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Positionen der Marktpartner

17.09.2001  00:00 Uhr

APOTHEKERTAG 2001
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Positionen der Marktpartner

Bei der Eröffnung des Expopharm war in den Grußworten der Verbandsvertreter der Apothekenmarktpartner nicht nur Zustimmung zu den Vorschlägen der Apothekerschaft bezüglich der Aut-idem-Regelung und einer Änderung der Arzneimittelpreisverordnung zu hören. Deutliche Signale der Gesprächsbereitschaft waren unverkennbar.

Kritik meldete Dr. Heinz Kipper, Vorstandsmitglied des Verbands Forschender Arzneimittelhersteller (VFA), zu dem von Bundesgesundheitsministerin Schmidt favorisierten Aut-idem-Gebot an. Die forschenden Hersteller würden diesbezüglich mit Nachdruck auf Probleme der Compliance und der Arzneimittelsicherheit hinweisen. Für die Patienten müsse die modernste und sicherste Arzneimitteltherapie gewährleistet sein.

Arzneimittelsicherheit hat Vorrang

An die Apotheker appellierte der VFA-Sprecher, einen kühlen Kopf zu bewahren. Kipper bemängelte zugleich die Empfehlung des Bundesrats, Arzneimittelinnovationen im Rahmen des Gesetzes zur Abschaffung des Arznei- und Heilmittelbudgets (ABAG) nicht mehr explizit zu erwähnen. Dies widerspräche eindeutig einer qualitätsorientierten Versorgung.

"Als viel zu hoch" bezeichnete Kipper die am 6. August per Schiedsspruch eingeführte Quotenregelung zur Abgabe importierter Arzneimitteln. Sarkastisch fragte er: "Wo sonst im Wirtschaftsleben wird einer Gruppe von Firmen ein schon jetzt definierter Umsatzzuwachs über Jahre hinweg zugesagt?" Gefährdet werde damit der Pharmastandort Deutschland, denn die Re- und Parallelimporte stützten die Volkswirtschaften anderer Länder und gingen zu Lasten Deutschlands.

Auf die Vorgänge um den Lipidsenker Cerivastatin eingehend sagte Kipper, "Arzneimittelsicherheit ... war und ist immer das Herzstück der Arzneimittelforschung gewesen. Ein Arzneimittel durchläuft vor und auch nach seiner Zulassung ein jahrelanges Prüfraster hinsichtlich Qualität, Wirksamkeit und Sicherheit". Bei nie gänzlich auszuschließenden Risiken von Arzneimitteln dürfe deren unbestrittener Nutzen nicht vergessen werden. Lebenserwartung und -qualität der Patienten seien durch sie erheblich verbessert worden. Die Diskussion versachlichend, sollten die Apotheken dies Patienten sagen, damit sie nicht eigenmächtig auf für sie wichtige Präparate verzichten.

Gegen Versandhandel und Drehung

Als widersprüchlich bezeichnete der Vorsitzende des Bundesfachverbandes der Arzneimittelhersteller (BAH), Johannes Burges, die Aussagen im Festbetrags-Anpassungsgesetz und im ABAG, da mit letzterem die Selbstverwaltung wieder vollen Handlungsspielraum bekommt. Der BAH bezweifele, ob die Kassen und Ärzteschaft legitimiert seien, Vereinbarungen ohne die Einschaltung weiterer Betroffener zum rationalen und rationellen Umgang mit Arzneimitteln in der GKV zu treffen. Ein Scheitern könnte dazu führen, dass bei weiterhin steigenden Arzneimittelausgaben tiefgreifende Einschnitte in das Arzneimittel-Preisbildungssystem erfolgten.

Ausdrücklich wandte sich der BAH-Vorsitzende in seinen Grußworten gegen einen Versandhandel mit Arzneimitteln: Die Position seines Verbandes sei eindeutig: "Wer die Bestellung von Arzneimitteln per Internet will ... weil in den Vertriebswegen angeblich noch große Wirtschaftlichkeitsreserven stecken, der muss die gleiche Verantwortung für die Arzneimittelsicherheit übernehmen wie bei hoch innovativen Arzneimitteln." Sicherheit habe bei Arzneimitteln den höchsten Stellenwert. Daher sei die Bestellung per Internet in der Bundesrepublik verboten.

