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Zwitterrolle soll sich in Vergütung widerspiegeln

14.10.2002  00:00 Uhr
Apothekertag 2002

Zwitterrolle soll sich in Vergütung widerspiegeln

Eine für die Apotheker aufwandsneutrale Drehung der Arzneimittelpreisverordnung soll den Internethändlern die Basis für ihre Rosinenpickerei entziehen und gleichzeitig den Kostenträgern Einsparungen in Milliardenhöhe ermöglichen.

Die ABDA hält an einem einheitlichen Abgabepreis für alle apothekenpflichtigen Arzneimittel fest, erklärte Dr. Frank Diener, Geschäftsführer Wirtschaft und Soziales der ABDA. Er sprach sich deutlich gegen »gespaltene Preise« für Regelversorgung und besondere Versorgungsformen wie Heimversorgung oder Disease-Management-Programme aus.

Im von der Arzneimittelpreisverordnung (AMPreisV) vorgeschriebenen Arzneimittelpreis sind alle Leistungen enthalten, die im direkten Zusammenhang mit der Arzneimittelabgabe stehen – auch eine pharmazeutische Basisbetreuung. Davon müsse jedoch deutlich die indikationsspezifische Betreuung unterschieden werden. Diese gehe weit über die Arzneimittelabgabe in der Apotheke hinaus und müsse in Bundesrahmen- und Regionalverträgen geregelt werden, forderte Diener.

Die heutige AMPreisV stammt aus dem Jahr 1978. Damals entsprach die Höhe der Umsätze in einzelnen Preissegmenten noch ungefähr den abgegebenen Mengen, erklärte der Referent. Im Jahr 2000 sah die Situation völlig anders aus. Die Apotheken machten die höchsten Umsätze im Hochpreissegment, die größten Mengen gaben sie jedoch im Niedrigpreissegment ab. Ein Vergleich mit der Schweiz macht deutlich: Die deutschen Apotheken sind im Durchschnitt günstig, auch günstiger als ihre schweizerischen Kollegen. Aber es gibt Preissegmente (zwischen 75 und 5000 Euro), in denen deutsche Apotheken deutlich teurer sind. Zurzeit werden auf diesem Weg billige Arzneimittel subventioniert. Diener: »Diese Verwerfungen in Teilsegmenten bieten den Internethändlern wirtschaftliche Anreize für ihre Rosinenpickerei und den Politikern Anreize für die Strukturzerstörung.«

Die Lösung der ABDA laut Diener: »Wir müssen den Degressionsverlauf der Arzneimittelpreisverordnung an die aktuelle Marktstruktur anpassen.« In dem Segment bis etwa 20 Euro, in dem die Apotheken 85 Prozent der Packungen abgeben und 40 Prozent des Umsatzes machen, seien höhere Handelsmargen möglich. Je nach Preis soll nach den Entwürfen der ABDA dabei die Erhöhung zwischen 50 Cent und 1,50 Euro liegen. Im Segment ab 30 Euro, in dem sich heute nur 10 Prozent der Packungen befinden, aber 50 Prozent des Umsatzes getätigt werden, müssten sich die Margen der Apotheker verringern, schlug Diener vor. Für die Apotheker sei diese Umstellung aufkommensneutral, sorge aber für eine Sofortentlastung beim Kostenträger, so Diener. Innerhalb einer Legislaturperiode würden Krankenkassen und private Krankenversicherungen auf diese Weise um 3,1 Milliarden Euro entlastet, die Selbstzahler müssten mit 1,6 Milliarden Euro tiefer in die Tasche greifen. Die volkswirtschaftliche Entlastung durch die geringeren Handelsmargen würde 1,5 Milliarden Euro in vier Jahren betragen, betonte Diener.

Neben der Vergütung von Fertigarzneimitteln regelt die AMPreisV auch die Rezepturvergütung. Die Novellierung der Verordnung vor vier Jahren räumte die Möglichkeit ein, Vertragspreise zu vereinbaren. Seitdem können zwar noch immer Stoffkostenzuschläge erhoben werden, diese sind jedoch auf maximal 30 Prozent begrenzt. Gleichzeitig wurden Arbeitspreise für Spezialrezepturen wie zum Beispiel Zytostatika zwischen 13 und 32 Euro etabliert. Dieser zunächst nicht unumstrittene Weg habe sich inzwischen bewährt und werde fortgesetzt, sagte Diener.

Im Gegensatz dazu besteht bei der Nacht- und Notdienstvergütung dringender Handlungsbedarf. »Deutschland ist das Schlusslicht«, sagte Diener. Während die Patienten in Großbritannien bis zu 35 Euro, in der Schweiz bis zu 15 Euro zahlen müssen, um ein Medikament außerhalb der Öffnungszeiten zu beziehen, kostet dies in Deutschland gerade einmal 1,53 Euro.

Zusätzliche Leistungen neben der pharmazeutischen Basisbetreuung werden nicht von der AMPreisV geregelt. Hier sollen Dienstleistungsmodule etabliert werden, zu denen auch ein detailliertes Protokoll zum Ablauf der Leistungserbringung sowie die Schulung und Zertifizierung des Apothekers gehören. In Zukunft sollen Dienstleistungsverträge zwischen Apotheker und Patient sowie den Kostenträgern abgeschlossen werden. Den Vertragsrahmen muss der Deutsche Apothekerverband über die Landesapothekerverbände bereitstellen, forderte Diener. In der AMPreisV sollte dafür eine stabile Rechtsgrundlage etabliert werden.

