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Phase-I-Studie
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Impferfolg gegen MERS-Coronavirus

Das MERS-Coronavirus ist bislang nicht pandemisch geworden und derzeit wohl in den Hintergrund getreten. Dabei gilt es als deutlich gefährlicher als sein neuer Verwandter SARS-CoV-2. Ein Impfansatz gegen MERS, der auch gegen das neue Coronavirus zum Einsatz kommen soll, wurde jetzt erfolgreich getestet.
AutorKontaktDaniela Hüttemann
Datum 22.04.2020  09:00 Uhr

MERS steht für Middle East Respiratory Syndrome. Die Krankheit wird wie SARS und Covid-19 von einem Coronavirus ausgelöst (MERS-CoV), das 2012 zum ersten Mal auftauchte. Menschen können sich bei Dromedaren infizieren. Bis heute gab es weltweit mehr als 2500 Fälle in 27 Ländern mit Schwerpunkt in Saudi-Arabien, das Virus wurde allerdings nie pandemisch. MERS-CoV scheint nicht so ansteckend zu sein wie seine SARS-Verwandten, allerdings mit einer geschätzten Mortalitätsrate von 35 Prozent deutlich tödlicher.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat es auf ihre Liste besonders gefährlicher Krankheitserreger für die öffentliche Gesundheit aufgenommen. »Um auf größere Ausbrüche vorbereitet zu sein, haben wir bereits 2014 mit Partnern im Deutschen Zentrum für Infektionsforschung (DZIF) begonnen, einen Impfstoff gegen das MERS-Coronavirus zu entwickeln«, erklärt Professor Dr. Marylyn Addo vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) in einer Pressemitteilung.

Die Vakzine basiert auf dem modifiziertem Vacciniavirus Ankara (MVA), einem abgeschwächten Pockenvirus, das bereits während der Impfkampagne zur Ausrottung der Pocken zum Einsatz kam. Für den MERS-Impfstoff wurden die genetische Information für das Spike-Protein des MERS-Coronavirus in MVA eingebaut. Das Pockenvirus dient damit als viraler Vektor. Analog wird derzeit auch an einem SARS-CoV-2-Impfstoff gearbeitet, dabei wird im Prinzip nur das Spike-Protein des MERS-Coronavirus gegen das von SARS-CoV-2 ausgetauscht. Coronaviren brauchen dieses Hüllprotein, um die Wirtszelle entern zu können. Es soll dem Immunsystem als Antigen dienen, um Antikörper und T-Zellen dagegen zu bilden.

Entwickelt wurde MVA-MERS-S, so der wissenschaftliche Name der Vakzine, von Professor Dr. Gerd Sutter von der Ludwig-Maximilians-Universität München in Zusammenarbeit mit der Philipps-Universität Marburg und dem Erasmus Medical Center  Rotterdam. 

Der experimentelle Impfstoff wurde nun erfolgreich in Zusammenarbeit mit dem Clinical Trial Center North des UKE erstmals am Menschen getestet, wie die Verantwortlichen jetzt im Fachjournal »The Lancet Infectious Diseases« berichten. In der Phase-I-Studie erhielten 23 gesunde Probanden zweimal im Abstand von vier Wochen MVA-MERS-S.

Gut verträglich

»Die Ergebnisse zur Verträglichkeit und Sicherheit sowie zur Immunantwort auf den Impfstoff-Kandidaten gegen MERS sind sehr ermutigend«, erklärt einer der Erstautoren, Dr. Till Koch vom DZIF. Der Impfstoff sei gut vertragen worden. Lokale Nebenwirkungen der Impfung wie Schmerzen an der Einstichstelle, leichte Rötung oder Überwärmung waren am häufigsten und traten bei 69 Prozent der Probanden auf. Schwerwiegende Nebenwirkungen seien dagegen nicht vorgekommen.

Neben Sicherheit und Verträglichkeit ging es auch darum, ob die Impfung eine humorale und zelluläre Immunantwort auslöst, die vor einer MERS-Infektion schützen oder den Verlauf abmildern kann. Dazu Ko-Erstautorin Dr. Christine Dahlke: »Nach zweimaliger Impfung wurde in 87 Prozent der Probanden eine Immunantwort in Form von Antikörpern und T-Zell-Antworten beobachtet.«

»Diese Ergebnisse zeigen, dass der neue Impfstoff das Potenzial hat, in möglichen zukünftigen MERS-Ausbrüchen eingesetzt zu werden«, kommentiert Professor Dr. Stephan Becker, in dessen Labor an der Philipps-Universität Marburg die Antikörper-Antworten bei den Studienteilnehmern untersucht wurden. Becker ist an allen Impfstoffprojekten maßgeblich beteiligt, auch an der Entwicklung des MVA-basierten Covid-19-Impfstoffs.

»Die Ergebnisse dieser Impfstoff-Studie sind für uns auch im Hinblick auf die Impfstoffentwicklung gegen das neue Coronavirus SARS-CoV-2 ein wichtiges und ermutigendes Ergebnis«, erklärt Addo, Leiterin der Sektion Infektiologie des UKE. »Die Entwicklung des MERS-Impfstoffes bildet die Grundlage, auf der wir im DZIF zügig einen Impfstoff gegen das neue Virus entwickeln.«

Der MERS-Impfstoff soll nun als nächstes in einer internationalen Phase-Ib-Studie mit 160 Probanden in Hamburg und Rotterdam getestet werden. Die Erkenntnisse sollen auch in die Entwicklung des Covid-19-Impfstoffs einfließen.

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