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Blick über den Tellerrand

02.05.2005  00:00 Uhr
Praktisches Jahr

Blick über den Tellerrand

von Thomas Fiß, Greifswald

Vor Erhalt der Approbation muss der angehende Apotheker seine Praxistauglichkeit im Praktischen Jahr beweisen. Hier bestehen viele Möglichkeiten. Zwischen dem Krankenhaus, der Offizin oder der Industrie kann gewählt werden. Welche Einsatzbereiche gibt es und was muss bei der Auswahl beachtet werden?

»Mich reizt die Arbeit in der Apotheke auf Dauer nicht, ich gehe lieber in die Industrie«, sagt Susann Krischker, Praktikantin in der Zulassungsabteilung bei Boehringer Ingelheim, über ihren Entschluss, einen Teil des Praktischen Jahres außerhalb der Offizin zu absolvieren. Von der Entscheidung bis zum ersten Tag im pharmazeutischen Unternehmen gibt es einiges zu bedenken. Der Weg ist aber weniger steinig als vermutet. »Wir bieten mehr Stellen an, als sich geeignete Bewerber bei uns melden,« fasst Sibylle Strothmann vom Berliner Pharmaunternehmen Schering die Lage zusammen.

Trotzdem sollte sich der Student über seinen zukünftigen Tätigkeitsbereich Gedanken machen, die Stelle wird natürlich nicht verschenkt. Wo möchte ich genau arbeiten und in welchem Bereich soll die Stelle sein? Soll aus der PJ-Stelle eine wissenschaftliche Arbeit resultieren? Dies sind zwei wichtige Kernfragen und die sollten beachtet werden.

Andere Berufsfelder kennen lernen

Ausschlaggebend für Ihre Bewerbung war für Veronika Spalthoff, PJ-lerin in der Galenik-Abteilung bei Aventis, die Größe des Unternehmens und damit die vielfältigen Einsatzmöglichkeiten. »Ich wollte auch einmal die anderen Einsatzbereiche neben der Apotheke in der pharmazeutischen Ausbildung kennen lernen und habe mich einfach beworben.«

Viel konkreter waren die Vorstellungen bereits für Matthias Pfannkuche, bevor er sich für eine Stelle in der Marketing-Abteilung bei Hexal beworben hat. Er hat seine Vorstellungen bereits deutlich in den Unterlagen formuliert. In pharmazeutischen Unternehmen können Praktikanten im Labor oder in einem Büro arbeiten. Im Labor warten klassische pharmazeutische Tätigkeiten wie Wirkstoffforschung, Formulierungsentwicklung und Analytik. Bisher etwas stiefmütterlich wurde das Marketing behandelt. »In diesem Sektor ist pharmazeutischer Sachverstand gefragt! Ich hoffe, dass sich mehr Studenten in Zukunft dafür interessieren«, sagt Dr. Ulrich Meyer von WALA auch mit Blick auf das Studienfach Klinische Pharmazie. In den vergangenen zwei Jahren konnte er bereits einen erfreulichen Zuwachs der Bewerberzahlen um annähernd das Doppelte beobachten.

Wer sich für einen Praktikumsplatz in der Industrie interessiert, sollte sich rechtzeitig darum kümmern. Die Fristen liegen zwischen drei und 15 Monaten. »Viel länger ist eine Planung des Pharmaziestudiums gar nicht möglich«, so Dr. Martin Tegtmeier von Schaper & Brümmer. In der Regel sollte die Bewerbung zwischen dem 6. und 7. Semester erfolgen. Beginn des PJs ist entweder der 1. November oder der 1. Mai, andere Termine können meist vereinbart werden.

Nicht verpassen

Bei der Bewerbung sollte jedoch nicht nur der Zeitpunkt stimmen, sondern auch die Form. »PISA lässt grüßen«, beschreibt Meyer die zum Teil katastrophalen Bewerbungen. Die Unternehmen erwarten zwar keine erstklassig gestaltete Werbemappe. Fehlerfrei sollte die Bewerbung aber in jedem Fall sein. Eine kurze Beschreibung, warum genau diese Firma interessant ist, kann die Entscheidung positiv beeinflussen. Die Bewerbung sollte nach Meyers Ansicht nicht wie aus einem Serienbrief herauskopiert aussehen. Das wichtigste Einstellungskriterium bei den meisten Firmen ist der Eindruck des Bewerbungsgespräches, exzellente Examensnoten sind also kein Erfolgsgarant. Im Bewerbungsgespräch wird klar, ob das Engagement des Studenten ernst gemeint ist, grundlegendes Wissen über Produktpalette und Unternehmensstruktur werden vorausgesetzt.

Pflicht oder Kür?

