ganzen Körper durchströmen, dienen ihm zur Orientierung. Behandelt wird die Patientin immer vom selben Arzt. "Wie stark und mit welcher Geschwindigkeit man massieren kann, muss man während der Massage merken; Gewalt ist tabu", so Huang.

"Bei korrekter Diagnose sind Erkrankungen der Halswirbelsäule gut zu behandeln", erklärt der Arzt. 90 Prozent der Patienten seien anschließend wieder beschwerdefrei. Auch bei Verschleißerscheinungen habe sich die Methode bewährt. Etwa ein Drittel der Patienten, die in die orthopädische Abteilung kommen, hat jedoch einen Bandscheibenvorfall. Hier könne man mit der traditionellen chinesischen Methode nur die Symptome behandeln. Eine grundsätzliche Heilung ist oft nicht möglich, eine Operation mit zusätzlicher Physiotherapie sei unerlässlich. Die Patienten müssen die Hälfte der Behandlungskosten selbst tragen. Auch wenn die Beträge im Vergleich zu den Kosten in Europa gering sind, ist der Betrag für viele nicht leicht aufzubringen.

TCM und Schulmedizin ergänzen sich

Die Kombination von Schulmedizin und TCM ist typisch für das Krankenhaus, das über die Grenzen Chinas hinaus bekannt ist. Hier beschränkt man sich nicht auf die jahrtausendealte Heilkunst. Vor allem bei der Diagnostik ergänzen sich TCM und Schulmedizin, erklärt Huang. "Wir bevorzugen die traditionellen chinesischen Methoden, auch wenn diese oft mehr Zeit beanspruchen. Wenn sie nicht zum Erfolg führen, gehen wir zu Methoden der westlichen Medizin über."

In die Orthopädie-Ambulanz kommen täglich etwa 150 Patienten, die von zwölf Ärzten vorwiegend traditionell behandelt werden, vorwiegend mit traditionellen Methoden. Im Gegensatz dazu liegt der Schwerpunkt in der stationären Abteilung auf der Schulmedizin. Nachwuchsprobleme habe man nicht. Das Guang-an-Men-Hospital sei die beste Klinik für TCM in ganz China, erklärt Huang stolz. Nur die besten Studenten, die schon im Ausland studiert oder dort gar promoviert haben, würden aufgenommen. In Peking gibt es über 300 Kliniken. Mit 500 Betten gehört das Guang-an-Men-Krankenhaus zu den größeren. Täglich suchen insgesamt etwa 2000 Patienten Hilfe in der Ambulanz.

Wie Nadelkissen

Szenenwechsel. Ein süßlicher Geruch strömt den Besuchern im engen grün gestrichenen Flur entgegen. "Das ist Beifuß", erklärt Professor Yu Yin. Auf erschreckend langen Akupunkturnadeln, die im Gesicht der Patienten stecken, sind kleine glimmende Zylinder aufgespießt. "Die Wärme, die bei der Moxibustion entsteht, aktiviert den Meridian zusätzlich", sagt Yin. Mit den Patienten tauschen möchte wohl niemand der Besucher. Sie sitzen oder liegen in dem kleinen Raum, mehrere Nadeln im Gesicht oder am ganzen Körper verteilt, einige verkabelt mit Netzgeräten. Die Nadeln bleiben 20 bis 30 Minuten an ihrer Position. Einige Patienten werden zusätzlich geschröpft. Etwa 250 Personen lassen sich täglich hier behandeln.

"Besonders effektiv ist die Akupunktur bei der Schmerzbehandlung", erklärt Yu. Die Patienten verspürten oft schon beim Einstechen der Nadel Linderung. Vor allem Nerven- und Gelenkschmerzen könne man mit der Methode gut therapieren, aber auch Frauenleiden wie Menstruationsbeschwerden. Die Akupunktur zeige auch gute Ergebnisse bei Hautkrankheiten. Sie helfe zum Beispiel bei Allergien und bei Schuppenflechte. Hier allerdings nur, wenn kleine Bereiche befallen sind.

Akupunktur bei Lähmungen

Der Arzt behandelt eine junge Frau, die an einer Gesichtslähmung leidet. Nach der Akupunktur wird die gelähmte Gesichtshälfte geschröpft. Allerdings bleiben die Schröpfgefäße aus Glas nur für Sekunden auf der Haut. "Damit die Patientin keine hässlichen Male im Gesicht zurückbehält." Negative Energien wie Kälte, Feuchtigkeit und Wind würden dadurch dem Körper entzogen, erklärt der Arzt. Bei Gesichtslähmungen müsse man viele Verfahren kombinieren, hier habe sich auch die Elektro-Akupunktur bewährt. Für gestresste Touristen aus dem Westen hat Yu einen besonderen Tipp. Wenn man sich müde und abgespannt fühlt, hilft die Aktivierung eines bestimmten Meridians am Rücken. "Schröpfen an dieser Stelle schafft dann Erleichterung."

