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Universitäten brauchen Geld

30.05.2005  00:00 Uhr
Studiengebühren

Universitäten brauchen Geld

von Karen Aust, Berlin

Motivierte Studenten, keine überfüllten Hörsäle, gutes Arbeitsmaterial und Professoren, die Lehre als erfüllende Aufgabe empfinden. Schöne verklärte Studierwelt! Die meisten Studierenden erleben die deutsche Hochschule anders. Das liegt auch an den begrenzten Mitteln, unter denen die meisten Universitäten leiden.

Ein Studienaufenthalt im Ausland verändert die Sicht auf die Studienbedingungen an deutschen Universitäten oft deutlich. Das gilt auch für ein Auslandssemester in Dänemark. Qualität wird dort groß geschrieben. Entsprechend hoch sind auch die Hürden für die Studienbewerber. Wer einen der wenigen Studienplätze ergattern will, muss nicht nur Numerus clausus erreichen, sondern auch noch die Aufnahmeprüfung bestehen.

Die dänische Uni versteht sich als Dienstleister und ermöglicht den Studenten ein ungehindertes, zügiges Studium. So verfügt jede Institutsbibliothek über zeitgemäße Bücher und Zeitschriften. Ist ein Werk nicht zu entleihen, wird eine Kopie ohne zusätzliche Kosten für den Studenten angefertigt. In den weitläufigen Lesesälen stehen den Studenten Computer mit Internetzugang kostenlos zur Verfügung. Die Studenten sind mit den Studienbedingungen an der dänischen Uni sehr zufrieden. Das liegt auch an der vergleichsweise großzügigen finanziellen Unterstützung durch den Staat. Dänische Studenten erhalten monatlich 4519 Dänische Kronen (rund 607 Euro) für 70 Monate. Zusätzlich können sie ein Darlehen über monatlich 2313 Kronen (circa 330 Euro) aufnehmen.

Selbstverständlich sind die Professoren auch Bestandteil des Dienstleistungssystems der dänischen Hochschulen. Regelmäßige Evaluationen sollen die Qualität der Lehre dokumentieren. In Dänemark weiß man auch, dass nur in Seminaren mit maximal 20 Studenten eine intensive Zusammenarbeit der Teilnehmer möglich ist. Doch einen Haken hat das Bildungsschlaraffenland für die Bürger: Die Steuern in Dänemark sind sehr hoch.

Die Situation in Deutschland

Zum Wintersemester 1970/71 wurde in Deutschland bundeseinheitlich die Uni zum Nulltarif eingeführt. Man wollte die Attraktivität einer Hochschulausbildung steigern, um einen Akademikermangel zu verhindern. Auch sollten an der Universität Studenten aller sozialer Schichten in annähernd gleicher Zahl studieren. Heute sieht man sich mit den Folgen dieses Systems konfrontiert: Die Hochschulen kosten immer mehr Geld, die Qualität wird dennoch immer schlechter. Und der Anteil der Studierenden, die nicht aus Akademikerfamilien stammen, ist nur unwesentlich gestiegen. Mittlerweile sind die Probleme des deutschen Systems offensichtlich. Bei der Suche nach den Gründen stellt man fest, dass vieles, auch der soziale Anspruch, nie erreicht wurde. Das bisherige System war nur auf den ersten Blick wirklich sozial ausgeglichen. Studenten aus Geringverdienerhaushalten können sich während der Regelstudienzeit zwar über BAföG finanzieren. Doch viele scheuen sich vor den Schulden, denn die Studenten müssen die Hälfte der staatlichen Unterstützung wieder zurückzahlen.

Auf den ersten Blick ist dies ein deutliches Argument gegen Studiengebühren. Auf der anderen Seite stellt sich aber auch die Frage, inwieweit die Subventionierung von Studenten über Steuern gesellschaftlich zu rechtfertigen ist. Mit einem Studium verbindet sich neben dem gesellschaftlichen nämlich auch ein erheblicher privater Nutzen. Alle Steuerzahler in Deutschland kommen schließlich dafür auf, dass den Absolventen der Zugang zu Berufen mit höherem Einkommen geebnet ist. Akademiker erreichen oft einen höheren Lebensstandard und das Risiko, arbeitslos zu werden, ist für sie immer noch geringer als für Nichtstudierte.

Bislang hat die Politik in Deutschland keine Konzepte gefunden, die Hochschulen mit ausreichenden finanziellen Mitteln auszustatten, ohne dabei Steuerzahler oder Studenten aus weniger wohlhabenden Familien über Gebühr zu belasten. Mit der sechsten Novelle des Hochschulrahmengesetzes hatte sich die Bundesregierung deutlich gegen die Einführung von Studiengebühren für das Erststudium ausgesprochen. Doch ist sie eine Antwort dafür schuldig geblieben, wie der an vielen Universitäten vorherrschende Mindeststandard aufrechterhalten werden soll.

