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Innovationspreis für Trastuzumab

17.09.2001  00:00 Uhr

APOTHEKERTAG 2001
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Innovationspreis für Trastuzumab

Der PZ-Innovationspreis 2001 geht an das Brustkrebstherapeutikum Herceptin®. Damit erhält der Hersteller Hoffman-La Roche zum dritten Mal nach 1997 und 1998 die begehrte Auszeichnung der Pharmazeutischen Zeitung. "Der Preis ist eine Bestätigung für unsere Strategie, voll auf Innovationen zu setzen", betonte Dr. Karl H. Schlingensief, Vorstandsvorsitzender von Roche Deutschland, auf einer Pressekonferenz in Anschluss an die Preisverleihung.

Zum siebten Mal zeichnete die PZ anlässlich des Deutschen Apothekertages ein Pharmaunternehmen für die Einführung eines besonders innovativen Arzneistoffes aus. Die sechsköpfige Jury unter Leitung des Heidelberger Pharmakologen Professor Dr. Ulrich Schwabe habe sich für Trastuzumab entschieden, da der monoklonale Antikörper gegen den humanen epidermalen Wachstumsfaktor-Rezeptor 2 (HER2) nicht nur einen völlig neuen Wirkungsmechanismus hat, sondern Patientinnen mit metastasierendem Brustkrebs auch eine neue Therapieoption eröffnet, erklärte PZ-Chefredakteur Dr. Hartmut Morck. Trastuzumab sei eine gut verträgliche Alternative zu unspezifisch wirkenden Zytostatika, wenn Aromatasehemmer oder Antiestrogene nicht mehr ansprechen.

Pharmaunternehmen, die erfolgreich sein wollen, müssten in immer kürzeren Zeitabständen innovative Arzneistoffe entwickeln, erklärte Schlingensief. Diese müssten von den für das Gesundheitswesen Verantwortlichen aber auch erwünscht sein. Innovative Arzneistoffe böten nicht nur neue Therapieoptionen, sondern leisteten auch einen entscheidenden Beitrag zur Kostensenkung, kritisierte er die derzeitige Diskussion im Gesundheitswesen. Wer glaube, das ginge alles kostenlos, sei wirklich naiv. Denn neue Konzepte erforderten vom Hersteller auch nach der Einführung einen hohen finanziellen Aufwand. Wer sich zu Innovation bekenne, gehe selbst die Verpflichtung ein, Rahmenbedingungen zu fördern.

Herceptin® wird als Trockensubstanz angeboten. Die daraus hergestellte Infusionslösung enthält einen rekombinanten humanisierten IgG1- Antikörper, der sich gegen HER2 richtet. Das Rezeptormolekül beschleunigt die Teilungsrate von Krebszellen und deren Ablösung vom Zellverband. Die Antikörper spüren die Rezeptoren an der Zelloberfläche auf, docken dort an und leiten die Zerstörung der Krebszelle durch das Immunsystem ein.

Trastuzumab eignet sich also nur für die Therapie von Brustkrebspatientinnen, deren metastasierende Tumoren das HER2-Protein überexprimieren. Dabei unterteilten die Zulassungsbehörden die Indikation nochmals in zwei Gruppen: Einerseits ist der Antikörper als Monotherapie indiziert, wenn zuvor mindestens zwei Chemotherapien mit mindestens einem Taxan und Anthrazyklin nicht ansprachen. Andererseits kann Herceptin® auch in Kombination mit Paclitaxel solchen Frauen verabreicht werden, die noch keine Chemotherapie erhalten haben und für die Anthrazykline ungeeignet sind.

HER2 wird in 25 bis 30 Prozent aller Mammakarzinome überexprimiert. Studien ergaben, dass diese Patientinnen eine deutlich kürzere krankheitsfreie Überlebenszeit haben. Vor der Behandlung mit dem monoklonalen Antikörper muss unbedingt der HER2-Status bei den Patientinnen bestimmt werden.

Wirksamkeitsstudien

Inzwischen laufen zahlreiche Studien, die die Wirksamkeit von Trastuzumab auch in anderen Bereichen der Brustkrebstherapie untersuchen, erklärte Dr. Ute Riedel, verantwortliche Produktmanagerin bei Roche. Man hoffe, dass Herceptin spätestens 2008 auch zur adjuvanten Brustkrebsbehandlung zugelassen wird. Dazu lief vor wenigen Wochen europaweit die großangelegte Studie HERA an.

