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Pharmagora als Höhepunkt

06.12.2004
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PJ in Paris

Pharmagora als Höhepunkt

von Kerstin Neumann, Paris

Dass ich den zweiten Teil meines Praktischen Jahres im Ausland verbringen wollte, stand für mich schon seit langem fest. Durch Zufall ergab sich schließlich die Möglichkeit, sechs Monate bei Bayer Frankreich in Paris zu verbringen. Das Unternehmen hat zurzeit ein relativ kleines Standbein in Frankreich, versucht aber, auf dem französischen Markt noch mehr Fuß zu fassen.

Schon die Hälfte der Famulatur hatte ich in der Industrie verbracht, damals in einer technologischen Abteilung. Es reizte mich nun sehr, einmal ein gänzlich anderes Tätigkeitsfeld für Apotheker kennen zu lernen. Deshalb war ich mit dem Angebot, in der Abteilung Vertrieb und Marketing zu arbeiten und damit keine Labortätigkeit, sondern einen echten „Bürojob“ auszuüben, sehr glücklich. Schon vor meinem Aufenthalt in Paris stellte sich in der Kommunikation mit meinem zukünftigen Chef heraus, dass ich eine Werkswohnung in unmittelbarer Nähe des Bürogebäudes bekommen würde. Die Aussicht, ein halbes Jahr in Paris zu leben, erleichterte meine Entscheidung weiter. Anfang November 2003 trat ich mit viel Vorfreude und großen Erwartungen die Reise ins Nachbarland an.

Vom ersten Arbeitstag an wurde ich in meiner Abteilung sehr herzlich aufgenommen. Im Bereich „Ventes et Marketing OTC“ arbeitet ein junges Team, das mich ohne Zögern sehr freundlich aufnahm und mir unter die Arme griff. Meine Sorge vor Problemen mit der französischen Sprache stellte sich schnell als unbegründet heraus. Einerseits besaß ich durch frühere Auslandsaufenthalte recht passable Französischkenntnisse, und wenn ich einmal nicht weiterwusste, konnten mir die meisten der Mitarbeiter auf Englisch oder Deutsch weiterhelfen. So kam ich nach kurzer Zeit auch mit betriebswirtschaftlichen Fachbegriffen gut zurecht.

Mein Arbeitsgebiet erstreckte sich im Wesentlichen über zwei Bereiche: den Direktvertrieb an die Apotheken und die Vermarktung für die Fach- und Laienpresse, beides für die Produkte Aspirin® und Alka-Seltzer®. Im Bereich der Direktverkäufe arbeitete ich hauptsächlich im unmittelbarem Kontakt mit den Apothekern. Sowohl pharmakologische Anfragen als auch Reklamationen zum Beispiel wegen falscher oder verspäteter Lieferungen gingen telefonisch und schriftlich ein und mussten bearbeitet werden. Dies brachte mir einen Einblick in die betriebswirtschaftlichen Vorgänge eines großen Unternehmens. Besonders interessant fand ich hierbei, die Direktbestellungen einmal aus der anderen Perspektive zu sehen und zu verstehen, wie sie in einem großen Unternehmen koordiniert werden.

Fachwissen und Verkaufsstrategien

Weiterhin war ich eingebunden in die Schulung und Fortbildung der Pharmavertreter. Zweimal im Jahr veranstaltet das Unternehmen eine Seminarwoche für die Pharmareferenten. Dabei geht es neben dem pharmakologischen Fachwissen vor allem um Verkaufsstrategien und Kommunikationsfähigkeiten. Es wurden über mehrere Tage hinweg Verkaufs- und Vermarktungsgespräche geübt, um später die Offizin-Apotheker von den Vorteilen der Bayer-Produkte überzeugen zu können. Hierbei waren natürlich vorwiegend meine pharmazeutischen Kenntnisse gefragt, doch auch in die Ausarbeitung der Argumentationen für die Verkaufsstrategien konnte und sollte ich mich einbringen.