Unabhängig vom Ausgang der Bundestagswahl wird die nächste Regierung eine Lösung für die Probleme der deutschen Hochschulen finden müssen. Die Zeit drängt, wenn die deutschen Universitäten im internationalen Vergleich mithalten wollen. Blicke über den Tellerrand könnten dabei hilfreich sein. Zur Schaffung eines attraktiven Konzepts für die deutschen Unis sind bewährte, strukturell ausgewogene, sozial abgefederte Finanzierungssysteme anderer Staaten beispielgebend.

Studieren in Österreich

Zum Wintersemester 2001 wurden in Österreich Studiengebühren in Höhe von 363 Euro pro Semester eingeführt, um die konträre Entwicklung steigender Studentenzahlen und sinkender staatlicher Finanzierung, begleitet von abnehmender Qualität, aufzuhalten. Ohne ausgereifte Konzepte zum Einsatz der Gebühren verschwanden die Einnahmen bis 2003 auf Nimmerwiedersehen in Haushaltslöchern. Heute kommen sie zwar den Hochschulen zu Gute; doch der Staat hat seinen finanziellen Beitrag gekürzt.

Die Bilanz nach vier Jahren ist durchwachsen. Einer Untersuchung des österreichischen Bildungsministeriums zufolge haben die Studiengebühren die Motivation der Studenten verbessert. Gezeigt hat sich das in einer Verringerung der Studiendauer und der sinkenden Zahl der Studienabbrecher.

Finanziell hat sich dagegen wenig verändert. Die Unis haben immer noch so wenig Geld, wie vor der Einführung der Studiengebühren. So ist an der Wiener Universität der Mangel weiterhin offensichtlich: Mathematik für BWL-Studenten wird immer noch in einem überfüllten Kinosaal gelesen. Der eigentliche Hörsaal ist noch viel kleiner. Und im Wiener Publizistikinstitut kümmern sich fünf Professoren um 8000 Studenten.

USA und Australien

In den angelsächsischen Ländern sind Studiengebühren an der Tagesordnung. In Australien führte 1989 eine Labour-Regierung ein Steuerschulden-Modell zur privaten Mitfinanzierung der Hochschulausbildung ein, das so genannte HECS (Higher Education Constribution Scheme).

Für Studenten, die sich zur Aufnahme einer Steuerschuld entschließen, streckt ein öffentlicher Fond Geld vor. Wer die Gebühren sofort zahlt, erhält einen Rabatt von derzeit 30 Prozent. Diese Ermäßigung ist Bestandteil der schlanken Administration des australischen Systems. Die Beiträge pro Semester bewegen sich je nach Studiengang zwischen 4000 und 8000 Australischen Dollar (AUD), was 2340 bis 4675 Euro entspricht. Von ausländischen Studenten und Postgraduierten verlangen die Hochschulen noch höhere Gebühren.

Die australische Uni genießt international eine hohe akademische Reputation. Daher steigt die Zahl ausländischer Studenten trotz hoher Gebühren stetig. Zudem sind Ausländer an den Hochschulen gern gesehene Gäste. Sie gelten als kulturelle Bereicherung und tragen zur finanziellen Stärkung der Akademien bei.

Angesichts der Höhe der Studiengebühren sind Studenten aus weniger wohlhabenden Familien häufig auf Stipendien angewiesen. Wie andere angelsächsische Länder bietet Australien ein ganze Reihe solcher Finanzierungsmodelle an. Studenten können sich um einkommens- und vermögensabhängige Stipendien und Darlehen bewerben. So ist Austudy ein Förderpaket für staatlich anerkannte Ausbildungsgänge in der Höhe von durchschnittlich 3079 AUD (etwa 1800 Euro) pro Jahr. Aborigines können zusätzlich ein Stipendium von jährlich 2472 AUD (circa 1440 Euro) erhalten.

Australische Studenten haben sich daran gewöhnt, für eine hochwertige Hochschulausbildung zu zahlen. Ähnliches erfährt man im Gespräch mit amerikanischen Studenten. In den USA erreichen die Studienkosten Dimensionen, bei denen deutschen Studenten und ihren Eltern der Atem stockt. Je nach Universität zahlt man 4000 bis 20 000 US-Dollar pro Semester allein für die Unterrichtsstunden. Kosten für Bücher, Unterkunft und Lebensunterhalt kommen hinzu. Der Schuldenberg würde noch größer, entscheidet man sich nach einem vierjährigen Bachelor-Studiengang für einen Masterabschluss am College, der weitere zwei bis drei Jahre dauert.

