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Auf dem Weg zur Großveranstaltung

16.08.2004  00:00 Uhr

Fertigarzneimittelseminar

Auf dem Weg zur Großveranstaltung

von Elke Wolf, Frankfurt am Main

Gegen Ende eines jeden Semesters findet im Biozentrum der Frankfurter Johann-Wolfgang-Goethe-Universität ein eintägiges Symposium statt. Das Besondere: Organisatoren und Referenten sind Studierende des Abschlusssemesters Pharmazie. Aktuelles Thema: Antidepressiva und Antipsychotika. Mit den Studenten Matthias Pfannkuche und Theira Hack sowie Professor Dr. Theo Dingermann sprach die PZ über die Organisation einer solchen Veranstaltung.

PZ:Ist das Fertigarzneimittelseminar nicht ein Relikt aus alter Zeit? Die neue Approbationsordnung sieht es nicht mehr vor. Warum findet es in Frankfurt dennoch statt?

Dingermann: Das Fertigarzneimittelseminar ist in der neuen Approbationsordnung nicht mehr enthalten. Wir in Frankfurt haben es dennoch beibehalten. Man kann es als Zusatzleistung der Studierenden und der Hochschullehrer sehen. Denn es ist ja nicht nur eine perzeptive, sondern eine aktive Angelegenheit. Die Studenten müssen Erhebliches dafür leisten, aber durchaus mit großer Akzeptanz.

PZ:Ist Frankfurt die einzige Universität, die den Studenten das Fertigarzneimittelseminar noch abverlangt?

Hack: Auch in anderen Städten gibt es die Veranstaltung noch. Die Konzeption hier in Frankfurt – dass es beispielsweise der Laien- und Berufsöffentlichkeit offen ist – ist allerdings einmalig. An den anderen wenigen Standorten, die das Seminar noch anbieten, findet es eher im Seminarstil vor dem Semester statt.

Pfannkuche: Auch wenn wir mit der Veranstaltung einen enormen Arbeitsaufwand haben, hören wir doch immer wieder von Studierenden anderer Universitäten, dass sie teilnehmen möchten.

PZ:Wie hat sich das Seminar rückblickend über die Jahre entwickelt? Heute macht es einen sehr professionellen Eindruck. Anfang der 90er-Jahre war die Veranstaltung eher beschaulich.

Dingermann: Das Seminar hat sich von einer Notwendigkeit aus der Approbationsordnung heraus entwickelt. Anfangs war das Seminar sehr umstritten und auch von den Professoren nicht arg geliebt. Es war eine der so genannten Keulen der Approbationsordnung von damals, die den patientenbezogenen Aspekt, Pharmaceutical Care, einleitete.

Was anfangs eine von Professoren induzierte Pflicht-Veranstaltung war, ist heute eine autonome, nur von Studenten organisierte und ausgerichtete Tagung. Und das betrifft alle Aspekte. Wir Professoren geben nur das Thema vor und stehen als Mentoren zur Verfügung. Wir treffen uns während des Semesters mit den Studenten und besprechen die Organisation. Die Studenten bestimmen die Inhalte, die äußere Form, die Dokumentation, die Einladung, das Sponsoring.

Was ich bemerkenswert finde: Die Studenten haben erreicht, dass das Symposium von den Landesapothekerkammern Hessen, Bayern und Rheinland-Pfalz mit acht Punkten als Fortbildungsveranstaltung für Apotheker anerkannt wird. Diesmal können auch hessische Ärzte hier zum ersten Mal Fortbildungspunkte sammeln.

PZ:Das Fertigarzneimittelseminar findet zwischen der letzten Klausur und dem Zweiten Staatsexamen statt: Denkt man da als Student nicht: „Wie nervig, dass ich das jetzt auch noch am Bein zu habe.“?

Pfannkuche: Ohne Frage: Das Seminar bedeutet extreme zusätzliche Arbeit. Aber wir können beweisen, dass wir nach acht Semestern berufsfähig sind. Zudem lernen wir noch mal intensiv, uns in wissenschaftliches Studienmaterial einzuarbeiten, kritisch zu hinterfragen und zu bewerten. Und wir lernen, alles einem großen Publikum zu präsentieren.

Hack: Es ist auch ein schöner Abschluss des Studiums. Diese Großveranstaltung ist besser, als bloß eine Klausur zu schreiben. Sie fördert außerdem den Zusammenhalt im Semester – bei allen Differenzen, die es unter uns bis zum Schluss gab.

Dingermann: Die Akzeptanz des Seminars in der Studentenschaft rührt auch daher, dass wir versuchen, so verbindlich wie möglich zu sein. Das Thema wird am Anfang des Semesters bekannt gegeben, wir Professoren exponieren die Studenten laufend mit diesem Thema durch die Seminarbegleitung.

Ein Aspekt bereitet den Studierenden besondere Freude: Es ist die Vermittlung von Soft Skills in diesem akademisch-wissenschaftlichen Studium. Die zusätzliche Kommunikationskompetenz wird nicht nur von Hochschulpolitikern gefordert, sondern auch von Studenten. Denn der Apothekerberuf hat eine starke kommunikative Komponente. Genau die fördert das Fertigarzneimittelseminar durch die Vorbereitung – Kontakte knüpfen, einladen, mit Firmen sprechen – und durch die Präsentation. Zur Präsentation gehört, dass sich die Studenten angemessen kleiden, perfekt vortragen, sich mit einheitlichen Namensschildern präsentieren, eine Dokumentationsmappe vorbereiten, einen Internetauftritt haben und so weiter. Das sind Soft Skills. Dieser kommunikative Charakter der Veranstaltung, der für das Berufsbild des Apothekers enorm wichtig ist und ansonsten im Studium eher zu kurz kommt, wird durch das Fertigarzneimittelseminar gestärkt.