Yu führt den Besuchern die verschiedenen Akupunkturnadeln vor. Die kleinen Nadeln sind für den Kopf, die mittleren für Extremitäten, Hüften und Bauch, die langen für Gesäß und Oberschenkel. Aber damit nicht genug: Es gibt noch längere, die man den Patienten unter die Haut schiebt. Der Fortschritt macht auch vor traditionellen chinesischen Methoden nicht Halt. Inzwischen würden auch Einwegnadeln verwendet und manchmal auch Laser, um die Meridiane zu aktivieren.

Skorpione in der Apotheke

In der krankenhauseigenen Apotheke mischen Apothekerinnen die chinesischen Heilkräuter für 500 stationäre Patienten. Insgesamt arbeiten 110 Apotheker im Krankenhaus, alle haben eine medizinische Hochschule absolviert und wurden speziell ausgebildet. Zwischen 700 und 800 verschiedene Kräuter, Mineralien und getrocknete Tiere lagern in den gelben Holzschubladen. Pro Tag werden hier etwa 400 Rezepte zusammengestellt. Keine Kleinigkeit, denn pro Rezept mischen die Apothekerinnen 15 bis 20 Heilkräuter, einzeln abgewogen mit traditionellen chinesischen Waagen.

Apothekerin Mu Lan Cheng erklärt die Wirkungen einzelner Pflanzen und Tiere. Der Herkunftsort beeinflusst die Qualität von Heilpflanzen. So beziehe man den besten Safran aus Tibet. Das wertvolle Gewürz lässt nach den traditionellen chinesischen Heilmethoden die Lebensenergie Qi und gestautes Blut wieder fließen. Die Ärzte setzen es daher unter anderem gegen Hämatome ein und bereiten daraus zusammen mit anderen Kräutern Umschläge.

Die Besucher aus Deutschland, die sich in der kleinen Apotheke drängen, würden Safranumschläge auf einem Bluterguss sicher akzeptieren. Aber bei dem Gedanken, Tee aus getrocknetem Tausendfüßer oder Skorpion zu trinken, schütteln sich einige. Tausendfüßer bewirken zum Beispiel, dass die Energie in den Meridianen wieder ungestört fließen kann. Sie werden gegen Rheuma und Lähmungen eingesetzt. Skorpione haben eine ähnliche Wirkung, sie helfen bei Krämpfen.

Keine willkürlichen Kombinationen

Nach Belieben mischen darf man die Heilkräuter, Tiere und Mineralien nicht. Dadurch können unerwünschte Wirkungen entstehen. So soll Ginseng zum Beispiel auf keinen Fall zusammen mit Rübengewächsen verabreicht werden.

Bisher habe das chinesische Gesundheitsministerium mehr als 12000 Drogen als Heilmittel gegen bestimmte Krankheiten zugelassen. Eine dominierende Stellung nehmen darunter die 11000 Heilkräuter ein.

In einem weiß gekachelten Raum stehen Gefäße, in denen der Sud zubereitet wird. Rezepturen, die häufiger anfallen, werden anschließend automatisch verpackt. Damit hört die Automatisierung allerdings auch schon wieder auf. Die Etiketten werden noch von Hand beschriftet.

Öffentliche Apotheken in China

Bis vor etwa einem halben Jahr gab es überhaupt keine Abgabebeschränkungen für Arzneimittel, erklärte Xu Tao, eine der Reiseleiterinnen aus Peking. In den Apotheken standen vor allem Verkäufer, keine Apotheker. Es mangele einfach an Fachkräften, sagt Xu. Von Pharmazeutischer Betreuung kann in China keine Rede sein. "Wenn Patienten hier in die Apotheke kommen, sollten sie wissen, was sie brauchen."

Seit knapp einem Jahr sei das Apothekensystem reformiert, für einige Medikamente braucht man nun eine ärztliche Verschreibung. Bis vor kurzem waren alle Apotheken staatlich, inzwischen gibt es auch einige private. Ähnliches gilt auch für die ärztlichen Praxen. Allerdings ist man im Land der Mitte nicht gut beraten, eine Privatpraxis aufzusuchen. "Die meisten sind nicht gut ausgestattet, deshalb gehen die Patienten in der Regel ins Krankenhaus", erklärt Xu.