Im Vorfeld der Preisverleihung hatten PZ-Chefredakteur Morck und der Mühlheimer Apotheker und Arzt Dr. Hermann Liekfeld einen Überblick über die 29 Arzneistoffe gegeben, die zwischen Juli 2000 und 2001 eingeführt wurden. Dabei machten die beiden Referenten einmal mehr deutlich, dass nicht alles Gold ist, was glänzt.

In die engere Wahl für den Innovationspreis waren neben Trastuzumab die Antimalariakombination Artemether und Lumefantrin, das Enzym Rasburicase sowie Verteporfin gekommen. Liekfeld wertete das Enzympräparat Rasburicase als therapeutischen Fortschritt. Der Wirkstoff übernimmt im menschlichen Körper die Aufgabe der Uratoxidase, über das Menschen und Affen im Gegensatz zu anderen Säugern nicht verfügen. Das Enzym katalysiert den Abbau der schlecht löslichen Harnsäure in Allantoin. Rasburicase eignet sich nicht zur Dauerbehandlung von Gichtpatienten, erklärte Liekfeld. Das Präparat ist nur bei Krebspatienten in der Akutbehandlung therapiert, wenn durch die Tumorlyse große Mengen an Harnstoff den Stoffwechsel belasten. "Rasburicase wirkt sehr schnell zu zuverlässig", sagte Liekfeld. Einziger Nachteil: Auf Grund der hohen Antigenität kann der Wirkstoff nur ein einziges Mal angewendet werden.

Patienten sollten das Kombinationspräparat Riamet® nur zur Therapie der akuten unkomplizierten Malaria tropica einnehmen, informierte Morck. Er warnte davor, das Medikament prophylaktisch einzunehmen, und so Resistenzen zu fördern. Artemether leitet sich chemisch gesehen von Artemisinin ab, einem Inhaltsstoff der Pflanze Artemisia annua, die in China traditionell gegen Malaria eingesetzt wird. Artemisinin-Derivate sind Endoperoxid-Sesquiterpene, die in der Nahrungsvakuole des Parasiten über freie Radikale mit Häm, einem toxischen Abbauprodukt von Hämoglobin, interagieren. Dadurch wird die Umwandlung von Häm in das inerte Malaria-Pigment Hämozoin verhindert. Dies führt sehr schnell zum Absterben des Parasiten, auch bei Chloroquin-resistenten Plasmodien. Auch Lumefantrin, das strukturell dem Halofantrin ähnelt, greift in der Nahrungsvakuole an und verhindert die Polymerisation von Häm. Beide Stoffe hemmen zudem die Nukleinsäure- und Proteinbiosynthese in Plasmodium falciparum. Beide Arzneistoffe wirken synergistisch. Die Einnahme mit einer möglichst fettreichen Mahlzeit erhöht die Resorption und Bioverfügbarkeit der Wirkstoffe erheblich, erläuterte der PZ-Chefredakteur.

Völlig neue Wirkstoffklasse

Verteporfin, das ebenfalls in die engere Wahl für den Innovationspreis kam, gilt als erster Vertreter einer völlig neuen Wirkstoffklasse. Patienten mit feuchter altersabhängiger Makuladegeneration wird die Substanz zunächst infundiert. Der Wirkstoff besitzt eine hohe Affinität zu LDL und gelangt mit seiner Lipoprotein-Fähre besonders in solche Körperregionen, wo Gefäße sprossen und daher viel Cholesterol verbraucht wird; so auch in die beschädigte Makula. Ein punktgenauer Laser mit definierter Wellenlänge regt das in den Läsionen angereicherte Verteporfin an. Dieses überträgt die Energie auf einen Sauerstoffmolekül, die Gefäßzellen gehen zu Grunde und die Gefäßwucherungen werden eliminiert. Der Effekt dieser sogenannten photodynamischen Therapie ist verblüffend. Bereits die einmaliger Behandlung schützt die Makula vor weiteren Zerstörungen und kann das Augenlicht der Patienten retten.

Ein Porträt nicht nur der 29 Kandidaten sondern aller seit 1997 auf den Markt gekommenen Wirkstoffe finden Sie hier.

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