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Pieck: Zeitgeist tobt durch Gesundheitspolitik

02.10.2000
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APOTHEKERTAG
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Pieck: Zeitgeist tobt durch Gesundheitspolitik

von Gisela Stieve, Köln

Zusammenhalt und Solidarität sind mehr denn je gefragt - innerhalb des Berufsstandes, zwischen den Mitgliedsorganisationen der ABDA und innerhalb der ABDA-Gremien, erklärte Dr. jur. Johannes Pieck, Sprecher der ABDA-Geschäftsführung. Pieck erstattete der Hauptversammlung der Deutschen Apotheker zum letzten Mal den Geschäftsbericht. Im Januar 2001 geht der Verbandsjurist in den Ruhestand.

Pieck, der über 30 Jahre in den Diensten der ABDA steht, gab die Begründung für die Formulierung "mehr denn". Dem System der Arzneimittelversorgung drohen von allen Seiten Gefahren. Die Spitzenverbände der Krankenkassen wollen eine Aufhebung des Fremd- und Mehrbesitzverbotes sowie die Zulassung des Versandhandels für Arzneimittel. Dem werde die ABDA auch weiter mit ordnungspolitischen Argumenten und dem Nachweis der Effizienz des geltenden Systems begegnen.

In der causa Stange habe sich bisher gezeigt, dass der Apotheker keine Rücksicht im Umgang mit Kollegen kannte und keine Rücksicht auf die verbindlichen Strukturen des Apothekenrechts nehme. Vor allem zeige er keine Einsicht, dass sein Handeln strafbar sei. Zur Kenntnis müsse man auch nehmen, dass "unsere tagtäglichen Nachbarn" das Fremd- und Mehrbesitzverbot politisch zur Disposition stellen.

Diffuse politische Tendenzen

Pieck konstatierte, dass sich die ABDA heute mit teilweise diffusen politischen Tendenzen auseinandersetzen müsse, die sich mit dem Satz "Soviel Freiheit und Wettbewerb wie möglich und so viel Reglementierung wie nötig" nur unvollkommen beschreiben ließen. Er vermisse Stabilität und Verlässlichkeit. "Der Geist weht, wo er will, aber was da manchmal durch die Gassen der Gesundheitspolitik tobt, ist wohl eher der Zeitgeist", so Pieck.

Beispiele: Ein SPD-Abgeordneter fordere die Filialisierung von Apotheken. Außerdem sollen die Kassen den Einkauf von Insulin europaweit ausschreiben und überhaupt billiger im Ausland einkaufen lassen. Oder die Äußerung eines liberalen Politikers, der nichts dabei findet, dass ein Arzt aus Westfalen nicht benötigte oder angebrochene Arzneimittelpackungen annimmt, um sie anderen Patienten zu geben.

Abgesehen von einer emotionalen Nähe zu den Begriffen Transparenz, Deregulierung, Liberalisierung oder Wettbewerb entwickle die Politik kaum Vorstellungen über konkrete Alternativen. "Man konfrontiert uns eher mit der Vorgabe, Änderungen des Systems seien unausweichlich und bietet uns die Chance, nun sollten wir doch einmal eigene Änderungsvorschläge unterbreiten." Diese Variante der Politik, die die Befürchtung auslösen könnte, im Weigerungsfalle nicht mehr politikfähig zu sein, mache nach Piecks Beobachtung innerverbandlich vereinzelt Eindruck.

Ständiger Kraftakt der ABDA

Die ABDA habe seit 1992 in einem "immer währenden Kraftakt" Konzepte zur Qualifizierung und Weiterentwicklung der Aufgaben des Apothekers entwickelt, wie das Qualitätsmanagementsystem, Qualitätsleitlinien und die Pharmazeutische Leistungsgemeinschaft. Diese Leistungsangebote seien keine "pharmazeutisch herausgeputzten PR-Aktionen", sondern der Versuch, die Substanz der beruflichen Funktionen weiter zu entwickeln, um die gesundheitspolitische und gesellschaftliche Funktion des Apothekers und damit auch das System freiberuflich geprägter Apotheken für die Zukunft zu stabilisieren.

Kein Erkenntnisdefizit, sondern Vollzugsdefizit

In Anlehnung an ein Wort des früheren Bundespräsidenten Roman Herzog leide die ABDA laut Pieck nicht an einem Erkenntnisdefizit, sondern an einem Vollzugsdefizit. Dieses Vollzugsdefizit werde erst dann abgetragen sein, wenn die Basis begriffen habe, "dass unsere Konzepte nicht für Hochglanzbroschüren oder für Schubladen bestimmt sind, sondern in der pharmazeutischen Praxis umgesetzt werden müssen".

Bei der Formulierung von Konzepten könne sich die ABDA längerfristig nicht nach den persönlichen Wünschen eines jeden Apothekers und den ökonomischen, organisatorischen oder personellen Möglichkeiten jeder einzelnen Apotheke richten. Dies würde zu Immobilismus verdammen und das Ende einer zukunftsgerichteten Verbandspolitik sein. Die Apotheke habe einen hohen Imagewert, aber sie sei deshalb noch lange nicht Everybodys Darling, so Pieck. Sie dürfe es auch nicht sein.

Nachdem Pieck auf drei "aktuelle Gefährdungstatbestände" hinwies - die Novelle zum Apothekengesetz, den Entwurf zur Neufassung des Heimgesetzes (künftig Heimbewohnerschutzgesetz) sowie die Forderung der Deutschen Krankenhausgesellschaft nach Öffnung der Krankenhausapotheken für eine weitergehende ambulante Arzneimittelversorgung - sagte er deutliche Worte zu E-Commerce und Versandhandel mit Arzneimitteln. Die breitangelegte Debatte in Politik und Gesellschaft sei ein gesundheitspolitisches Phänomen ersten Ranges.

Eine feine Gesellschaft

Der Apotheker aus dem holländischen Kerkrade, der nach Deutschland Versandhandel "mit sage und schreibe 370, gewiss sorgfältig nach ihrer Frequenz ausgewählten Arzneimitteln" betreibe, erfahre Zustimmung von den gesetzlichen und nun auch den privaten Krankenkassen. "Eine feine Gesellschaft, die gegenüber der Öffentlichkeit Gesetzesverstöße als Wettbewerb und das rechtswidrige Ausnutzen von Preisgefälle als praktizierte ökonomische Verantwortung im Interesse der Kassenmitglieder ausgeben will."

Abenteuerlich mute auch die Vorstellung an, durch Zulassung von Versandhandel eine neue Vertriebsschiene mit Sicherheitsrisiko erst zu schaffen, um dieses Risiko dann wieder durch gesetzliche und administrative Maßnahmen mindern zu wollen, es also "sicherer" zu machen. "Leben wir eigentlich in Deutschland oder in Absurdistan?", fragte sich Pieck. Maßstab der ABDA-Politik bleibe: Der Arzneimittelvertrieb müsse sicher und nicht "sicherer" sein. Russisch Roulette könne man gestatten oder verbieten, es aber gewiss nicht sicherer machen, so Pieck.

(Die Rede im Wortlaut lesen Sie in einer Beilage zur  PZ Nr. 40.)

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