Es besteht die Möglichkeit, über wissenschaftliche Ergebnisse aus der Forschungsabteilung eine Diplomarbeit zu schreiben, gelegentlich ist dies nach Tegtmeiers Erfahrungen Eintrittspforte in die Promotion. Er ist stolz auf seine guten Verbindungen zu den Universitäten, darunter Greifswald, Halle und Braunschweig. »Es ist eine tolle Bestätigung der eigenen Arbeit, die PJ-ler über sich hinauswachsen zu sehen, in ihrer Begeisterung für ihr Forschungsgebiet wird die Arbeitszeit ganz vergessen.« So kann aus der Pflicht, das PJ absolvieren zu müssen, die Kür, eine erste wissenschaftliche Arbeit anfertigen zu dürfen, werden.

Die Chance, unabhängig zu forschen, nutzt auch Veronika Spalthoff bei Aventis. Sie arbeitet an der Entwicklung eines Herstellungsprozesses für Parenteralia mit Einmal-Geräten. Betreut wird sie hierbei von ihrer Heimatuniversität in Braunschweig; verteidigt wird die Arbeit in Halle. Mit etwas persönlichem Engagement ist also viel möglich. Ihr Kollege Franz Sprossmann wird eine allgemeine Arbeit über seine Entwicklung eines geschlossenen Granulationsverfahrens schreiben, eine Promotion soll jedoch folgen.

Gelegentlich ist eine Universität mit einem angebotenen Diplom zu weit von der PJ-Stelle entfernt, die Chance einer Präsentation der geleisteten Arbeit in Form eines Posters besteht in den meisten Unter\-nehmen.

»In meinem PJ lerne ich alle Facetten der Arzneimittelzulassung kennen, die Möglichkeit habe ich sonst nicht«, stellt Susann Krischker ihre Begeisterung über die Stelle in der Arzneimittelzulassung dar. Um nicht nur seinen eingegrenzten Arbeitsbereich kennen zu lernen, sollte sich jeder Bewerber nach der Möglichkeit erkundigen, einen kleinen Einblick in andere Abteilungen zu bekommen. Gelegentlich besteht das Angebot, auf Kongresse mitzureisen oder an Fortbildungsmaßnahmen teilzunehmen. Bei Schaper & Brümmer können die Praktikanten die Ergebnisse der Forschungsarbeit auf einem Poster, zum Beispiel auf der DPhG-Jahrestagung, präsentieren. Bei Hexal werden unter anderem Kommunikationsseminare angeboten.

Interesse an Nachwuchskräften

Nach den Vorgaben der Approbationsordnung muss für den Pharmaziepraktikanten eine Betreuung durch einen approbierten Apotheker gewährleistet sein, vor allem vor einem Auslandspraktikum sollte dies berücksichtigt werden. Bei Nichtbeachtung besteht die Gefahr, das PJ vom Landesprüfungsamt nicht anerkannt zu bekommen. Bei Hexal ist man stolz darauf, dass die Marketingabteilung zu 90 Prozent mit Pharmazeuten besetzt ist und dementsprechend eine gute Betreuung gewährleistet ist. Häufig stehen Apotheker mit einer zusätzlichen Fachausbildung in Analytik oder pharmazeutischer Technologie dem Studenten zur Seite.

»Die Unternehmensleitung hat ein großes Interesse, fähige Nachwuchskräfte zu fördern, sie können mit ihren fundierten Fachkenntnissen nach dem Studium die Arbeit sehr befruchten«, erläutert Tilmann Kießling das Bestreben der Frankfurter Niederlassung von Sanofi-Aventis, sich für den Nachwuchs zu engagieren. Allein am Frankfurter Standort sind 30 PJ-ler pro Jahr tätig.

Natürlich wird von jedem Interessenten ein gewisses Maß an eigenem Engagement auf der Suche nach einer geeigneten Stelle gefordert. Ein beliebtes Informationsmedium sind die schwarzen Bretter in den Universitäten.

Meyer freut sich, so ein effektives und preiswertes Medium gefunden zu haben, bisher ist genügend Rücklauf zurückgekommen. Auf ihren Websites bieten einige Hersteller Praktika für Pharmazeuten an. Ist eine Kontaktperson auf der Homepage angegeben, sollte sie im Anschreiben persönlich angesprochen werden. Die PJ-Börse des Bundesverbands der Pharmaziestudierenden Deutschlands ist ebenfalls beliebter Anlaufpunkt.

»Wann beginnt der Ernst des Lebens?« Manfred Hund von Boehringer Ingelheim rät den Studenten, selbst aktiv zu werden und sich als Pharmazeut in andere Tätigkeitsfelder zu wagen. Die Studenten müssten die Chancen nutzen, die ihnen geboten werden. Die meisten Pharmazeuten kennen die Offizin bereits durch die Famulatur während des Studiums. Egal, für welche Tätigkeit sich der angehende Apotheker entscheidet, es zählt die Motivation, sich konstruktiv einzubringen und sich selbst während des PJ weiterentwickeln zu wollen. Top

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