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Apotheker sind mit Telematik-Konzept gut gerüstet

17.09.2001  00:00 Uhr

APOTHEKERTAG 2001
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Apotheker sind mit Telematik-Konzept gut gerüstet

Der Berufsstand ist für die digitale Revolution gut gerüstet. Ob Kunden und Patienten, Heilberufler und Kostenträger oder Meinungsmacher und Entscheider, die ABDA setzt auf verschiedene Zielgruppen, erläuterte Dr. Frank Diener, ABDA-Geschäftsführer Wirtschaft und Soziales, in München die Strategie des Berufsverbandes in seinem Referat zum Auftakt des Arbeitskreises Apotheke & Neue Medien.

"Wir haben für jeden Adressatenkreis ein Angebot, das systemkonform und zugleich auch die bessere Alternative zu Konzepten der Konkurrenz ist." Wichtig sei es, den Blickwinkel der jeweiligen Zielgruppe "einzufangen", erklärte Diener seinem Auditorium.

Er nannte drei Schwerpunkt der an Laien adressierten Angebote: Auf einem Arzneimittelpass sollen persönliche Daten der Patienten gespeichert und autorisierten Fachkreisen zugänglich gemacht werden. Dadurch ließe sich die Versorgungsqualität in Arztpraxis und Apotheke entscheidend verbessern. Nicht personengebundene Informationen rund um das Arzneimittel liefert das bereits in diesem Sommer erfolgreich gestartete Internetportal www.aponet.de. Hier hätten die Patienten dann zusätzlich auch noch die Möglichkeit online ihre Arzneimittel vorzubestellen.

Arzneimittelpass in Patientenhand

Auf Grund des fundamentalen Rechts jedes einzelnen auf seine persönlichen Daten dürften auf dem elektronischen Pass Informationen nur mit ausdrücklicher Zustimmung des Patienten gespeichert und verarbeitet werden. Diener: "Die Daten kommen und gehen mit dem Patienten". Die auf dem Arzneimittelpass gespeicherten Informationen geben dem Apotheker dann erst in Verbindung mit einer Datenbank die nötigen Werkzeuge für die Betreuung.

Persönliche Informationen wie Alter, Geschlecht, Allergien und vor allem verordnete und zusätzlich gekaufte Medikamente könnten sicher und schnell auf den Chips der Karte gespeichert werden. Mit Hilfe der ABDA-Datenbank könne der Patient dann "just in time" beraten werden. Dazu lese das System in der Apotheke persönliche Daten von der Karte und suche aus der Datenbank relevante Fachinformationen dazu heraus, erklärte Diener. Kontraindikationen, Interaktionen, Doppelverordnungen aber zum Beispiel auch demnächst fällige Auffrischimpfungen melde das System automatisch.

"Der Mehrwert ist beeindruckend", betonte der ABDA-Geschäftsführer. Die Verlaufskontrolle der Arzneimittelanwendung würde auf eine völlig neue Grundlage gestellt. Beratung und pharmazeutische Betreuung bekämen wichtige Impulse.

Wie Zug und Schiene

Diener entkräftete die Argumente von Kassenvertretern, die anstelle der Chipkarte ein elektronisches Rezept auf einem zentralen Server propagieren. Arzneimittelpass und E-Rezept ergänzten sich vorzüglich und gehörten auf eine Chipkarte. Pass und Rezept seien keine "Entweder-oder-Angelegenheit", sondern gehörten zusammen wie Zug und Schiene.

Bedenken der Datenschützer, die daher eine Pflichtkarte ablehnen, ließen sich ausräumen, indem man eine "Pflichtkarte mit Ausnahmemöglichkeiten" etabliere. Diese von Staatssekretär Schröder vorgeschlagene Formel unterstütze auch die ABDA.

