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Grippemittel: Firmen steigern die Produktion

WIRTSCHAFT UND HANDEL

 
Grippemittel

Firmen steigern die Produktion

Von Bettina Sauer

 

Roche und GlaxoSmithKline fahren die Produktion ihrer Grippemedikamente hoch. Damit reagieren sie auf die steigende Nachfrage nach den Präparaten, die nach Einschätzung der Weltgesundheitsorganisation gegen die Schweinegrippe helfen.

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Mit der Zahl der Schweinegrippe-Verdachtsfälle, -Patienten und -Todesopfer steigt die Nachfrage nach antiviralen Medikamenten. Erkenntnissen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zufolge, helfen die beiden Neuraminidasehemmer Oseltamivir (Tamiflu®) und Zanamivir (Relenza®) auch gegen den neuartigen Erreger A/H1N1. Entsprechend schnell spiegelte sich der Ausbruch der Schweinegrippe in Mexiko an der deutschen Börse wider: Am 27. April gewannen die Aktion von Tamiflu-Hersteller Roche 3,5 Prozent dazu, die des Relenza-Produzenten GlaxoSmithKline sogar etwa 6 Prozent.

 

Zudem hat die WHO Anfang Mai den Notvorrat an Tamiflu abgerufen. Das bestätigte Dr. Hans-Ulrich Jelitto, Pressesprecher der deutschen Roche Pharma AG in Grenzach-Wyhlen, gegenüber der PZ. Der Vorrat umfasse fünf Millionen Packungen. Zwei Millionen davon lagerten bereits bei der WHO, die anderen drei Millionen an den Roche-Standorten in den USA und der Schweiz. »Die WHO wird nun entscheiden, in welcher Weise sie die Präparate auf die einzelnen Länder verteilt«, sagte Jelitto.

 

Auch die Nachfrage durch die deutschen Behörden scheint zu steigen. Gemäß dem nationalen Pandemieplan muss jedes Bundesland genug Grippemedikamente kaufen und einlagern, um gegebenenfalls 20 Prozent der Bevölkerung zu versorgen. Bayern möchte in Anbetracht der aktuellen Lage nach Angaben der Deutschen Presse-Agentur (dpa) seine Reserven auf 30 Prozent aufstocken. Andere Bundesländer erreichen nicht einmal die 20-Prozent-Quote, wie das Nachrichtenmagazin »Der Spiegel« in seiner aktuellen Ausgabe berichtet. Bremen, Hamburg und Niedersachen zum Beispiel verfügten nur über eine Bevorratung für etwa 11 Prozent ihrer Einwohnerschaft. Inzwischen übe das Bundesgesundheitsministerium Druck auf diese Länder aus, ihre Quoten auf den Bundesstandard zu erhöhen. Doch fürchteten manche Bundesländer inzwischen Lieferengpässe.

 

Firmen brauchen einige Monate

 

»In Abstimmung mit der WHO fahren wir unsere Tamiflu-Produktion gerade auf das Maximum hoch«, kommentierte Roche-Sprecher Jellito gegenüber der PZ.  Dieses liege bei 400 Millionen Packungen im Jahr. »Allerdings wird es sechs bis acht Monate dauern, bis wir dieses Ziel erreichen. Denn der Herstellungsprozess des Medikaments ist sehr komplex.« Auch GlaxoSmithKline kündigte eine Steigerung seiner Produktion an. »Wir werden die jährlichen Herstellungskapazitäten auf 50 bis 60 Millionen Packungen erhöhen«, sagte Unternehmenssprecher Florian Martius gegenüber der PZ. »Wir hoffen, dies in den nächsten zehn bis 15 Wochen zu erreichen.«

 

»In Deutschland macht Tamiflu den Großteil der eingelagerten Arzneimittel aus«, sagte Professor Dr. Jörg Hacker, Präsident des Robert-Koch-Instituts (RKI), bei einer Pressekonferenz zur Schweinegrippe vergangene Woche in Berlin. Denn aufgrund seiner oralen Einnahme biete es diesbezüglich Vorteile gegenüber Zanamivir, das inhaliert werden muss. Letzteres macht nach Angaben von GlaxoSmithKline derzeit durchschnittlich 13 Prozent der weltweiten pandemischen Lagerbestände aus.

 

In den deutschen Apotheken sind  nach wie vor ausreichend Tamiflu und Relenza vorhanden. Dr. Ursula Sellerberg, Pressesprecherin der ABDA - Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände, sagte gegenüber dpa: »Es kann sein, dass es hier und da einmal lokal zu Engpässen kommt. Über Nacht kann der Großhandel die Ware aber überregional dorthin verschieben, wo sie nachgefragt wird.« Der Bundesverband des pharmazeutischen Großhandels (Phagro) habe die Lieferfähigkeit bestätigt.

 

Dass der Tamiflu-Absatz derzeit boomt, bestätigen aktuelle Zahlen des Informationsdienstleisters »Insight Health«. Vom 22. bis 28. April seien rund 115.000 Packungen des Grippemittels über den pharmazeutischen Großhandel an Apotheken verteilt worden. Damit seien innerhalb einer Woche so viele Packungen über den Ladentisch gegangen wie sonst in einem ganzen Winter. Ausdrücklich warnte RKI-Chef Hacker bei der Pressekonferenz vor der Einnahme der Medikamente ohne ärztliche Verordnung. »Durch den Einsatz unterdosierter Medikamente können die Viren Resistenzen ausbilden.«

 

Hinzu kommen mögliche Qualitätsmängel beim eigenmächtigen Kauf der Präparate über das Internet. Aktuell kursierten bereits Massenmails dubioser Versender, die Grippemittel anbieten, teilte die ABDA mit. Wer sich darauf einlasse, bekomme mit hoher Sicherheit gefälschte Medikamente, die nicht wirken oder sogar selbst Schäden verursachen.


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Beitrag erschienen in Ausgabe 19/2009

 

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