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Wird der Apotheker zum Master?

24.05.2004
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Wird der Apotheker zum Master?

von Desiree Kitzmann, Berlin

In Deutschland schließen heute alle Pharmaziestudenten ihr Studium mit dem Staatsexamen ab. Es deutet sich allerdings an, dass sich dies in Zukunft ändern könnte. Denn im Zuge der EU-Vereinheitlichung sind auch für die deutsche Pharmazie die Studienabschlüsse Bachelor und Master im Gespräch. In den Niederlanden ist dies längst Realität.

"Im September 2001 wurde das Bachelor- und Master System für unseren Studiengang eingeführt", berichtete die niederländische Studentin Marit van Gils von der Universität Groningen während einer Berlinexkursion ihres Semesters. "Der Bachelor stellt im Gegensatz zum deutschen Grundstudium einen eigenständigen Abschluss dar, an den sich ein Masterstudiengang anschließen kann", stellte Gils heraus. Beide Studiengänge umfassen in den Niederlanden jeweils drei Jahre. Es gebe keine zentralen Prüfungen, wie das Staatsexamen. Vielmehr würden am Ende jeden Kurses Klausuren als Leistungsnachweis geschrieben. "Auf diese Weise sammeln wir die erforderlichen Credit-Points für unseren Abschluss", so Gils.

An der Universität Groningen werden zwei Bachelors mit unterschiedlicher Orientierung angeboten. "Wir können uns entscheiden zwischen dem Bachelor für Pharmazie oder Pharmazeutische Wissenschaften", erläuterte Gils. Die Ausbildung der ersten zwei Jahre ist bei beiden sehr ähnlich. Im ersten Jahr werden Vorlesungen und Praktika zur analytischen Chemie belegt. Anschließend wird pharmazeutisches Basiswissen in Form von pharmazeutischer Chemie, Biologie, Toxikologie, Pharmakokinetik und Physiologie vermittelt. "Der Bachelor für Pharmazeutische Wissenschaft legt im dritten Jahr mehr Wert auf die pharmazeutische Technologie", so Gils, "während die Studenten, die den Bachelor für Pharmazie belegen, später eher in die Apotheke gehen." Es werde hier schon im Studium die spätere Kommunikation mit dem Patienten geschult.

Mit dem dreijährigen Bachelorstudium allein, sind die Absolventen natürlich nicht befähigt eine eigene Apotheke zu führen. "Möchte man Apotheker werden, so schließt sich in der Regel der Master Pharmazie an", sagte Gils. Hier werden die wesentlichen Kenntnisse über Arzneimittel und ihre Wirkungsweise vermittelt. Außerdem spielt die Verknüpfung von Theorie im Studium und Praxis in der Apotheke eine große Rolle. "Im fünften Jahr bietet sich uns allerdings auch die Möglichkeit, einen Einblick in die forschende Tätigkeit zu bekommen", erzählte sie. Die Studenten erhalten ein kleines Projekt, mit dem sie sich 28 Wochen intensiv beschäftigen und schreiben im Anschluss eine wissenschaftliche Abhandlung über ihre Arbeit. "Auch mit dem Masterabschluss müssen wir noch zwei weitere Jahre als angestellter Apotheker arbeiten, ehe wir eine eigene Apotheke übernehmen können", so Gils.

Für alle Studenten, deren Ziel nicht die Apotheke ist, bietet das niederländische System je nach Interesse noch zwei weitere Masterstudiengänge an. Zum einen den Master der medizinisch-pharmazeutischen Wissenschaft und den Master mit Schwerpunkt auf der Technologie. Sie umfassen zwei Jahre Studium und sind nach beiden vorgestellten Bachelor-Abschlüssen möglich.

Beim medizinisch-pharmazeutischen Master belegen die Studenten zunächst fakultative Kurse, wobei zum Beispiel die Klinische Pharmazie als Hauptrichtung wählbar ist. Das sich anschließende Jahr steht ganz im Zeichen der Forschung. "Die Absolventen werden somit optimal auf die spätere forschende Tätigkeit vorbereitet", meint Gils. Beim Master der Technologie beschäftigen sich die Studenten zwei Jahre lang mit pharmazeutischer Produktion und Technologie. Dieser Abschluss ist folglich auf die Bedürfnisse in der Industrie ausgelegt.

Während es in Deutschland ein bundesweit einheitliches Pharmaziestudium gibt, zeichnet sich das niederländische Modell durch vielfältige Spezialisierungsmöglichkeiten aus. "Es wäre auch bei uns wünschenswert, wenn nicht jeder alles belegen müsste, sondern der Student nach seinen Interessen wählen könnte", sagt die Berliner Studentin Frauke Tuchalski.

Ausgangspunkt Bologna

Wenn auch noch Zukunftsmusik, so erscheint ein derartiger Wandel nicht allzu unwahrscheinlich. Um die internationale Wettbewerbsfähigkeit des europäischen Hochschulsystems zu verbessern, haben 29 europäische Bildungsminister im Jahr 1999 die Erklärung von Bologna verabschiedet. Derzufolge sollen bis zum Jahr 2010 unter anderem folgende Ziele erreicht sein:

  • Etablierung eines Systems leicht verständlicher und vergleichbarer Abschlüsse,
  • Etablierung eines Studiensystems mit einem ersten berufsqualifizierenden Abschluss (undergraduate, Bachelor) und einem darauf aufbauenden Abschluss (graduate). Dieser zweite Zyklus sollte mit dem Master und/oder der Promotion abschließen.
  • Einführung eines Leistungspunktesystems - ähnlich dem European Credit Transfer System (ECTS) zur Förderung der größtmöglichen Mobilität der Studierenden.