Gegenpol zu dubiosen Websites

"Wenn wir unseren Sicherstellungsauftrag für die Arzneimittelversorgung der Bevölkerung ernst nehmen, müssen wir die Menschen dort abholen, wo sie sind", erläuterte Diener die Bedeutung des Internetportals www.aponet.de. In Deutschland hätte inzwischen die Hälfte der Bevölkerung Zugang zum Internet. Besonders aus der Generation der Fünfzigjährigen käme ständig neue Nutzer hinzu. Die ABDA wolle daher mit ihrem Portal ein deutliches Gegengewicht zu Hunderten von teils dubiosen Websites setzen.

Aponet biete vor allem reichhaltige Informationen rund um die Arzneimittelversorgung und Prävention. Das Portal müsse aber natürlich ständig weiterentwickelt werden. Eine Datenbank mit laiengerechten Informationen zu Arzneimitteln und die Integration der Online-Bestellung in die Warenwirtschaftssysteme seien die nächsten Schritte. Wer Medikamente im Netz bestelle und anschließend in der Apotheke abhole, nutze die Vorteile des E-Commerce. Bis zum Jahresende würden wahrscheinlich über 10.000 deutsche Apotheken am Vorbestell-System teilnehmen, prognostizierte Diener. Allein im August hätten mehr als 100.000 Surfer www.aponet.de besucht. Würden alle deutschen Apotheken ihre Kunden regelmäßig auf das Portal hinweisen, mache das millionenschwere Werbekampagnen überflüssig.

 

Kommentar: Chance Jahrelange Knochenarbeit tragen endlich Früchte. Diesem Resümee von Dr. Frank Diener, Geschäftsführer Wirtschaft und Soziales der ABDA, kann man sich hundertprozentig anschließen. Die von der Apothekerschaft beziehungsweise der ABDA entwickelten Karten, Arzneimittelpass und Health Professional Card, sind ausgereift und haben offensichtlich auch die Politik überzeugt. Die im Arbeitskreis 2 geäußerten Befürchtungen, gläserner Patient, Missbrauch zu Marketingzwecken sowie Vergesslichkeit der Patienten, müssen natürlich ernst genommen und diskutiert werden. Es wäre allerdings schade, wenn sie dazu führen würden, dass das gesamte Konzept fallen würde. Die Chance der Apothekerschaft, sich in dem Gesundheitswesen elektronisch zu vernetzen, sollte unbedingt wahrgenommen werden.

Dr. Hartmut Morck, Chefredakteur

 

Mehr Datentransparenz

Das elektronische Rezept soll künftig nicht nur Datenbrüche verhindern, sondern auch unter Ärzten, Kassen und Apotheken für mehr Datentransparenz sorgen, erklärte Diener das digitale Angebot an die "professionals". Derzeit seien zwar alle Verordnungsdaten rund einen Monat nach Rezeptausstellung digital verfügbar, es dauere jedoch sechs bis achtzehn Monate, bis auch den Kassenärztlichen Vereinigungen alle Daten vorliegen. Ärzte erhielten praktisch keine regelmäßigen und validen Informationen über ihr Verordnungsverhalten.

Das elektronische Rezept dürfe allerdings nicht mit einem Federstrich bundesweit obligat eingeführt werden. Die ABDA propagiere daher eine Lösung, bei der nicht bestehende Abrechungsstrukturen zerschlagen, sondern sektoral umgestellt werden. So lässt sich laut Diener auch vermeiden, dass bis zu 50 neue Behörden geschaffen werden müssten. Das E-Rezept sei aber nur dann sinnvoll, wenn es mit Arzneimittelpass und Zuzahlungsmanagement kombiniert würde. Anfangskosten von über einer Milliarde DM könne man schnell durch Einsparungen kompensieren.

Einen weiteren Baustein im Datenmanagement bildet die Health Professional Card. Die ermöglicht dem Apotheker erst den Zugriff auf ausgewählte Daten. Die Heilberufler könnten sich einerseits ausweisen und andererseits rechtsverbindlich digital unterschreiben. Informationen ließen sich zudem verschlüsselt über unsichere Leitungen verschicken, erklärte Diener. Die ABDA habe sich für eine berufsständische Lösung entschieden und werde die Ausgabe der elektronischen Ausweise über das deutsche Apothekerhaus organisieren. Nur so sei gewährleistet, dass alle Apotheker mit einem Berufsausweis alle Anwendungen bedienen können.