Highschool-Absolventen mit sehr guten Leistungen und öffentlichem Engagement werden von den Universitäten umworben. Ständig sind die Akademikerschmieden daran interessiert, ihr Ansehen durch begabte Studenten zu verbessern. In Vorstellungsgesprächen offerieren sie ihren zukünftigen Kunden neben ihren Qualitäten auch die enormen Kosten ihrer Dienstleistung.

Doch lassen sich leistungsstarke Studenten aus ärmeren Verhältnissen nicht von einem Studium abschrecken. In den Vereinigten Staaten existiert ein exzellentes Stipendien- und Darlehenssystem privater und staatlicher Geldgeber. Einige Universitäten prämieren hervorragende Leistungen mit einer Studienbeihilfe. Scholarship und Grant sind staatliche Stipendien für sehr gute Leistungen beziehungsweise für sozial schwächere Studenten. Jeder kann zusätzlich ein Darlehen (Loan) beantragen und durch kleine Jobs an der Uni ein paar Dollar hinzuverdienen. So kommt es nicht selten vor, dass Absolventen schuldenfrei sind. Einer Studie der Zeitschrift »Spiegel Spezial« zufolge zahlen nur 19 Prozent der Studenten privater Hochschulen die Gebühren in vollem Umfang.

Studiengebühr und Qualität

Die staatlichen Universitäten verlangen weniger Gebühren, sind aber nicht unbedingt schlechter als die Privaten. Berkeley (Kalifornien), eine staatliche Hochschule, rangiert mit Harvard an der Weltspitze. Höchste Qualität ist das Aushängeschild der Uni Berkeley. Dort hofft man heute auf großzügige Spenden gut verdienender Ehemaliger, denn auch der Staat senkt das Budget für diese Uni stetig.

In Deutschland ist Bildung Ländersache. Das gilt auch für die Einführung von Studiengebühren. Nachdem das Bundesverfassungsgericht das Verbot von Gebühren für ein Erststudium in Deutschland gekippt hat, wollen einige Bundesländer ihre Studenten zur Kasse bitten. Vor allem die unionsregierten Länder planen Gebühren. Auch wenn sie formal das Recht dazu haben, scheuen sich manche Bundesländer, Studiengebühren im Alleingang einzuführen. Die Konsequenz wäre eine stark heterogene Studienlandschaft in Deutschland. Studenten in Frankfurt am Main müssten womöglich für dasselbe Studium einige tausend Euro bezahlen, das im nahe gelegenen Mainz noch gratis ist. Eine Einigung der Bundesländer über die Rahmenbedingungen wäre deshalb wünschenswert. Mit dem Ausgang der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen ist dies deutlich wahrscheinlicher geworden. Der designierte Ministerpräsident Jürgen Rüttgers, als Bundesbildungsminister noch ein Gegner von Studiengebühren, hat heute nichts mehr dagegen, Studenten stärker an der Finanzierung ihrer Ausbildung zu beteiligen.

Die Mehrheit der Studenten, auch der Pharmaziestudenten, dürfte dies nicht freuen. Die Diskussion um Studiengebühren hat in fast allen Universitätsstädten zu einer Renaissance des studentischen Protests geführt. Demonstrationen wie in vergangenen Jahrzehnten sind dort wieder an der Tagesordnung.

Ob der aktuelle studentische Widerstand Erfolg hat, darf allerdings bezweifelt werden. So sinkt nicht nur die Zahl der SPD-geführten Bundesländer, es fehlen Alternativkonzepte, um die Finanzen der maroden Universitäten zu verbessern und ihr Abrutschen im internationalen Maßstab zu verhindern.

Die Richter des Bundesverfassungsgerichts haben in ihrem Urteil vom 26. Januar dieses Jahres aber auch Bedingungen gestellt: Studiengebühren sind verfassungskonform, wenn sie sozial verträglich gestaltet werden. Die Einführen der Gebühr von heute auf morgen ist so undenkbar.

Zur Absicherung ihres Lebensunterhalts müssten die Studenten die Möglichkeit erhalten, für sie angemessene Darlehen aufzunehmen. Daneben dürften aber auch gute Konzepte über den Einsatz der Gebühren an den Unis nicht fehlen, wenn man Entwicklungen wie in Österreich vermeiden will. Dort weiß man, wo übereilte Entscheidungen hinführen: Wenn studentische Gelder Haushaltslöcher stopfen, kann sich an den defizitären Hochschulen nicht viel ändern. Ob so eine Entwicklung wohl im Sinne der Studenten wäre. Top

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