Pfannkuche: Das kann ich nur bestätigen. Man merkte das auch an unseren Proben. Von der ersten, zweiten, dritten Probe über die Generalprobe bis heute: Es war eine ständige Steigerung in der Qualität der Vorträge sowohl unter rhetorischen als auch unter optischen Gesichtspunkten zu erkennen.

PZ:Es wird nach wie vor so sein, dass niemand sofort hier schreit, wenn es um den Part des Vortragens geht ...?

Pfannkuche: Das ist immer so. Da sind die Charaktere verschieden. Da spielen Selbstsicherheit und Geltungsbedürfnis eine Rolle.

Dingermann: Ich stelle immer wieder mit großer Genugtuung fest, dass nicht nur einer in der Gruppe die Arbeit macht. Das sieht man vor allem in der Diskussion. Da wird das Mikrofon schnell weitergereicht. Die Leute sind erstaunlich gut eingelesen. Man sieht, dass das eine Gruppenarbeit ist und dass nicht nur der Vortragende Bescheid weiß.

PZ:Wie viele Stunden haben Sie in die Vorbereitung des heutigen Tages gesteckt?

Hack: Was jeder Einzelne arbeitet, ist nicht nachzuvollziehen. Die Ausarbeitung der einzelnen Vorträge lief eigentlich während des ganzen Semesters nebenher; zwischen zwei Vorlesungen, kurz vor dem Labor oder am Wochenende haben wir oft ein bis zwei Stunden zusammengesessen und am Thema gearbeitet. Den Vortrag in Schriftform zu bringen, hat mindestens zwei volle Tage gekostet. Und auch alle 13 Einzelvorträge in ein einheitliches Layout zu packen, hat Mühe gekostet. Da waren wir noch einmal fünf Tage beschäftigt. Auch die Proben waren kein Zuckerschlecken: Sie haben jeweils fünf bis sechs Stunden gedauert. Die Generalprobe dann noch mal von morgens acht bis abends zehn Uhr.

Dingermann: Das zurückliegende Sommersemester dauerte 12 Wochen. Davon sind sicherlich mindestens eineinhalb Wochen fürs Fertigarzneimittelseminar draufgegangen. Das sind immerhin gute 10 Prozent des kompletten Semesters. Die Studenten müssen recherchieren, ein Konzept entwickeln, formulieren, koordinieren und dann üben.

PZ:Ein Vortrag vor rund 400 Menschen: Waren Sie bei Ihrem Referat sehr nervös, Frau Hack?

Hack: Kurz davor schon. Im Laufe des Vortrages wird man aber immer sicherer. Man weiß ja, was kommt und wovon man spricht. Schlimmer war für mich die erste Probe, als man zum ersten Mal auf der anderen Seite des Hörsaales stand. Sonst sitzt man immer auf der Zuhörerseite und denkt: „Lass ihn reden“. Jetzt weiß ich zu schätzen, was es heißt, einen ansprechenden Vortrag auszuarbeiten.

PZ:Was nehmen Sie außer dem Fachlichen aus dem Fertigarzneimittelseminar mit und haben Sie für die Zukunft gelernt?

Pfannkuche: Wir nehmen mit: Wie kommt man an wissenschaftliches Material ran? Es ist sehr enttäuschend, dass sich einige Firmen auf unsere Anfragen bis heute nicht gemeldet haben. Wie kann man die Daten hinterfragen? Wie bewertet man die Studien? Und wie kann man wissenschaftliches Datenmaterial sowohl einem Fach- als auch Laienpublikum vermitteln? Außerdem lernt man zu organisieren, koordinieren und präsentieren. Und man lernt, mit Stress umzugehen.

 

Perfekt, professionell und pharmazeutisch Was Anfang der 90er-Jahre als gewöhnliches Seminar in kleinem Rahmen begonnen hatte, ist heute ein bis ins letzte Detail professionell vorbereitetes wissenschaftliches Fortbildungssymposium. Die Studenten schraubten von Semester zu Semester die Messlatte immer höher, und auch einige Professoren setzten Akzente.

Die Idee, dass das Fertigarzneimittelseminar den gesamten Fachbereich Pharmazie abdeckt, geht auf Professor Dr. Ernst Mutschler zurück. Bis 1995 war Mutschler noch Moderator der Veranstaltung. Heute führen Studenten durchs ganztägige Programm. Auf Anregung von Professor Dr. Christian Noe findet das Seminar seit 1995 vor Fachpublikum statt. Bei der Veranstaltung in diesem Sommer konnten die Gastgeber rund 400 Teilnehmer begrüßen. Beweis für das hohe Niveau der Veranstaltung ist die Tatsache, dass die Apothekerkammern Hessen, Bayern und Rheinland-Pfalz sowie die hessische Ärztekammer den Besuch der Tagung mit Fortbildungspunkten belohnen.

Das aktuelle Veranstaltungssemester setzte mit ausgezeichneter Medienarbeit Zeichen. So berichtete der Hessische Rundfunk erstmals von der Veranstaltung. Verschiedene Tageszeitungen wie die Frankfurter Rundschau sowie diverse Zeitschriften für Ärzte kündigten das Seminar an und zeigten Interesse an der Nachberichterstattung. Über die Uni-Pressestelle ist der Veranstaltungstermin auch an den wissenschaftlichen Informationsdienst gegangen. Zudem begleitete die Website www.fertigarzneimittel-seminar.de die Veranstaltung.

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