Noch stärker in Richtung Marketing ging es bei der Planung und Ausarbeitung von Publikationen in Fach- und Laienpresse. Für nicht-rezeptpflichtige Arzneimittel darf in Frankreich, wie auch in Deutschland, in der „grand public“, der Laienpresse, nur unter bestimmten rechtlichen Voraussetzungen geworben werden. In Zusammenarbeit mit der Grafik- und Design-Abteilung erarbeitete ich einen Entwurf für eine Zeitungsannonce und lernte den langen Weg von der ersten Idee für eine Werbung bis hin zur Veröffentlichung kennen. Zunächst muss der Entwurf nämlich ein recht langwieriges Validierungsverfahren durchlaufen, bei dem von Juristen und Apothekern geprüft wird, ob alle für die Veröffentlichung nötigen Vorschriften berücksichtigt wurden. Bis alle gewünschten Änderungen umgesetzt werden, können Wochen vergehen. Erst im Anschluss daran können die geeigneten Medien für die Veröffentlichung ausgewählt und die Publikation kann in Auftrag gegeben werden.

Höhepunkt meiner Arbeit war im März der Auftritt auf der „Pharmagora“. Die Pharmagora ist nach der Expopharm die zweitgrößte pharmazeutische Messe Europas und selbstverständlich ist dort jeder große Pharmakonzern vertreten, so auch Bayer. Der Marketing-Abteilung obliegt die Konzeption des Standes sowie die Präsenz auf dem Stand während der drei Tage.

Die Vorbereitung, in Zusammenarbeit mit allen Marketing-Bereichen (unter anderem OTC, Animal-Health, Diagnostics) nahm in den Wochen vor der Messe natürlich den größten Teil der Arbeitszeit in Anspruch. So musste der Standaufbau konzipiert werden, entsprechende Möbel und technische Ausrüstung sowie Speisen und Getränke für die VIPs sowie Werbegeschenke besorgt werden. Plakate und Handzettel über die Produkte mussten erarbeitet und rechtzeitig gedruckt, Nachtwächter und Hostessen engagiert und die auf dem Stand anwesenden Personen geschult werden. Bei all diesen Vorbereitungen wurden die Arbeitstage auch schon einmal länger, aber letztendlich war vor allem das Wochenende auf der Messe ein einmaliges Erlebnis und die beste Schule in Sachen Vermarktung, die ich mir wünschen konnte.

Paris per Fahrrad

Neben der Arbeit wollte ich natürlich auch so viel wie möglich von der Stadt Paris sehen. Oft habe ich mich einfach am Wochenende auf mein Fahrrad gesetzt. Paris ist überraschend fahrradfreundlich. Auf nahezu allen großen Straßen sind inzwischen Radwege eingezeichnet, um die verschiedenen Stadtteile kennen zu lernen, von denen wirklich jeder eine kleine Stadt für sich darstellt.

Von den großen weltstädtischen Alleen rund um den Louvre zum dörflichen Montmartre, vom „Einwanderer-Stadtteil“ Belleville zum schicken 16. Arrondissement rund um den Eiffelturm – Paris hat unendlich viele Gesichter. Durch neue Bekanntschaften und Freunde lernte ich gemütliche kleine Cafés, angesagte Discos und vor allem viel echtes „Pariser Leben“ kennen. Mit den vielen Besuchern aus Deutschland kam auch das touristische Paris nicht zu kurz, und einen ganz besonderen, ganz und gar unvergesslichen Eindruck von der Stadt bekam ich als eine von 35.000 Läufern beim Paris-Marathon im April.

Rückblickend war für mich die Entscheidung, die Hälfte des PJs in Paris zu verbringen, eine unglaubliche Bereicherung für mich. Ich konnte ein vielseitiges und interessantes Arbeitsfeld für Apotheker kennen lernen und vor allem viel über Bereiche wie Betriebswirtschaft und Marketing lernen, die im Studium in Deutschland leider immer noch viel zu kurz kommen. Sprachlich und auch persönlich habe ich viele neue Kenntnisse und Erkenntnisse erwerben können. Und letztlich habe ich eine der schönsten Städte der Welt kennen lernen dürfen, in die ich immer wieder gern zurückkehren werde. Top

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