Als letzten Baustein im EDV-Konzept der ABDA nannte Diener die politikadressierten Informationen. Entscheidungen würden immer auf Grund mehr oder weniger seriöser Expertisen und Studien getroffen. Die Apotheker hätten in Sachen Daten eine unbestritten gute Reputation. Unter dem Dach des Deutschen Arzneiprüfungsinstitutes DAPI, dem künftig alle Kammern und Verbände angehören, wolle man nun die apothekereigene Statistik weiter ausbauen.

 

Kommentar: Die Hartnäckigkeit hat sich gelohnt Jahrelang beachtete man die Arbeit der Abteilung Telematik im deutschen Apothekerhaus kaum. Es wurde sogar so manches Mal Kritik laut, der Berufsstand stecke Geld in EDV-Projekte, die sich sowieso politisch nie realisieren lassen. Die Kolleginnen und Kollegen ließen sich dennoch nicht entmutigen, das elektronische Rezept und die Health Professional Card kontinuierlich weiterzuentwickeln. Diese Hartnäckigkeit hat sich gelohnt. Und nur ihr ist es zu verdanken, dass die deutschen Apothekerinnen und Apotheker heute der Politik ein schlüsselfertiges und vor allem praktikables System anbieten können.

Seit der Marktrücknahme von Lipobay® steht das Thema Arzneimittelsicherheit hoch im Kurs. Politiker, Funktionäre der Interessenverbände aber auch Presse und Öffentlichkeit nehmen die Angebote der Apothekerschaft mit großem Interesse wahr. Jetzt ist es an jedem einzelnen Kollegen, sich intensiv mit den berufseigenen Projekten wie Patientenkarte oder dem Internetportal www.aponet.de zu beschäftigen, um Patienten Rede und Antwort zu stehen. 21 500 Apotheken mit 3 Millionen Kundenkontakten pro Tag machen millionenschwere Werbekampagnen überflüssig.

Ulrich Brunner, Redakteur

 

Keine Knöpfchendrücker

"Wir sollten uns hüten, nicht die Chancen zu nutzen, die uns der Arzneimittelpass bietet", betonte der Präsident der Bundesapothekerkammer, Johannes Metzger, in der anschließenden Diskussion. Wer in bei rasant wachsenden wissenschaftlichen Erkenntnissen nicht den Überblick verlieren wolle, müsse die nötigen Hilfsmittel an der Hand haben, reagierte der Präsident auf die Bedenken einer Delegierten. Diese hatte davor gewarnt, die Apothekerschaft degradiere sich mit elektronischen Hilfsmitteln zu Knöpfchendrückern.

Der Arzneimittelpass könne nur auf freiwilliger Basis eingeführt werden, erklärte Magdalene Linz, Präsidentin der LAK Niedersachsen. "Wir sollten unsere Kunden aber ansprechen, und ihnen den Benefit klarmachen."

Auf eine Frage zur Finanzierbarkeit des Projektes verwies Diener auf die bereits von den Krankenkassen akzeptierte Kosten-Nutzen-Analyse. Die Ausgaben ließen sich schnell kompensieren. Doppelverordnungen könnten vermieden werden. Mit großen Ersparnissen rechnet Diener zudem auf Grund des besseren Zuzahlungsmanagements. Er warnte jedoch davor, die Patientenkarte für "Markteting-Mätzchen" zu missbrauchen.

Hermann Stefan Keller, Vorsitzender des Deutschen Apothekerverbandes, motivierte das Auditorium, sich ausführlich über das Telematik-Konzept der ABDA zu informieren. Presse und Patienten seien sehr an der Materie interessiert. Deshalb sollten sich auch Apothekerinnen und Apotheker kompetent machen.

 

  • Der Vortrag als Word-Datei zum Download (Achtung: 8,7 MB)

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