Verschiedene Vergütungsmodelle wurden in der Hauptversammlung heftig diskutiert. Ein Vorschlag war, einen Fixzuschlag auf jedes abgegebene Medikament zu erheben. Dies lehnte Diener entschieden ab: Damit wäre die Vergütung von der Wertschöpfungskette abgekoppelt und könnte sich nicht mehr dynamisch entwickeln. Außerdem würden sich die Preise im OTC-Bereich stark verteuern. Professor Dr. Rainer Braun: »Mit einem solchen Honorarsystem riskieren wir die Freigabe der Selbstmedikationspreise.« Eine Honorierung wirke sich auch insofern negativ aus, als die Zahl der abgegebenen Packungen in den letzten Jahren um etwa 30 Prozent gesunken sei.

Auch ABDA-Präsident Hans-Günter Friese wandte sich gegen einen Fixzuschlag. Der Apothekenberuf sei eine Art Zwitter zwischen Kaufmann und Heilberufler. Im Augenblick würden Apotheker über die Produkte wie Kaufleute bezahlt, bei Einführung eines Fixzuschlags würden pharmazeutische Dienstleistungen dagegen ausschließlich über Honorierung als Heilberufler vergütet. Die Zwitterrolle sollte sich auch in der Vergütung widerspiegeln: Zu einem Basisentgelt, das in den Arzneimittelpreisen enthalten ist, sollten zusätzliche Honorare für Zusatzdienstleistungen kommen.

Einige Delegierte hielten das Angebot des Berufstandes, die Arzneimittelpreisverordnung zu drehen, für gefährlich. Die Politik könnte die Margen im hochpreisigen Sektor kürzen, ohne dies durch Anhebungen im niedrigpreisigen Bereich auszugleichen. Darauf entgegnete Hans-Günter Friese, dass es bei dem Angebot zur Drehung der Arzneimittelpreisverordnung vor allem auch darum ginge, politikfähig zu bleiben. »Wir wollen nicht rasiert werden, ohne dass wir mitsprechen können.« Außerdem stünden die Apotheker mit der Forderung nach einer Drehung nicht allein, erklärte BAK-Präsident Johannes M. Metzger. »Alle großen Marktpartner sind auf unserer Seite.«

Eine Drehung der Arzneimittelpreise würde zudem den Internetanbietern den deutschen Markt verleiden. »Nur hier ist die Rosinenpickerei der Internethändler möglich. Hätten wir eine Preisspannenverordnung wie in der Schweiz schon vor drei Jahren gehabt, wäre DocMorris nie auf den deutschen Markt gekommen«, resümierte Braun.

Auf den Einwand, dass eine Drehung für Apotheker nur dann aufkommensneutral sei, wenn die Herstellerpreise konstant blieben, entgegnete Braun, dass die Drehung die Apotheker vielmehr unabhängig von Preisänderungen mache. Wenn die Preise für teure Medikamente gesenkt würden, wie es im Rahmen der EU-Angleichung geplant ist, würde dies zu massiven Verlusten für die Apotheker führen. Braun: »Die Drehung hat somit einen stark präventiven Charakter.«

 

Kommentar: Entlastung sichern Mit der von der ABDA zusammen mit dem Phagro vorgeschlagenen Drehung der Arzneimittelpreisverordnung könnte die Gesetzliche Krankenversicherung (GKV) deutlich entlastet werden. Die Drehung entspräche auch dem gesetzlichen Auftrag, die Arzneimittelpreisverordnung den aktuellen Marktgegebenheiten anzupassen. Sie wäre betriebswirtschaftlich sinnvoll und würde volkswirtschaftlich keine Verwerfungen produzieren. Alle Beteiligten sollten eigentlich zufrieden sein.

Es gibt aber Widerstände. Den Krankenkassen ist es zu wenig, der Politik offensichtlich auch, da sie in ihrem rot-grünen Sparpaket vom vergangenen Freitag nur von einer Kappung im hochpreisigen Bereich spricht. Kreise der Industrie lehnen die Drehung ab, da der Verbraucher im Selbstmedikationsmarkt belastet würde. Glaubhafter wäre die Angst vor sinkenden Umsätzen in diesem Markt.

Unabhängig von den Einwänden halte ich die Drehung für das volkswirtschaftlich am besten geeignete Instrument, Arzneimittelkosten bei der GKV einzusparen.

Sichergestellt werden muss allerdings, dass nach der Drehung die Hersteller hochpreisiger Produkte die Preissenkung durch Senkung der Aufschläge nicht dazu ausnutzen, ihre Abgabepreise zu erhöhen, wie es bei der letzten Kappung geschehen ist. Die Industrie sollte deshalb verpflichtet werden, im Sinne eines solidarischen Verhaltens ihre Herstellerabgabepreise bei einer Drehung nicht zu erhöhen. Nur so kann garantiert werden, dass die geplanten Einsparungen auch bei der GKV ankommen.

Professor Dr. Hartmut Morck
Chefredakteur

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