"Selbstverständlich befasst sich die Bundesapothekerkammer mit der Frage, ob und - wenn ja - inwieweit eine Umstellung der Apothekerausbildung auf dieses System möglich sei", sagt die Apothekerin Dr. Berit Eyrich, Referentin für Ausbildung und Fortbildung der ABDA. Gerade bei den Studiengängen, die mit einem Staatsexamen abschließen, wie der Pharmazie, der Medizin oder der Rechtswissenschaften sei dies - da der Staat maßgeblich die Ausbildung bestimme - mit zusätzlichen Problemen behaftet. "Die Kultusminister haben daher eine mögliche Umwandlung dieser Studiengänge vorerst zurückgestellt", so Eyrich. Generelles Problem seien die derzeit noch nicht absehbaren Arbeitsmarktchancen der Studenten, die mit dem Abschluss des Bachelors (undergraduate) in das Berufsleben eintreten werden. Und dieser solle der Regelfall werden.

"Als einen möglichen Vorteil des neuen Systems ist zu nennen, dass einzelne absolvierte Studienleistungen durch die Einführung eines Credit-Point-Systems international anerkannt wären", bemerkt Eyrich. Zwar würden in der Europäischen Union die Apothekerdiplome gegenseitig anerkannt, was die Mobilität der im Berufsleben tätigen Apothekerinnen und Apotheker bereits heute sehr erleichtere. Dies gelte jedoch nicht in der Form für die Pharmaziestudenten, die einen Teil ihres Studiums im Ausland absolvieren und die dort erbrachten Studienleistungen angerechnet bekommen möchten.

Es ist allerdings auch denkbar, dass die akademischen Heilberufe von diesem System ausgenommen bleiben. Bei den Ärzten gibt es deutliche Widerstände und auch der Präsident der Bundesapothekerkammer, Johannes M. Metzger, hat Zweifel, ob Master und Bachelor das Pharmaziestudium bereichern würden. Er befürchtet, die Qualität der Ausbildung könnte leiden.

Zweites Standbein

Kommen die neuen Abschlüsse, dann bedarf es nicht nur auf Bundesebene einer einheitlichen Regelung. Auch die Universitäten selbst stehen in der Pflicht, sich mit der angestrebten Neuerung auseinander zu setzten. Für eine Etablierung in vorläufiger Koexistenz zum Staatsexamen spricht sich Professor Dr. Roland Bodmeier von der Freien Universität Berlin aus. "Ich halte es für wichtig sich ein zweites Standbein aufzubauen", so Bodmeier. Nach seinen Vorstellungen könne das Staatsexamen zumindest vorerst auch weiterhin den Weg in die Apotheke bieten.

Der Master hingegen solle auf die Forschung orientiert sein: "Wie bereits in den USA und verschiedenen europäischen Ländern sollte auch bei uns eine Spezialisierung in Richtung pharmazeutische und chemische Industrie möglich sein." "Natürlich muss es eine bundesweite Koordination geben, aber mit dem Masterstudiengang bietet sich die Chance für die Universitäten eigene Schwerpunkte zu setzen", so Bodmeier. Auf diese Weise könnten sich die einzelnen Institute von anderen abheben und sich somit im Wettbewerb um in- und ausländische Studenten behaupten. Die neuen Studienabschlüsse sind nach Bodmeier Überzeugung nur eine Frage der Zeit: "Der Bachelor und Master wird auf jeden Fall kommen. In Berlin jedoch frühestens 2005/2006."

Internationaler Austausch

Die niederländische Studentenvereinigung "Pharmaciae sacrum" (ehrwürdige Pharmazie) organisiert in jedem Jahr eine einwöchige Exkursion ins Ausland. In diesem Jahr bereiste eine Gruppe von 51 Studenten der Universität Groningen Berlin. Vom 11. bis 14. April verweilten die Niederländer in der Hauptstadt.

In diesem Rahmen statteten sie auch dem Pharmazeutischem Institut der Freien Universität Berlin (FUB) einen Besuch ab. Die Berliner Fachschaft bot aus diesem Anlass mit einer Diskussionsrunde Gelegenheit, sich über die unterschiedlichen Ausbildungssysteme in der Pharmazie beider Länder auszutauschen.

 

Podiumsdiskussion zum Thema Im Rahmen der 7. Lesmüller-Vorlesung lädt die gleichnamige Stiftung am 1. Juli 2004 zu einer Podiumsdiskussion mit dem Thema "Hochschulstandort Deutschland Pharmazie" ein. Im Mittelpunkt der Veranstaltung sollen die Auswirkungen der umwälzenden Veränderungen des Hochschulwesens in Europa auf die Pharmazie und das Berufsbild des Apothekers stehen.

Als Experten werden neben anderen Ministerialdirigent Dr. Birger Hendriks, als Vertreter der Kultusministerkonferenz, Professor Dr. Ulrike Holzgrabe, Präsidentin der Deutschen Pharmazeutischen Gesellschaft, Johannes M. Metzger, Präsident der Bundesapothekerkammer und Ministerialrat Dr. Gert Schorn vom Bundesgesundheitsministerium sprechen.

Beginn der Veranstaltung ist um 18:30 Uhr. Ort: Hörsaal des Institutes für Pharmazie und Lebensmittelchemie im Emil-Fischer-Zentrum der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, Schuhstraße 19, Erlangen.

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