"Ohne wenn und aber" steht der BAH hinter der jetzigen Systematik der Arzneimittelpreisverordnung. Burges an die Apothekerschaft gewandt: "Wir sagen ganz deutlich, dass wir eine Drehung der Preisspanne ... nicht mitmachen", die preiswerte und selbst gekaufte Arzneimittel verteuern würde.

Gegen den Trend einer "immer stärker um sich greifenden Listenmedizin" will der BAH zusammen mit seinem europäischen Dachverband AESGP einen anderen Weg einschlagen, der sowohl im Interesse der Apothekerschaft und der Verbraucher als auch der Industrie liegen könnte, kündigte Burges an. Im Auftrag der Europäischen Kommission werden derzeit Arzneimittelindikationen definiert, die der Selbstmedikation zugeführt werden könnten. In die gleich Richtung zielen laut Burges Aktivitäten der EU Kommission bei der Novellierung des europäischen Arzneimittelrechts. So könnten im Rahmen des zentralen Zulassungsverfahrens europaweite Zulassungen auch einen einheitlichen Abgabestatus erhalten. Damit würde die Rezeptfreiheit für ein Arzneimittel in ganz Europa festgelegt.

Arzneimittelpass Chance für Apotheker

Werner Sassenrath, stellvertretender Vorsitzender des Bundesverbandes der Pharmazeutischen Industrie (BPI), der gleichfalls jegliche Listenmedizin ablehnt, begrüßte die vorgesehene Einführung des Arzneimittelpasses zur Qualitätsverbesserung der Arzneimittelversorgung und wertete dies als Chance für die Apotheker. Seiner Ansicht nach würde die Liberalisierung der Heilmittelwerbung darüber hinaus die Patientensouveränität stärken. Der BPI werde daher Vorschläge zur Reform des Heilmittelwerbegesetzes vorlegen.

In der Argumentation des DAV-Vorsitzenden bezüglich der Halbierung der Mehrwertsteuer stimmte Sassenrath voll überein, da mit ihr ein erhebliches Einsparpotential für die Gesetzlichen Krankenkassen zu erzielen sei. Der BPI unterstütze auch die Entwicklung der Apotheke hin zu einem Gesundheitszentrum, zumal die Menschen zunehmend mehr Verantwortung für ihre Gesundheitsvorsorge übernehmen wollen. Deswegen werde der BPI wieder Mitveranstalter des Selbstmedikationskongresses des DAV im kommenden Jahr sein.

Keine Verteuerung durch Vertriebsweg

"Der pharmazeutische Großhandel weist alle Ansätze zurück, die die Ausgabensteigerungen durch Einschnitte in die Arzneimitteldistribution bekämpfen wollen." Mit diesem Statement leitete der Vorsitzende des Bundesverbandes Phagro, Lothar Jenne, sein Grußwort ein. Die Veränderungen bei Preis, Menge und Struktur der Arzneiverordnungen seien keinesfalls auf den Arzneimittelvertrieb zurückzuführen. Im Gegenteil habe der degressive Verlauf der Spannen eine spürbar dämpfende Wirkung.

Der ins Gespräch gebrachten Aut-idem-Regelung kann Jenne jedoch nichts abgewinnen. Er hält die derzeit geführte Debatte um Einsparungen von 1 Milliarde DM durch die Arzneimittelauswahl des Apothekers für völlig unrealistisch, da die Einsparreserven im generikafähigen Segment so weit ausgeschöpft seien, "wie es die Versorgungssicherheit zulässt".

Der Phagro-Verband signalisierte aber durchaus Interesse an einer "intelligenten Weiterentwicklung der Arzneimittelpreisverordnung". Dies sei nach 25 Jahren überfällig. Allerdings seien dabei einige Eckpunkte zu berücksichtigen. Beibehalten werden sollte der einheitliche Abgabepreis und das prozentuale, degressiv gestaffelte, auf Preisgruppen basierende Aufschlagssystem mit preispolitisch sinnvollem Spannenverlauf. Bestehende Quersubventionierungen sollten auf das notwendige und von den Marktbeteiligten akzeptierte Maß zurückgeführt werden. Schließlich sollten die Spannenverläufe bei einer Anpassung ertragsneutral sein.

