| Paulina Kamm |
| 30.01.2026 14:44 Uhr |
Ärztin Catharina Hamm, stellvertretende Sprecherin der AG Gendermedizin der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie, betonte die Rolle der Symptome und wie ernst diese genommen werden. »Frauen haben häufig mehr als drei verschiedene Symptome«, so Hamm. Dies stoße bei Behandelnden häufig auf Verwirrung, denn Rücken- oder Kopfschmerzen und Übelkeit gehören nicht zu den klassischen Symptomen einer Herzerkrankung. »Die ist ja total psycho, der tut alles weh, das kann nicht das Herz sein«, sei die Einstellung, die oft bei medizinischem Personal, aber auch bei Frauen selbst vorherrsche und ihnen dann zum Verhängnis werde.
»Der Herzinfarkt ist das Ende einer vorher langen stillen Geschichte, die nicht erkannt wurde«, betont Hamm mit Blick auf die Wechseljahre. Es komme in dieser Phase zu einem Verlust des Gefäßschutzes und einem Anstieg von LDL-Cholesterin, Blutdruck und Lipoprotein(a), wodurch Frauen zu kardiologischen Risikopatientinnen werden.
»Herzprävention ist immer noch nicht für Frauen ausgelegt. Andererseits sehe ich auch, dass die Awareness für Herzerkrankungen bei Frauen in den letzten zehn Jahren um 74 Prozent abgenommen hat, die Wahrscheinlichkeit aber, dass sie Brustkrebs als Todesursache angeben, hat sich verdoppelt. Anscheinend sind die Brustkrebskampagnen einfach besser«, reflektiert Hamm die Ansprache der Frauen in Herzensangelegenheiten.
Es fehle in der breiten Masse an Information und zielgerechter Ansprache. Herzgesundheit sei zwar ein Thema, »das für viele nach Rheumadecke klinge«, sie versuche allerdings den Menschen klarzumachen: »Es ist total sexy, seinen Blutdruck zu wissen«, so Hamm.
Man sehe in der Forschung große Chancen in der KI, um den Gender Health Gap zu schließen, so Annekatrin Gebauer von Novartis Pharma. Dass Frauen in der Vergangenheit aus der Forschung großenteils ausgeschlossen waren, könne die künstliche Intelligenz zwar nicht ausgleichen, allerdings könne sie extrapolieren und neu synthetisieren, wodurch Forschungsdefizite aufgefangen werden können. Die Unterrepräsentation von Frauen in medizinischen Studien oder Verschreibungsprobleme für das ärztliche Personal bei Off-Label Gebräuchen beispielsweise aufgrund Dosierungsreduktion seien nur exemplarisch Gründe für ihr Fazit: »Präzise, adäquate medizinische Versorgung muss eine gendersensible Versorgung sein«, betont Gebauer.
»Therapie ist auch Prävention«, unterstreicht Mareike Geier von Astra-Zeneca ihre These, dass vor allem Komorbiditäten besser behandelt werden müssen. Risikofaktoren gelte es zu senken, Lebensqualität herzustellen und die Lebensdauer zu verlängern. Deutschland sei im Einhalten von medizinischen Leitlinien im europäischen Vergleich das Schlusslicht. »Nur 30 Prozent aller Patientinnen und Patienten bekommen leitliniengerechte Therapie und Frauen bekommen noch viel weniger. Sie bekommen pro Kopf weniger innovative Medizin und generell Ausgaben für Medikamente. Männer bekommen also die bessere Medizin«, so Geier.
Die Wissenslücken bei Haus- und Frauenärzten sind laut Geier besorgniserregend, weswegen es wichtig sei, auch die Männer für das Thema zu sensibilisieren. Ein weiterer Grund: Die Datenlage zeigt, dass Frauen durch männliche Ärzte nicht gut beraten seien.
Nur fünf bis zehn Prozent können laut Stefanie Srock von Lilly Deutschland ihr Gewicht halten, wenn sie in den Normbereich abgenommen haben. »Wir müssen die Gesundheit gestalten, nicht die Krankheit verwalten«, so Srock mit Blick auf die Behandlungs- und Präventionmöglichkeiten durch Abnehmspritzen. Um diese unter die Patientinnen und Patienten zu bekommen, sehe sie große Chancen in der niederschwelligen Zusammenarbeit mit Apotheken.