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Rundum versorgen statt beliefern

14.10.2002  00:00 Uhr
Apothekertag 2002

Rundum versorgen statt beliefern

Die Instrumente für Disease-Management und Pharmazeutische Betreuung stehen bereit: Wie Apotheker in neue Formen des Versorgungsmanagements eingebunden werden können, erläuterten im Arbeitskreis 1 die ABDA-Geschäftsführer Dr. Christiane Eckert- Lill und Dr. Sebastian Schmitz.

Wesentliche Elemente der Pharmazeutischen Betreuung können als Disease-Management-Leistungen angeboten werden, betonte Schmitz. Dazu zählen unter anderem das Führen eines Arzneimitteldossiers, die Complianceförderung oder das Monitoring einer leitliniengestützten Arzneimitteltherapie.

Auf verschiedenen Ebenen, also auch auf Landesebene, seien die Standesorganisationen zwischenzeitlich in Verhandlungen mit Krankenkassenverbänden eingestiegen, die die pharmazeutischen Leistungen der Apotheker zum Gegenstand haben. Nunmehr könne erstmals auch der Einstieg in die Honorierung pharmazeutischer Leistungen außerhalb der von der Arzneimittelpreisverordnung abgegoltenen Tätigkeiten ermöglicht werden. Schmitz: »Wir sind in der erfreulichen Lage, unsere Ideen zumindest teilweise in die Wirklichkeit umsetzen zu können – der Kunde droht sozusagen mit Auftrag.«

Warnung vor Zersplitterung

Schmitz warnte vor der Zersplitterung der Apothekenlandschaft durch ein selektives System, in dem mächtige Krankenkassen mit kleinen Leistungsanbietern Verträge schließen. Auch am Runden Tisch seien Individualverträge in Ergänzung zu Kollektivverträgen gefordert worden. Zu diesen Bestrebungen müssten die Apotheker eine klare Gegenposition beziehen. Individuelle und qualitätsgesicherte Leistungen, das heißt ein derart gesteuerter Wettbewerb unter Apotheken, sei auch im Kollektivvertragssystem möglich, informierte der Jurist.

Eine intensive Pharmazeutische Betreuung sowie das Einschreiben in Disease-Management-Programme (DMP) führen zwangsläufig zu einer engeren Bindung des Patienten an die Apotheke, räumte Schmitz ein. Die freie Wahl der Apotheke bleibe jedoch gewahrt. Auch sei ein Wechsel bei der Beachtung entsprechender Fristen möglich. Keinesfalls solle es »Haus- und Hofapotheken« für Krankenkassen geben.

Konflikte aus dem Weg räumen

Als spezielles Konfliktfeld nannte Schmitz zum einen das Arzt-Apotheker-Verhältnis. Nur durch aufklärende Gespräche könne man Animositäten vermeiden. Auch durch die vorgeschlagenen Schulungen des Patienten könne es zu »atmosphärischen Störungen« kommen. Schmitz unterstrich, dass die Schulungen der Apotheker die Schulungen der Ärzte lediglich ergänzen, aber keinesfalls ersetzen sollen.

Es wäre falsch, die Bemühungen um mehr Effizienz und eine intensivere Hinwendung zum Patienten auf bestimmte Versorgungsformen wie DMP oder die integrierte Versorgung zu beschränken. Die Apotheker böten deshalb ihre Leistungen zur Pharmazeutischen Betreuung nicht nur im Rahmen von DMPs, sondern auch außerhalb dieser Programme an.

Nah am Patienten

Die Apotheker sind »nah« an den Patienten, die ein hohes Vertrauen in deren fachliche und soziale Kompetenz haben, so brachte es Eckert-Lill auf den Punkt. Somit seien unstrittig auch diese in DMP einzubinden. Ohne Zweifel spiele die Arzneimitteltherapie in DMP eine zentrale Rolle, da sie die häufigste und vergleichsweise preisgünstigste Therapieform ist. Der Apotheker könne zur Stärkung der Compliance beitragen.