"Die TCM ist ein wichtiger Bestandteil der chinesischen Kultur", erklärte Professor Yuan Jing Chun den Zuhörern aus Deutschland während ihres Vortrags zur TCM. Sie beruht ausschließlich auf Erfahrungen. Die Menschen entdeckten die Wirkung von Heilpflanzen eher zufällig. Erste Beobachtungen machten sie wahrscheinlich beim Suchen von Nahrungsmitteln. Ursprünglich wurde dieses Wissen nur mündlich überliefert, später auch schriftlich festgehalten. So stammt das älteste chinesische Arzneibuch aus der Zeit der streitenden Reiche, dem 3. Jahrhundert vor Christus. Ein weiteres Buch tauchte auf, als Wissenschaftler 1972 in Südchina ein Grab aus der Han-Zeit (200 v. Chr. bis 300 n. Chr.) öffneten. Unter den Grabbeigaben fand sich ein Buch aus Seide mit 280 Rezepten gegen 52 Krankheiten.

Einteilung der Arzneimittel

Die alten Arzneibücher teilen die Arzneimittel in drei Klassen ein. Die erste Klasse sind die so genannten Verstärkungsmittel. Sie können auf Dauer eingenommen werden. Die Arzneimittel der mittleren Klasse dienen der Heilung; sie sollten unter Beratung von Ärzten angewandt werden. Zur dritten Klasse gehören Arzneimittel mit giftigen Wirkungen. Die Patienten sollten diese nur in geringen Dosen unter Aufsicht eines Arztes einnehmen.

"Wirksame Rezepturen aus 1800 Jahre alten Arzneibüchern werden auch heute noch verwendet", sagte Yuan. Während der Blütezeit Chinas, im 7. bis 10. Jahrhundert, gab es bereits medizinische Universitäten und botanische Gärten, in denen Heilpflanzen kultiviert wurden. Das Arzneibuch aus der Han-Zeit wurde überarbeitet und unter Mitwirkung des Kaiserhofes ergänzt. Daraus entstand ein Buch mit mehr als 800 Arzneimitteln.

Während der Ming-Dynastie (1368 bis 1644) schuf Li Shih-Chen schließlich eines der bekanntesten chinesischen Arzneibücher. Es besteht aus 52 Bänden und enthält mehr als 1800 Arzneimittel - ein Klassiker für jeden TCM-orientierten Arzt, sagte Yuan. Es sei in verschiedene Sprachen übersetzt worden, unter anderem auch ins Deutsche.

Leber ist nicht gleich Leber

Traditionellen chinesischen Arzneimitteln wird häufig eine Wirkung auf bestimmte Organe zugeschrieben. Jedoch entsprechen die überlieferten chinesischen Vorstellungen vom menschlichen Körper nicht unbedingt den westlichen. Die Chinesen durften lange Zeit keine Leichen obduzieren, daher hatten sie kein klares Bild von der menschlichen Anatomie. Dass man ihre Vorstellungen auch heute noch in der Traditionellen Chinesischen Medizin wiederfindet, sollte nicht verwundern. Schließlich stützt sie sich auf jahrtausendealte Erfahrungen, mit denen auch das Bild vom menschlichen Körper weitergegeben wurde. So charakterisieren Begriffe wie Herz, Niere, Leber, Lunge eher Funktionsbereiche, zu denen weitere Organe gehören. Sie entsprechen nicht unserer Vorstellung der einzelnen Organe.

Woher stammen die Kräuter? Nach Yuans Angaben werden sie in Plantagen angebaut, anschließend von staatlichen Firmen bearbeitet und ausgeliefert. Schädlingsbekämpfungsmittel würden dabei angewandt, die Qualität der Drogen werde von staatlichen Firmen kontrolliert. Dazu gebe es Normen, die im chinesischen Arzneibuch festgelegt sind, das vom chinesischen Gesundheitsministerium herausgegeben wird.

Dass man unsere schulmedizinischen Maßstäbe nicht unbedingt an Heilkräutern der TCM anlegen kann, wurde den meisten Besuchern spätestens im Heilkräutergarten bewusst. Der Garten, durch den Professor Zhang Bengang führte, gehört zur chinesischen medizinischen Akademie und wird vom chinesischen Gesundheitsministerium verwaltet. Auf die Frage, ob und wie denn die Qualität der traditionellen chinesischen Drogen überprüft wird, antwortete Bengang, dass traditionelle chinesische Heilkräuter eben auf traditionellem chinesischem Weg kontrolliert würden, also nicht mit modernen Methoden auf den Gehalt bestimmter Inhaltsstoffe. Trotzdem werden auch schulmedizinisch ausgerichtete Ansätze hier verfolgt. Eine Forschungseinrichtung, die auch mit dem Garten zusammenarbeitet, untersucht mit modernen Methoden die Inhaltsstoffe. Top

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