Eine deutliche Absage erteilte der Großhandelsvertreter dem Versandhandel mit Arzneimitteln. Internethandel könnte nun einmal nicht verbrauchernäher und kostengünstiger sein, "als das 22.000 öffentliche Apotheken mit Unterstützung des pharmazeutischen Großhandels tagtäglich bieten". Wer anders denke, habe ein falsches Verständnis von der europäischen Einigung.

Mit den Apotheken teilt der Pharmagroßhandel ein weiteres Ärgernis: Die ungebrochene Flut von Nahrungsergänzungsmitteln und ihren ständigen Änderungen. Hier besteht für den Phagro Handlungsbedarf. Er hat daher die Initiative ergriffen und eine mit dem Bundeskartellamt abgestimmte Verbandsempfehlung ausgearbeitet. "Sie verlangt" laut Jenne "den Anbietern von Nahrungsergänzungsmitteln ab, für die arznei- und lebensmittelrechtliche Verkehrsfähigkeit ihrer Produkte einzustehen".

Biotechstandort Bayern

Für tragfähige Reformen im Gesundheitswesen sprach sich Hermann Regensburger (MdL), Staatssekretär im Bayerischen Staatsministerium des Inneren, aus. Sie sollten Planungssicherheit für die pharmazeutische Industrie garantieren. Bayern fördere selbst Privatisierungen in der "Offensive Zukunft Bayern" und "High-Tech-Offensive" und baue seine High-Tech-Zentren aus, so auch auf dem Gebiet Life Sciences. Mit einem Rundgang durch die Messehallen eröffnete der Staatssekretär die Expopharm 2001, die er als größte internationale pharmazeutische Ausstellung titulierte.

 

Kommentar: Fronten Die Eröffnung der Expopharm eignet sich immer wieder dazu, die Fronten zu klären, die sich zwischen den Marktbeteiligten im Gesundheitswesen im Laufe eines Jahr aufgebaut haben. Das hat sich auch in München anlässlich der Eröffnung der Expopharm 2001 wieder erwiesen.

Zunächst stellte der Vorsitzende des Deutschen Apothekerverbandes Hermann Stefan Keller die Positionen der Apothekerschaft zur Arzneimittelpreisverordnung, zur Arzneimittelauswahl durch den Apotheker und zum Arzneimittelpass vor. Außerdem definierte er das Ziel der deutschen Apothekerschaft, eine effektivere, patientenorientiertere Arzneimittelversorgung im finanziell akzeptablen Rahmen zu garantieren. Politik des DAV ist es, die Interessen der Versicherten beziehungsweise der Patienten in den Mittepunkt zu stellen, ohne die Existenzsicherung der Apotheken aus den Augen zu verlieren.

In den anschließenden Statements der anderen Marktbeteiligten wurde dagegen deutlich, dass weniger das Allgemeininteresse die Diktion vorgibt, sondern in erster Linie Eigeninteressen deren politische Richtungen bestimmen.

So lehnt der Verband der Forschenden Arzneimittelhersteller (VfA) ein Aut-idem-Gebot strikt ab, während Manipulationen bei der Arzneimittelpreisverordnung - zum Beispiel durch eine Drehung - durchaus akzeptiert würden . Der Grund dafür liegt wahrscheinlich darin, dass bei einer Drehung im oberer Preisbereich Möglichkeiten zur Erhöhung der Herstellerabgabepreise sich bieten würden, ohne die Verkaufspreise zu belasten.

Ganz anders der Bundesverband der Arzneimittelhersteller (BAH), der durch eine solche Manipulation eine Verteuerung der Selbstmedikation befürchtet, was den Mitgliedsfirmen des BAH das Geschäft vermiesen würde.

Aut idem scheint auch ein rotes Tuch für den Bundesverband des pharmazeutischen Großhandels (Phagro) zu sein, der ebenfalls Umsatzeinbrüche befürchtet, während man an der Weiterentwicklung der Arzneimittelpreisverordnung auch mitarbeiten will.

DAV beziehungsweise die ABDA werden noch viel Überzeugungsarbeit leisten müssen, um diese Interessenunterschiede auf einen Nenner zu bringen. Ziel muss es sein, der Politik ein funktionierendes Konzept anzubieten, das auch bei den Beteiligten breite Zustimmung findet. Dies muss möglichst schnell geschehen, bevor die Politik den Beteiligten ein Konzept überstülpt.

Dr. Hartmut Morck, Chefredakteur

 

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