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Studieren mit Kind – Segen oder Fluch

25.10.2004  00:00 Uhr

Studieren mit Kind – Segen oder Fluch

von Anke Pfleger, Mainz

Freizeit ist für Pharmaziestudierende knapp bemessen. Von morgens acht bis nachmittags um vier Labor, anschließend Vorlesungen und irgendwann lernen für die Prüfungen. Wo, bitteschön, soll da Platz für ein Kind sein? Aber alle Achtung, es gibt sie: Pharmaziestudenten mit Kind.

Am Montag standen die Türen der Universitäten weit offen. Das Wintersemester 2004/2005 hat begonnen. Für Markus Haurand, Pharmaziestudent in Mainz, bedeutet das, nur noch ein Semester studieren, anschließend Staatsexamen und endlich Umzug zu Frau und Kind. Es treibt den 28-Jährigen, so schnell wie möglich das Studium zu beenden. Viele Studenten legen vor dem zweiten Staatsexamen ein Lernsemester ein. Markus Haurand verzichtet darauf - nur keine Zeit verlieren. Seine Frau und sein sieben Monate alter Sohn wohnen 300 Kilometer entfernt, und Markus sieht sie meistens nur am Wochenende. „Stehen Klausuren an, bleibe ich am Wochenende auch mal in Mainz zum Lernen“, erzählt der junge Papa.

Für Studentinnen ist ein Studium mit Kind deutlich schwieriger. Unmöglich ist es aber nicht. Navina Oehm wurde schwanger nach dem ersten Staatsexamen. Der Vater studierte Jura. „Dass ich das Studium mit Kind nicht schaffen könnte, darüber habe ich mir damals gar keine Sorgen gemacht. Meine Eltern sahen das ein bisschen anders“, sagt die heute 26-Jährige. „Sie waren der Meinung, ich solle erst mein Studium beenden bevor ich Kinder bekomme, aber jetzt lieben sie den Kleinen über alles.“ Sie lacht, während im Hintergrund ihr kleiner 3-jähriger Sohn Luca laut herum tollt. Entgegen den Befürchtungen der Eltern hat Navina das Studium erfolgreich beendet. Seit dem ersten Mai ist sie im praktischen Jahr und arbeitet in einer Apotheke.

Familiäre Unterstützung

Auch Markus hatte keine Bedenken als sich Nachwuchs ankündigte. „Als ich hörte, dass ich Vater wurde, habe ich mich gefreut. Ich hatte nie Zweifel, dass ich Studium und Kind unter einen Hut bringen könnte“, erinnert er sich. „Aber ich bin auch erst gegen Ende des Studiums Papa geworden. Wäre es zu einem früheren Zeitpunkt geschehen, wäre es sicherlich schwerer geworden. Eventuell hätte ich den Studienort gewechselt, um näher bei der Familie sein zu können.“

Die Eltern unterstützen Markus und seine Frau. Wenn seine Frau ein bis zweimal die Woche arbeiten geht, und er in Mainz studiert, kümmern sie sich um den Enkel.

Familiäre Unterstützung hat auch Navina. Während die Mutter im Labor stand oder für Prüfungen lernte, passte Lucas Papa auf den Kleinen auf. Nicht selten kam die Oma aus dem mehr als 100 Kilometer entfernten Koblenz nach Mainz angereist, um das junge Elternpaar zu entlasten.

Ansonsten hieß es, sich die Zeit so gut wie möglich einzuteilen. Navina nutzte beispielsweise den Mittagschlaf ihres Sohnes, um zu lernen. Veranstaltungen ohne Anwesenheitspflicht lies sie aus. Vorlesungen hat die Studentin deshalb selten besucht.

„Wenn einem pro Tag nicht so viel Zeit bleibt, lernt man viel intensiver“, ist sich Navina sicher. Während ihre Kommilitonen am Schreibtisch saßen und darüber grübelten, was sie zuerst lernen oder ob sie den ganzen Stoff bis zum Prüfungstermin überhaupt in den Kopf bekommen, legte Navina einfach los.

„Die Schwangerschaft und das Muttersein während des Studiums waren eigentlich kein großes Problem“, sagt sie. „Eigentlich ging es mir immer gut. Im Endeffekt habe ich mit Kind ein Jahr länger studiert, da ich während der Schwangerschaft nicht ins Chemielabor sollte und ich mir ein Semester nur für den Kleinen Zeit nehmen wollte.“ Neben der familiären Unterstützung konnte sich Navina über die Hilfsbereitschaft ihrer Mitstudenten ebenfalls nicht beklagen. „Meine Kommilitonen haben mich sehr unterstützt und mich mit Unterlagen aus den Vorlesungen versorgt“, erzählt sie.

Staatliche Hilfe

Finanzielle Hilfe in Form von Wohngeld oder Bafög bekommen Markus und seine Frau nicht. Vielleicht hätten sie die Chance zumindest auf Wohngeld, aber dafür müsste Markus erst einen Antrag auf Bafög stellen. Erst mit dem Antrag in der Tasche unabhängig davon, ob das Bafög bewilligt wurde oder nicht, kann Wohngeld ausbezahlt werden. Für die wenigen Monate Studium, die noch vor ihm liegen, hat Markus auf den Aufwand verzichtet.

Anders Navina: sie und ihr Lebenspartner stellten den Antrag und erhalten Wohngeld. „Staatliche Hilfe bekommen wir jedoch nur für den Kleinen“, erklärt die angehende Apothekerin.

Seit kurzem besucht Luca den Kindergarten auf dem Campus. Der jungen Mutter fiel es schwer, sich von ihrem kleinen Sohn, wenn auch nur für wenige Stunden am Tag zu trennen. Es flossen Tränen auf beiden Seiten. Navina will ihren Luca nicht mehr missen: „Ich würde es jederzeit wieder so machen.“

 

Ansprechpartner Studieren mit Kind oder während des Studiums schwanger bedeutet Veränderung. Sich früh von geeigneter Stelle beraten zu lassen, erspart unnötige Sorgen oder Probleme. Das Studentenwerk, www.studentenwerk.de oder Pro Familia, www.profamilia.de bieten werdenden oder bereits gewordenen Eltern sowie Alleinerziehenden kompetente Beratung und Hilfe an.

Ansonsten haben viele Institute einen Frauenbeauftragten, an den sich Studierende vertrauensvoll wenden können.

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