Grundsätzlich sollten sich alle Apotheker an den Programmen beteiligen können, hob die Referentin einmal mehr hervor. Die ABDA habe sich daher entschlossen, den Kassen ein modular aufgebautes Leistungsangebot zu präsentieren. Dieses umfasse sowohl Basisleistungen wie Motivation des Patienten zur Einschreibung in ein DMP oder Erstellung eines Arzneimitteldossiers als auch indikationsspezifische Tätigkeiten wie Detektion, Lösung, Dokumentation und Prävention arzneimittelbezogener Probleme oder Maßnahmen, die das Selbstmanagement des Patienten fördern.

Prävention groß geschrieben

Circa 32 Millionen, das heißt etwa 40 Prozent der Deutschen sind chronisch krank. Mehr als die Hälfte davon ist multimorbid. Eckert-Lill verwies nicht nur auf die direkten, sondern auch auf indirekte Krankheitskosten, zum Beispiel durch Produktionsausfälle, Lohnersatzleistungen oder vorgezogene Renten, die durch chronisch kranke Menschen zustande kommen. Die angemessene Versorgung gerade dieser Menschen sei die wichtigste und größte Herausforderung des Gesundheitswesens.

Ernährungsberatung, Raucherentwöhnung, Screening-Untersuchungen des Blutzuckers, des Cholesterins oder der Triglyceride, Pharmazeutische Betreuung im Rahmen der Rehabilitation: Bei der Primär-, Sekundär- und Tertiärprävention könnten die Apotheker einen wichtigen Beitrag leisten, stellte Eckert-Lill fest.

Mit überzeugender Mehrheit bekräftigte die Hauptversammlung der Deutschen Apothekerinnen und Apotheker während der folgenden Antragsberatung die von Schmitz und Eckert-Lill im Vorfeld erhobene Forderung, die Patientinnen und Patienten in den Mittelpunkt der Bemühungen um eine Optimierung des Gesundheitssystems zu stellen.

Förderung der Autonomie

Das oberste ABDA-Gremium forderte den Gesetzgeber auf, die Rahmenbedingungen für die Arzneimittelversorgung der Bevölkerung so zu gestalten, dass die pharmazeutische Versorgung weiterhin patientennah erfolgt und die Apotheken die Pharmazeutische Betreuung der Patienten verstärken können. Der sehr kontrovers diskutierte, unpersönliche Versandhandel berge große Gefahren für die Arzneimittelsicherheit sowie die flächendeckende Versorgung der Bevölkerung mit Medikamenten – nicht zuletzt durch längere Auslieferungszeiten und den Verzicht auf Beratung vor Ort.

Die Beteiligung der Apotheker an Disease-Management-Programmen sei ein wichtiges Element und werde der Bedeutung der Rolle und Mitverantwortung der deutschen Apothekerinnen und Apotheker im Rahmen der Pharmazeutischen Betreuung gerecht. Gleichermaßen forderte die Hauptversammlung das Bundesgesundheitsministerium auf, sich verstärkt für eine bessere Berücksichtigung der Patientenrechte und Förderung der Patientenautonomie im Rahmen der DMP einzusetzen.

 

Kommentar: Die Chance Die Zeiten, dass Apothekerinnen und Apotheker ironisch als akademische Schubladenzieher abqualifiziert werden können, sind endgültig vorbei. Mit der Diskussion über Pharmazeutische Betreuung, die vor rund zehn Jahren begann, hat sich auch das Berufsbild gewandelt.

Jahrzehntelang war im Berufsstand beklagt worden, dass die Tätigkeit des Apothekers nicht ausreichend wahrgenommen wird. Grund dafür war, dass die Kommunikation mit den Verbrauchern und Patienten in erster Linie mit der Abgabe eines Arzneimittels charakterisiert wurde.

Mit der Pharmazeutischen Betreuung hat eine Ära begonnen, die unabhängig vom Arzneimittel dem Patienten Zusatznutzen bringt. Das wird inzwischen auch wahrgenommen und macht den Apotheker als Therapiebegleiter, unter anderen auch für die Krankenkassen, wertvoll und hoffentlich bald auch unverzichtbar. Es ist deshalb begrüßenswert, dass Krankenkassen inzwischen auch über die Einbindung der Apotheken in die Disease-Management-Programme nachdenken.

Man kann nur hoffen, dass diese Zukunftschancen für den Berufsstand nicht der Sparideologie geopfert werden.

Professor Dr. Hartmut Morck
Chefredakteur

 

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