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Pharmazie statt Technokratie

14.10.2002  00:00 Uhr
Apothekertag 2002

Pharmazie statt Technokratie

Die Apotheker wollen endlich auch wieder Freude an ihrer Arbeit haben. In einem Gesundheitssystem, das allein auf die Kosten schaut, ist dies jedoch unmöglich. In seiner Grundsatzrede plädierte der Präsident der ABDA – Bundesvereinigung deutscher Apothekerverbände, Hans-Günter Friese, für eine weitere Verbesserung der Arzneimittelversorgung.

»Wir brauchen mehr Pharmazie und weniger Technokraten«, forderte Friese, der seinen Unmut über die allein auf Einsparungen und Wettbewerb fixierte Gesundheitspolitik deutlich artikulierte. Rückten die Rahmenbedingungen zu sehr in die Nähe des Marktes, dann würden Individualität und Autonomie der Versicherten missachtet. Die Folge wäre eine »mehr oder weniger schematisierte Behandlung von Fällen statt von Menschen mit prioritär ökonomischen Vorgaben«. Den Trend zur »Durchökonomisierung bis hin zur Kommerzialisierung des Gesundheitswesens« lehnten die Apotheker strikt ab.

Friese registrierte eine erhebliche Verunsicherung im Gesundheitswesen. Die Politik der vergangenen vier Jahre habe keine verlässlichen Rahmenbedingungen geschaffen. Der ABDA-Präsident forderte von der Politik Ehrlichkeit, ob »eher Markt oder Verbraucherschutz die Gesundheitspolitik prägen sollen«. Die weiterhin geplante Einführung des Versandhandels lasse vermuten, dass der Verbraucherschutz keine allzu große Rolle spielen wird. Friese bekräftigte die Sorge der Apotheker, dass der Versandhandel die Zahl der Apotheken erheblich reduzieren und damit das Distributionssystem nachhaltig verändern würde. Viele der 140.000 Arbeitsplätze in öffentlichen Apotheken und zahlreiche Ausbildungsplätze seien in Gefahr. Seit dem Jahr 2000 sinke auch die Zahl der Apotheken.

Weniger Arbeitsplätze

Konsequenz des Arbeitsplatzabbaus wäre eine Verschlechterung der Arzneimittelversorgung. Die persönliche Beratung in der Apotheke würde wegfallen. Der allein am Profit orientierte Versandhandel kann und will dies nicht leisten. Friese: »Versandhandel anonymisiert, Versandhandel grenzt aus.« Friese stellte fest, dass die Diskussion um den Versandhandel ohnehin nur der Einstieg in eine Systemveränderung sein soll. Ein Blick auf die Vereinigten Staaten, in denen der Versandhandel erlaubt ist, zeige, dass mit ihm keine Einsparungen zu erzielen seien. Das sei auch den Krankenkassen klar.

Leider erkennen Teile der Öffentlichkeit nicht die Nachteile eines kommerzialisierten Gesundheitswesens mit liberalisierten Vertriebswegen, beklagte Friese. Das diesjährige Motto des Apothekertages »Pro Apotheke« solle dem Abhilfe leisten. Ziel sei es, das von einigen Medien äußerst negativ gezeichnete Bild des Berufsstandes wieder zurechtzurücken.

Sozialneid und eine von der Wirtschaftspolitik abhängige Gesundheitspolitik trügen zu diesem Bild bei. Hinzu komme der materialistische Zeitgeist, der Arzneimittel nicht mehr als Ware der besonderen Art ansieht und in der Konsequenz das Risikopotenzial von Medikamenten ignoriert. Arzneimittelsicherheit sei heute in Deutschland so selbstverständlich, dass sie wohl erst wahrgenommen werde, wenn es sie nicht mehr gebe, stellte Friese fest.

Im Sinne einer sicheren und hochwertigen Arzneiversorgung forderte Friese unter anderem, die Rolle des Apothekers als unabhängiger Berater zu stärken, Beratung und Abgabe der Arzneimittel nicht zu trennen und Arzneimittel als besonders erklärungsbedürftiges Gut anzusehen. Diese Themen sollen in der Öffentlichkeitsarbeit der ABDA intensiv kommuniziert werden.

Entscheidend für das Bild der Apotheker in der Öffentlichkeit sei aber auch die gelebte Praxis in der Apotheke. Friese: »Die beste und effektivste Öffentlichkeitsarbeit für unseren Berufsstand ist die pharmazeutische und soziale Kompetenz, mit der sich der Apotheker in der öffentlichen Apotheke, in der Krankenhausapotheke und an seinem Arbeitsplatz darstellt.« Selbstkritisch fragte Friese aber auch nach, ob die Apotheker ihren Beruf in der Praxis so kompetent ausüben, wie die Gesellschaft dies erwarte.

Versand versagt bei Katastrophen

Wie wichtig die wohnortnahe Versorgung durch Apotheken ist, zeigten die Erfahrungen während der Hochwasserkatastrophe im Osten und Süden der Republik. Zu keiner Zeit sei dort die Arzneimittelversorgung gefährdet gewesen. Friese: »Nur das bewährte, dezentral organisierte und damit wohnortnahe System der Arzneimittelversorgung ist in der Lage gewesen, dies sicherzustellen.« Versendete Arzneimittel hätten ihre Adressaten in den Hochwassergebieten mit Sicherheit nicht rechtzeitig erreicht.

Distributionsexperimente lehnte der ABDA-Präsident entschieden ab. Trotzdem sieht er durchaus die Notwendigkeit, die Arzneimittelversorgung weiter zu verbessern. Das ABDA-Konzept setzt aber nicht vordergründig bei den Kosten an, sondern bei der Qualität. Wie Friese ausführte, entlastet eine hochwertige Versorgung dennoch die Sozialversicherungssysteme durch weniger Krankschreibungen und Krankenhauseinweisungen.

Die ABDA-Vorschläge zielen im Einzelnen auf eine Verbesserung der Arzneimittelversorgung und die Weiterentwicklung der Versorgungsstrukturen bis hin zum Home-Service-Konzept. Dabei können Patienten über aponet.de Arzneimittel in einer Apotheke ihrer Wahl bestellen, die dann bei Bedarf direkt ans Krankenbett geliefert werden. Ebenfalls reformbedürftig sei die Preisbildung bei Arzneimitteln. Hier sucht die ABDA Unterstützer für eine Drehung der Arzneimittelpreisverordnung.

Dieses Konzept erfülle alle Zielvorstellungen des Versandhandels, betonte Friese. Durch die Drehung würde die Gesetzliche Krankenversicherung weit stärker entlastet als durch die Einführung des Versandhandels, der Home-Service erhöhe die Bequemlichkeit für die Patienten. Im Gegensatz zur geplanten Liberalisierung des Vertriebsweges wäre das ABDA-Konzept aber eine systemkonforme Fortentwicklung der Arzneiversorgung, es zerstöre das System nicht.

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